Olafur Eliasson – ein Wettergott?
Ein Porträt über den klimapolitisch hoch brisanten Künstler
Olafur Eliasson ist einer der populärsten und erfolgreichsten Künstler der Gegenwart. Mit seinen 42 Jahren blickt der symphatische Däne mit isländischen Wurzeln auf eine rasante Karriere mit unzähligen Ausstellungen – unter anderem in der Londoner Tate Gallery und dem New Yorker MoMA – zurück. In seinem Werk beschäftigt sich der Installationskünstler hauptsächlich mit physikalischen Naturphänomenen. Er erschafft Nebelfelder, zaubert leuchtende Regenbögen, versetzt Eisberge in geschlossene Räumlichkeiten und verändert spielerisch die Tageszeiten. Er ist Bastler, Forscher, Poet und Konstrukteur.
Oft bestehen seine Installationen nur aus Wasser, Licht und ein paar Spiegeln. Sie sind verblüffend einfach und doch kompliziert. Optische Täuschungen und atemberaubende Effekte ziehen den Zuschauer in den Bann. Dabei sind die Reaktionen der Betrachter oft Teil des Kunstwerkes.
Zu seinen Meisterwerken zählt ‚The Weather Project‘ – Ein artifizieller Sonnenaufgang, der 200 Millionen Menschen in das Tate Modern Museum in London gelockt hat. Die Besucher konnten auf dem Boden liegend durch schwere Nebelmassen den „Sonnenaufgang“ und sich selbt in einem über die ganze Decke reichenden Spiegel betrachten. Die Menschen genossen die angenehme Stimmung, die durch die – wenn auch künstlich – aufgehende Sonne verbreitet wurde. Das Projekt war ein riesiger Erfolg und lockte viele Menschen an, die nicht zum eingesessenen Museumspublikum gehören.
Spektakuläre Fälle
Olafur Eliasson möchte, dass die Kunst etwas mit dem Leben zu tun hat und über die elitäre Kunstszene hinaus Menschen ansprechen. Manchmal holt er dafür die Kunst aus dem konservativen Gebilde ‚Museum‘, wie bei ‚The New York City Waterfalls‘.
2008 ließ Eliasson 110 Tage lang 4 künstliche Wasserfälle rund um die Südspitze von Manhattan installieren und Unmengen von Wasser in den East River fallen. Das von der Stadt und Sponsoren finanzierte Projekt diente einerseits als touristische Attraktion, sollte aber auch Denkanstöße zu Umweltschutz und Stadtplanung geben.
Ein weiteres Kunstwerk entstand in Zusammenarbeit mit dem Münchner Automobilhersteller BMW. Als reine Promotion-Aktion geplant, erwartete der Konzern von Eliasson ein bunt gestaltetes Auto, wie von seinen Vorgängern Andy Warhol und Roy Lichtenstein. Das Ergebnis von ‚Your Mobile Expectations: BMW H2R Project‘ war eine von einer futuristischen Eishülle überzogene und verdeckte Karosserie. Die von Kühlaggregaten und Eismaschinen am Leben gehaltene gefrorene Hülle erinnerte an ein Iglu. Das Wasserstoff-Auto setzte ein Statement zu Ökologie, der Öl-Industrie, fossilen Kraftstoffen und der globalen Erwärmung.
Der Künstler als Unternehmer
Eliasson ist gut im Geschäft. Seine kleinen Kaleidoskope werden für um die 100.000 Euro versteigert. Größere Objekte erzielen ein Vielfaches an Gewinn oder kommen gar nicht erst auf den Markt, da sie schon während ihrer Entwicklung von Sammlern und Museen gekauft werden.
In seinem Atelier auf dem Pfefferberg in Berlin, umgeben von stark befahrenen Straßen und abseits vom Trubel, arbeitet der Aktions- und Installationskünstler an bis zu 50 Projekten gleichzeitig. Wie in einem Designstudio werden neben den eigenen Projekten unterschiedlichste Auftragsarbeiten gefertigt; es entstehen Produkte wie Mode oder architektionische Werke. Für Eliasson ist die Herausforderung wichtig, „künstlerische Ideen in den Unterschiedlichsten Formaten zu testen“.
Sein internationales Team besteht aus ca. 35 Mitarbeitern. Er beschäftigt neben Künstlern Ingenieure, Elektriker, Möbelbauer, Physiker, Wissenschaftler, Architekten und Modellbauer. Das Studio ist wie ein mittelständisches Unternehmen organisiert. Es gibt eine PR-Abteilung, die Buchhaltung, ein Archiv, Projektmanager und nicht zuletzt Köche. Denn jeden Mittag wird zusammen an einem großen Tisch gegessen. Die Arbeit ist klar organisiert und hierarchisch aufgebaut.
Die Privatsphäre
Olafur Eliasson beschäftigt sich nicht nur beruflich mit Nachhaltigkeit. Der Künstler ist Philanthrop.Ein Teil der Einnahmen des Studios gehen an eine selbst gegründete Hilforganisation, die ein ostafrikanisches Weisenhaus unterstützt.
Privat ist er mit diesem Land durch seine beiden äthiopischen Adoptivkinder verbunden. Er lebt mit ihnen und seiner Frau zusammen in Hellerup bei Kopenhagen. Er hält sich aus der Glamourwelt fern und widmet sich ganz seiner Arbeit und dem Privatleben.
Seine künstlerische Laufbahn begann an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. Hier verbrachte er auch seine Kindheit mit der Mutter, einer Näherin, und dem Vater, der selber Künstler war. Zu seinen Vorbildern gehörte Robert Irwin. Seine pragmatischen Vorstellungen von Körper und Raum entsprechen Eliassons Vostellungen von der Realität.
Eliassons Traum – ein Raumexperiment
Seit April dieses Jahres leitet Olafur Eliasson als Professor das Institut für Raumexperimente an der UdK Berlin. Seit langem hegte er den Wunsch, ein eigenes Museum mit integrierter Kunstschule und Hotel zu erbauen. Die Menschen sollen dort leben und Zeit verbringen. Das Gebäude gäbe die Form vor, die Räume wären die Kunstwerke und die Besucher, Studenten und Hotelgäste die Performance-Künstler.
Diesem Traum ist er durch das Institut für Raumexperimente ein Stück näher gekommen. Die Kurse finden inmitten des Eliasson-Komplexes statt, zwischen und im Austausch mit seinen Mitarbeitern und Besuchern der Kunstschmiede. Der Künstler versteht sich als Mitstudent. Er möchte „einen Dialog führen, der Inspiration für alle eröffnet.“
Gerade in der heutigen Zeit mit unserer klimatpolitischen Situation sind Eliassons Kunstwerke aktueller und brisanter denn je. Auch wenn seine Werke – wie zum Beispiel die Wasserfälle, der künstliche Sonnenaufgang oder das ständig zu frostende Auto – selbst Energieschlucker sind und somit Beschleuniger der Klimakatastrophe, so sind doch 2 Millionen Autofahrer, die nach der Betrachtung darüber nachdenken, ob sie selbst nicht eine große Schuld tragen und ihr Verhalten ändern, ein paar ausgelastete Kühlaggregate wert.
