Polke und die Siebziger
Sex, Drugs und Rock’n’Roll an der Alster: Die Hamburger Kunsthalle zeigt einen völlig neuen Sigmar Polke

Sigmar Polke: Schweineschlachten
Betritt man das 2. Obergeschoss der Galerie der Gegenwart, tönt durch die Räume eine fröhliche Melodie. Das „Falari, falara“ eines altbekannten Wanderlieds dringt immer wieder von der gegenüberliegenden Seite zum Eingangsraum durch. Gleichzeitig wird man von den intensiven Farben der Werke des ersten Raumes, dem Herzstück der Ausstellung, mitgerissen. Es zeigt eine weithin unbekannte zehnteilige Werkgruppe Sigmar Polkes aus den Jahren 1972 – 1976, die den Namen „Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen.“ trägt. Ermöglicht durch die Susanne Liebelt Stiftung wird das Dauer-Ensemble von drei aufeinander folgenden, sich ergänzenden Wechselausstellungen mit den Themenakzenten „Clique“, „Pop“ und „Politik“ gezeigt, was eine stete Neukontextualisierung der Kleinbürger-Serie fordert.
Die Klasse dazwischen
Den Titel verdankt die großformatige Bildergruppe dem vieldiskutierten Aufsatz „Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums“ von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 1976, der die Kleinbürger als die sich selbst negierende und verleugnende Klasse, als die Klasse dazwischen, definiert. Wie der Name der Werkgruppe schon verrät, zählt auch Polke sich zur kleinen Bourgeoisie, zeigt dabei aber stets ein uneingeschränktes Interesse an Grenzüberschreitung und Provokation. Das wird bei Betrachtung der Herzstücke auch sehr schnell deutlich.

Sigmar Polke: Can you always believe your eyes?
Die zehn „Kleinbürger“ zeigen Stereotypen und tradierte Sichtweisen der siebziger Jahre, die Polke in seinen Bildern hinterfragt und demontieren möchte. In Zeiten der sexuellen Revolution und der Hippie-Kultur nimmt er das Kleinbürgertum aufs Korn, spielt mit Geschlechterrollen, changiert zwischen Nähe und Distanz. Polke bricht stets aus und ermahnt uns, nicht zuletzt durch die konkrete Formulierung des Bildes „Can you always believe your eyes?“ (1976), unseren Augen nicht immer zu trauen. Gewarnt schreitet man in den nächsten Raum dieser ersten Schau.
„Polke im Plural“
Polke lebte zur Zeit der Entstehung der „Kleinbürger-Gruppe“ mit befreundeten Künstlern wie Achim Duchow, Candida Höfer und Katharina Sieverding auf einem niederrheinischen Bauernhof, dem Gaspelhof in Willich, zusammen. Die folgenden Räume gewähren tiefe Einblicke in diese Form des alternativen Zusammenlebens und deren künstlerischen Ertrag – „Polke im Plural“, wie es die Kuratoren nennen. Stets mit einem Pentax- Fotoapparat um den Hals folgte Polke während dieser Jahre dem Grundsatz, das Leben zur Kunst zu machen. „Es scheint die Sonne, also scheint es Kunst, der Wind weht aus der und der Richtung, also weht es auch Kunst aus der und der Richtung“, begriff Polke das Leben in den Siebzigern. Diese Maxime zeigt sich auch in den Telefonzeichnungen, großformatige Papierbögen mit alltäglichen Kritzeleien, Botschaften und Zeichnungen der Besucher des Gaspelhofs.
Flucht aus dem bürgerlichen Alltag

Klaus-Mettig: Andromeda-Magazin und Projektion auf Zucker
Ein Raum weiter mischt sich das „Falari, falara“ mit dem Klicken eines Diaprojektors. Dort wird Klaus-Mettigs Dia-Installation Andromeda-Magazin mit Bildern aus der Düsseldorfer Szene kombiniert und wird seiner Projektion auf Zucker mit anonymen Amateurfotos einer kleinbürgerlichen Silvesterfeier gegenübergestellt. Diese zweite Arbeit wird auf den Boden projiziert und die Flucht aus dem zuckersüßen Spießertum ordnet sich so, zumindest räumlich, dem Leben von Transvestiten, Prostituierten, Dealern und Polke & Co, unter.
Im Drogenrausch für die Kunst
Im letzten Raum angekommen, kann man nun das Wanderlied zuordnen: Es ist Teil des Filmes Shit (1968/75), der das Bauen eines Joints zelebriert. Ein Wandersmann war auch Polke, der in den siebziger Jahren Reisen unter anderem nach Brasilien und Afghanistan unternommen hat. Drogen spielten dabei immer eine große Rolle. Die psychedelischen „Fliegenpilz-Bilder“ können dies nicht verschleiern. Polke nutzte die Substanzen jedoch nicht nur für die Flucht aus der kleinbürgerlichen Welt, sondern mischte sie auch seinen Werken bei, wodurch einmalige Farbmengungen entstanden. Jeder Rausch diente also auch der Kunst und Polke würde vielleicht sagen: Wir rauchten, schnupften und schluckten, also rauchten, schnupften und schluckten wir Kunst.
