Organisierte Kreativität
Beim „Kreuzberg Slam“ treffen Profis auf Amateure. Es geht um Worte, Lacher und ein Megaphon. Applaus ist quasi garantiert.
Am Ende gab es dann ein Megaphon als Preis. Auf dass die Worte nicht verstummen mögen, die an dem Abend so zahlreich und in verschiedenster Form erklungen waren. Schreit es hinaus in die Welt, scheint der Preis zu sagen. Oder etwa nicht?
Ein Abend im Lido in Kreuzberg. Kreuzberg Slam heißt die Veranstaltung, einer von etwa siebzig regelmäßig stattfindenden Poetry Slams in Deutschland. Kreativer Vorleseabend meist junger Dichter. „ Eine Mischung aus Lesung und Rockkonzert“, beschreibt Sebastian Lehmann, einer der Organisatoren des wortreichen Spektakels, die Idee der Slams.
Ein Bier, eine Bühne und ein Haufen Worte
Tatsächlich. Statt wie bei altbackenen Lesungen einen Tisch mit einem Glas Wasser als Bühnendeko, bekommen die Wagemutigen hier allein ein Mikrophon als Waffe. Und fünf Minuten Zeit, um ihre teils lyrischen, teils prosaischen Texte dem Publikum zu präsentieren. Wer etwas trinken will, kann sich an der Bar ein Astra holen. Poesie in Clubatmosphäre. Poesie als Wettbewerb.
Denn ob der inhaltlichen Freiheit, die den Künstlern zusteht, funktioniert der Slam nach strengen Regeln. Drei Runden à fünf Autoren. Nur Selbstgeschriebenes, keine Requisiten. Jeder hat fünf Minuten Zeit für seinen Text, überschreitet er sie, wird er mit Musik unterbrochen. Am Ende jeder Runde wird per Applaus abgestimmt, wer am besten war. Die drei Gruppenersten kommen ins Finale. Dort dürfen sie einen zweiten Text vortragen. Der Applaus wiederum bestimmt den Sieger des Abends.
Und dementsprechend laut geht das Ganze auch vor sich. „Es ist schon so, dass der, der die meisten Lacher drin hat, gewinnt. Melancholische Texte hört man eher selten“, erzählt Paul, Student und regelmäßiger Besucher von Poetry Slams. Wer die worthungrige Meute belustigt, erntet mehr Applaus, hat also mehr Chancen aufs Finale und den Sieg. So die einfache Regel, die die meisten der Vortragenden tunlichst befolgen.
Wirtschaftskrise, Alkoholiker und die Liebe
Dabei kann alles herhalten. Ob die Folgen der Wirtschaftskrise oder der Dienstwagenvorfall der Gesundheitsministerin in Spanien. Ob die Erlebnisse als Vegetarier beim Grillen oder die eines Möchtegernpunks bei den Chaostagen in Hannover. Bemerkenswert häufig erscheint das Motiv des Gesprächs mit arbeitslosen Alkoholikern. Und selbstverständlich die Liebe, die analysiert, seziert, angeklagt, angefleht oder einfach nur beschrieben wird.
„Das Tolle am Poetry Slam ist die Prägnanz, die dadurch entsteht, seinen Text in kürzester Zeit vortragen zu müssen“, erklärt Sebastian Lehmann. Seit zwei Jahren organisiert er mit drei Freunden der Kreuzberg Slam. „Damals gab es kaum einen richtigen Slam in Berlin.“ Sie entschlossen sich, selbst einen ins Leben zu rufen. Bis vor kurzem fand er im Kato statt, bis der Erfolg der Veranstaltung den Slam ins größere Lido ziehen ließ.
Dichten, Entscheiden und Fahrtkosten teilen
Nachdem die erste Runde mit Philipp einen eindeutigen Sieger hervorgebracht hatte, steht Moderator Kolja nach Ende der zweiten Runde vor einem Problem. Es gibt fünf Autoren, die alle vom Publikum etwa gleich laut und gleich lang beklatscht werden. Er geht die Namen noch einmal einzeln durch, mit einer kurzen Zusammenfassung des vorgetragenen Textes. Keine Chance. Das Publikum applaudiert bei jedem Namen frenetisch.
„Ich gehe zwar gerne hin, aber selbst könnte ich das nicht. Einen Text schreiben vielleicht, aber ich könnte mich nicht da hinstellen und vortragen“, gesteht Paul. Vielen im Publikum dürfte es ähnlich gehen. Damit sich nicht zu wenige Leute für die fünf Minuten Rampenlicht melden, wird etwa die Hälfte der Auftretenden vorher von den Organisatoren eingeladen. So genannte Profi-Slammer, die mit ihrer Kunst auf Tour sind und in der Szene einen Namen haben. „Großes Geld verdienen sie aber nicht damit. Wenn etwas am Ende von den Einnahmen übrig bleibt, versuchen wir, sie bei den Fahrtkosten zu unterstützen, “ sagt Sebastian Lehmann.
Moderator Kolja versucht es noch einmal. Diesmal werden nur die Namen genannt, der Applaus darf zwei Sekunden pro Künstler dauern. Am Ende entscheiden Kolja und sein Co-Moderator Sebastian, dass der lauteste Applaus Bas Böttcher, einem Star der Szene, galt. Eine zweifelhafte Entscheidung. Seinen Text „Alles in allem“, habe er schon beim letzten Slam vorgetragen, wird im Publikum geraunt. Groß protestiert wird aber nicht. Publikum und Künstler erheben sich zur Pause.
Zittern, Routine und “eigentlich alles schon mal gehört”
Kommt es denn häufiger vor, dass sich Texte wiederholen? „ Von den Profi-Slammern, also von denen, die wir im Vorfeld eingeladen haben, habe ich alles eigentlich schon mal gehört“, erzählt Sebastian Lehmann. „ Aber es gibt ja auch immer neue, die ich noch nie gesehen habe, wie zum Beispiel Philipp, der die erste Runde gewonnen hat.“
Am ganzen Körper zitternd hatte der junge Mann seine fünf Minuten auf der Bühne gestanden, und dennoch mit fester Stimme und charmantem Witz sein Können präsentiert. Zunächst, in Anspielung auf Hemingway und Tolstoi, zwei sechs Wörter lange Kurzgeschichten. Daraufhin ein Gedicht über die Lügen der Liebe als Abschluss. Spielend hatte er damit die erste Runde gewonnen, die ausschließlich aus Nicht-Profis bestand.
Denn neben den großen Namen, soll sich dem Ur-Prinzip der Poetry Slams nicht verweigert werden: Dass jeder, der möchte, seine Kunst präsentieren darf. Einfach beim Einlass Bescheid geben. So das Verfahren. Nach den ersten Slams in Chicago in den achtziger Jahren hat es die Dichtkunstwettbewerbe im Fernsehen gegeben, es wurden Weltmeisterschaften ausgetragen. Wie alles Gute und Spontane, wurde versucht, es zu kommerzialisieren. Dass in Kreuzberg nicht an Szenegrößen gespart wird, ist sicherlich symbolisch dafür.
Ein “Rockstar”, ein Publikum und keine Buh-Rufe
Auch die dritte Runde hat mit Felix Römer einen bekannten Slammer als Sieger hervorgebracht. In dem Wissen, dass sein Text bereits bekannt war, hatte er das Publikum gebeten, prägnante Zeilen doch bitte mitzusprechen. Er wolle das Gefühl eines Sängers haben, bei dem das Publikum die Lieder mitsingt, hatte er mitgeteilt. Das Publikum hatte brav pariert. Kann es sein, dass Philipp die erste Runde nur gewonnen hatte, weil dort keine Profis in der Gruppe waren?
Paul erläutert die Bedeutung von Erfahrung bei Poetry Slams. „Ich würde nicht bei so einem großen Slam wie dem hier anfangen. Weil das Publikum hier groß und sehr kritisch ist. Ich würde bei ein paar kleineren Slams beginnen, um zu sehen, was ankommt und was nicht.“ Damit aber keiner verletzt nach Hause geht, ist auch hier vorgesorgt. Der Kreuzberg Slam ist kein Apollo Theatre, wo keine Buh-Rufe schon ein Lob sind. Im schlimmsten Fall gibt es hier wohlwollenden Applaus.
Applaus, Frauen und ein kühles Getränk
Das Finale zeigt schnell die Differenzen auf. Philipp präsentiert dem vollen Saal eine diffuse Geschichte über ein Gespräch mit einem „Alki am Spreeufer“, woraufhin Felix Römer das Konzept des interaktiven Liebesgedichts gegen die Wand fährt. Bas Böttcher ist als Letzter dran. Er übt sich in gekonnter, wenn auch nicht sonderlich kreativer Wortakrobatik, indem er in zwölf Punkten die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Punkt darlegt.
Ein letztes Mal darf der bis in die letzte Ecke gefüllte Saal des Lido um die Wette applaudieren. Es wird gejohlt, es wird geschrien. Am Ende darf Bas Böttcher das Megaphon entgegennehmen. Umarmungen für die Mitstreiter, dann ein kühles Getränk und sich in weiblicher Gesellschaft in den Pavillon verziehen. Der Routinier hatte sich durchgesetzt.
