Passiert hier Europa?
Die Europa Passage in Hamburgs City ist das neue Prachtstück unter den Einkaufszentren der Stadt. Glaubt man den Betreibern, wird hier nicht nur geshoppt, geschlemmt und der Ausblick auf die Binnenalster genossen, sondern gleichzeitig Europa zelebriert. Doch ist wirklich überall Europa drin, wo Europa draufsteht? Ein Selbstversuch.
Es ist ein Donnerstagabend kurz vor Weihnachten, die gesamte Innenstadt ist festlich dekoriert, doch auf den Straßen herrscht Chaos; Gelenkbusse manövrieren umständlich durch den Feierabendverkehr, Fußgänger huschen bei Rot über die Ampeln. Die Passage ist wie üblich bis 21 Uhr geöffnet. Gleich im Eingang gerate ich in eine Traube älterer deutscher Touristen, die sich lautstark über die Auswahl der Geschäfte austauschen. „H & M gibt es bei uns auch!“ ruft einer, doch seine Frau ist schon in einem Geschäft für Designer Sportswear verschwunden und hört ihn nicht.
Der Name als Programm
Die Europa Passage hat ihren Namen übernommen vom Europa Haus, einem historischen Kontorgebäude, das zuvor an dieser Stelle stand, aber 2006 dem Neubau weichen musste. „Wir haben uns bewusst für den Namen entschieden, um zur weiteren Positionierung Hamburgs als europäische Metropole beizutragen – der Name ist Programm!”, so äußerte sich Wolfgang Fink von der Eigentümergesellschaft Allianz Immobilien GmbH bei der Grundsteinlegung feierlich. Was ist dran an diesem Vorsatz? Ich mache mich auf die Suche nach Europa.
Euro-Barometer: Nicht der Rede wert
Zunächst halte ich Ausschau nach den internationalen Mietern, die das Management für die Passage gewinnen konnte. Neben den üblichen Schweden (H & M) finde ich zunächst vor allem deutsche Unternehmen (Goertz, gegründet in Hamburg; Oska, ein Münchner „Trendlabel“; Tommy Crystal, Juwelier Thomas Hoffmann aus Dresden), dann doch zumindest ein polnisches (Lantier und Lambert) und schließlich mehrere amerikanische (Oakley, ein Anbieter für Sonnenbrillen und Uhren; Tommy Hilfiger). Mein Euro-Barometer zeigt bis hierhin: allenfalls Durchschnitt. Der viel gerühmte „Branchenmix“, wie es im PR-Sprech heißt, erweist sich als nicht weiter spektakulär und könnte wohl in jedem (europäischen) Einkaufszentrum so ausfallen.
Etwas enttäuscht verschlägt es mich in die Buchhandlung. Sie gehört zu einer großen deutschen Kette und ist gut sortiert. Besonders vielfältig ist das Angebot an Reiseliteratur: von der Fernreise nach Afrika oder Asien bis zum Inselhopping an der Nordsee – für fast jeden Fleck der Erde findet sich ein passender Ratgeber. Die Reiseziele innerhalb Europas nehmen eine ganze Wand ein. Euro-Barometer: schon besser, aber noch nicht überzeugend.
Ich setze mich ins Café „Bagel Park“, ein Hamburger Coffee-Shop nach amerikanischem Vorbild, und bestelle eine internationale Espresso-Spezialität mit italienischem Namen. Euro‑Barometer: nicht der Rede wert.
Europäische Deko, asiatische Küche
Vom Erdgeschoss klingt derweil ein verzerrtes „Oh Tannenbaum“ herauf, das ein übereifriges Duett zur Begeisterung der Weihnachts-Shopper zum Besten gibt. Neben mir entspannt sich eine russische Großfamilie bei Kaffee und Kuchen. Ich überlege, ob ich sie auf meine Europa-Thematik ansprechen soll, lasse es dann aber bleiben. „Besonders europäisch ist hier eigentlich nichts“, findet auch Barista Kim, bei der ich später meinen Kaffee bezahle. „Vielleicht die Gastronomie im Untergeschoss? Aber da sind vor allem Asiaten.“
Bisheriges Fazit: Das europäischste an der Passage ist die Dekoration. Im Fußboden sind verschiedene Städtenamen verewigt, was an den Walk of Fame in Los Angeles erinnert. An den Fensterfronten befinden sich riesige Poster, die den Besucher in diversen europäischen Landessprachen willkommen heißen. Darunter steht: „Wir sind Europa.“ Die Wände werden in regelmäßigen Abständen geschmückt von Fotocollagen, die jeweils ein europäisches Land thematisieren. Auch Russland ist mit einem Poster und einer Wandcollage vertreten.

Dekoration in der Passage: "Wir sind Europa"
“Reicht es, dass Deutschland in Europa ist?”
Einige Schritte weiter ist ein Nagelstudio, das amerikanische Maniküre anbietet. Es wird von Asiaten betrieben, im Schaufenster steht ein Buddha-Schrein mit Räucherstäbchen und Münzen. Kurzentschlossen gehe ich hinein. Man muss schließlich auch da suchen, wo es am unwahrscheinlichsten ist. Leider erfahre ich nicht mehr, als dass der Schrein heilig ist und auf keinen Fall fotografiert werden darf. Anschließend verebbt das Gespräch.
Ich begebe mich zur Information. Dort sitzt eine lustlos dreinblickende Frau mittleren Alters und sortiert Faltprospekte. Was macht ihren Arbeitsplatz europäisch? Ein Schulterzucken. Ob es schon ausreiche, dass Deutschland sich in Europa befindet? Ansonsten sei das mit dem Einzelhandel heute ein schwieriges Thema, findet die Info-Dame. „Sie sehen ja, was hier los ist. Voll ist es ja, aber ob die Leute wirklich einkaufen oder nur gucken, das kann ich nicht beurteilen.“
