Kulturen

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Wer steckt hinter dem Poker Face? Portrait über Lady Gaga

Als Vorbereitung für den Artikel über Lady Gaga habe ich unter anderem verschiedene junge Menschen in Berlin und Budapest nach ihrer Meinung über die Künstlerin befragt. „Eine interessante neue Erscheinung, die keine besondere Stimme hat oder außerordentlich schön aussieht, aber trotzdem große Aufmerksamkeit erregt. Sie könnte eine bedeutende Person der aktuellen Pop-Geschichte werden.” – lautete die Antwort der meisten Befragten. Ich selbst wurde im Frühling dieses Jahres besonders aufmerksam auf die neue Popdiva, als ich in einem berühmten Berliner Club den Beat ihres Hits Poker Face gehört habe und den nicht überfordernd schweren Text des Liedes mit zwei New Yorker Jungs auf der überfüllten Tanzfläche gemeinsam gesungen habe (Pa-pa-pa-…-poker face…). Zweifellos: Lady Gaga bringt mit ihren Liedern die ganze Welt der Clubs in New York über Berlin bis Tokio in Bewegung.

„Enfant Terrible“ des Musikgeschäfts

Doch wer ist diese neue Erscheinung auf dem Musikmarkt? Die in New York geborene, aus einer italienischen Familie stammende Sängerin/Songwriterin heißt ursprünglich Stefani Joanne Angelina Germanotta. Ihren Künstlernamen hat sie vom Queen-Klassiker Radio Gaga übernommen. Nicht zufällig, denn laut ihrer offiziellen Biographie gehören Queen und David Bowie zu ihren musikalischen Vorbildern, die auch ihr den Hauch des Glam-Rock verliehen haben. Lady Gagas Stil vereint die charakteristischen Merkmale des Pop, Dance und Rock. Die 23-jährige Showlady hat schon drei Hits geschrieben: Just Dance, Poker Face und Paparazzi und ist im Jahre 2008 für den Grammy Award und im Jahre 2009 für den MTV Video Music Award nominiert worden, neben Konkurrentinnen wie Beyoncé und Britney Spears. Auf ihrer Deutschlandtour vor kurzem tobten Tausende von Teenagern in den ausverkauften Konzerthallen von München, Köln, Berlin und Hamburg.

Zwischen Britney Spears und Pink

Im Gegensatz zu den lyrischen Balladensängerinnen wie Celine Dion, Mariah Carey, Whitney Houston oder heutzutage Christina Aguilera und Leona Lewis debütierte Lady Gaga mit provozierenden, rhythmischen Liedern (Just Dance, Poker Face). Insofern war der Beginn ihrer musikalischen Karriere ähnlich wie bei Britney Spears (Oops I Did It Again) oder in den ´80er Jahren Kylie Minogue (Locomotion, I Should Be So Lucky), die auch mit der Eroberung der Dancefloors angefangen haben und erst später mit lyrischen Balladen auftraten (wie Lady Gaga im Frühling 2009 mit Paparazzi), weil sie in erster Linie keine Balladensängerinnen sind. Doch wo gibt es noch Platz für die neue Diva? Britney Spears musste aus der Rolle des guten Mädchens durch ein neues, sexuell beladenes Image ausbrechen, mit Liedern wie Toxic oder Womanizer. Pink steht am anderen Ende der Skala: sie ist die groteske Provozierende. In der Mitte stehen Sängerinnen wie Gwen Stefanie, die das Publikum durch das Image der attraktiven Frau erreichen wollen. Wo kann die ehemalige Gogotänzerin, die exhibitionistische Lady Gaga mit ihrem skurrilen Aussehen, ihren „hermaphroditischen“ Zügen, komischen, selbstgemachten Origami-Kleidern und ihren wilden Shows, in denen sie alle Broadway-Elemente kombiniert, ihren Platz finden?
In den ´80er Jahren gab es ein ähnliches Phänomen: zwischen den Balladensängerinnen (Mariah Carey, Whitney Houston) und den Popsängerinnen (Madonna und Kylie Minogue) ist Samantha Fox plötzlich aufgetaucht und gleich berühmt geworden, allerdings kurz darauf wieder verschwunden. Wird der schnelle Erfolg von Lady Gaga wohl von Dauer sein und wird sie, wie sie es gerne hätte, zur Popikone?

House of Gaga

Auf ihrer offiziellen Website kann man das futuristische House of Gaga betreten, um mehr über die Künstlerin zu erfahren. Was ihr Zuhause betrifft, hat sie einen fundierten musikalischen Hintergrund: ihr Vater hat in verschiedenen Bands in New Jersey gespielt, und Stefanie selbst hat klassischen Klavierunterricht bekommen. Schon mit 14 hat sie angefangen zu singen und zu komponieren. In den folgenden Jahren hatte sie, wie sie sagt, in „jedem Club von New York City“ Auftritte und amüsierte das Publikum mit einer effektvollen, theatralischen Show, in der sie sogar Haarsprayflaschen anzündete, sich ihrer Kleider zum größten Teil entledigte und sich in lässiger Pose hinstellte, während die Discokugel herunterstieg . Doch nicht nur als Showfrau war sie tätig, sondern auch als Lyrikautorin. Sie hat für Künstler wie die Pussycat Dolls, mit denen sie später auch getourt ist, Britney Spears und Fergie von den Black Eyed Peas, Lieder geschrieben.
Schon in ihrer katholischen Schule, der Convent of the Sacred Heart School,  war sie für ihren extravaganten und exzentrischen Stil bekannt. Sie war eine der wenigen Teenager, die für die New Yorker Tisch School of the Arts vorzeitig ausgewählt wurden , jedoch brachte sie das Studium nicht zu Ende.
Drogenkonsum ist im Leben der jungen Frau nicht ausgeblieben, aber wie sie in Interviews bekennt, hat sie damit aufgehört, „da es ihren Eltern nicht gefallen hatte.“ Für ihre Eltern waren die Auftritte der Performance-Künstlerin auch gewöhnungsbedürftig, der Hang zur Provokation und zum Lasziven ist immer Teil ihrer Shows und Videos, in denen sie diverse Liebesspielchen durchführt, freizügige Texte singt und in Lack- und Leder-Corsagen, High-Heels und Netzstrümpfen herumtanzt.

Revolution der Popmusik –Warhol folgen

Ihre Inspiration bezieht sie aus der bildenden Kunst, besonders Andy Warhol hatte einen großen Einfluss auf ihre Ideologie. In ihrer Musikfabrik, im „House of Gaga“, in dem sie nur mit jungen Menschen musiziert, soll genauso gearbeitet werden wie in der „Factory“ von Warhol. Lady Gaga spricht über die Erneuerung der Popmusik  und vergleicht sie mit der hohen Kunst. “Wie erreiche ich, dass Pop und kommerzielle Kunst genauso ernst genommen werden wie hohe Kunst? Das ist was Warhol gemacht hat. (…) Wie kann ich inspirierende, frische und zukunftsorientierte musikalische Performances machen? Wir entscheiden was gut ist, und wenn die Ideen stark genug sind, können wir die Welt davon überzeugen, dass es Klasse ist.” Welche Neuigkeiten sie genau einbringt und ob sie tatsächlich eine Revolution erreichen kann ist jetzt noch nicht vorauszusehen – hätte z.B. Kylie Minogue nach ihrem I Should Be So Lucky aufgehört, wäre sie nicht die reife Popdiva, die sie heute ist.
Wie sie der Zeitschrift Brigitte verriet, bete sie jeden Tag, lese Rainer Maria Rilke, und sei eine Verehrerin Beethovens. In den Jahren des Studiums hat sie einige kritische Aufsätze über Kunst, Pop Art, Religion, soziale Strukturen und Politik geschrieben. Diese Erfahrungen haben sie auch zu der bewussten Künstlerin gemacht, die sie heute ist, und haben sie motiviert, in der Welt etwas verändern zu wollen.
Sie will zum Nachdenken anregen, sie will die Popmusik revolutionieren: „Ich habe etwas ausgesprochen Kommerzielles genommen und habe es interessant gemacht.” Und interessant ist Lady Gaga auf jeden Fall. Zumindest merkt man sich ihren Namen. Aber schafft sie es unter den vielen anderen Künstlern der Musikindustrie herauszuragen, nicht nur kurzfristig ein Star zu sein, sondern es auch zu bleiben? Ist diese freche, blutjunge Dame nur eine schon gehörte Klischeemischung aus Madonna, Gwen Stefani, Britney Spears und Christina Aguilera oder kann sie etwas bisher noch nicht Gehörtes und Gesehenes präsentieren? Vielversprechend ist die Tatsache, dass sie mit ihren beiden ersten Liedern zur Spitze der Amerikanischen Topcharts vorgedrungen ist. Und das haben vor ihr nur Tifanny (’87-88), Mariah Carey (’90) und Christina Aguilera (’99) geschafft. Könnte das schon ihre Zukunft prophezeien? An und für sich wären ihre Lieder vielleicht nur einige unter vielen anderen ähnlichen. Aber durch die „Persona“, die Lady Gaga auch außerhalb ihrer Shows ist, durch ihren Charakter, ihr außerirdisches, schockierendes Erscheinungsbild und das Selbstbewusstsein der Revolutionärin wird sie tatsächlich zur Besonderheit unter den anderen Diven des Musikgeschäfts.

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