Fühlt sich nach Klang an
Berührungen und Vibrationen – beim Hören wird der Mensch zum Resonanzkörper.
Der Mensch hat keine Ohrenlider. Er kann sich Klängen kaum entziehen. Man kann nicht weghören, wie man wegsehen kann. Den Blick abwenden, die Augen verschließen – beim Sehen hat der Mensch meist die Entscheidungsfreiheit und Kontrolle darüber, was er sich ansehen möchte und wann er lieber wegsieht.
Beim Hören jedoch scheint der Klang das Sagen zu haben. Der Versuch, Tönen zu entkommen, indem man sich die Ohren zuhält, gelingt nur bedingt. Denn wer glaubt, dadurch könne er dem Klang den Weg versperren, ist einem Irrglauben aufgesessen. Klänge sind Schwingungen und Vibrationen. Sie sprechen nicht nur das Ohr an, sondern erfassen alle Organe. Der Körper hört mit.
Touch the sound
„How to listen with your whole body“, ist der Titel eines Vortrags im Internet-Forum www.ted.com. Die Perkussionistin Evelyn Glennie erklärt darin, dass Klänge nicht nur hörbar, sondern auch spürbar sind. Sie muss es wissen: die Musikerin ist taub.
Bevor Glennie zu spielen beginnt, zieht sie ihre Schuhe aus. Barfuß spürt sie, wie Töne den Boden vibrieren lassen. Für sie ist Klang wie eine Berührung, die man mit dem ganzen Körper fühlt. „Touch the sound!“, ist Glennies Aufruf an ihre Zuhörer und auch der Titel von Thomas Riedelsheimers poetischem Dokumentarfilm, der die Ausnahme-Perkussionistin porträtiert.
Resonanz-Körper
Klang braucht Resonanzen, um seine Kraft zu entfalten. Die Saite eines Kontrabasses klingt zaghaft. Erst im Zusammenspiel mit dem wuchtigen Bauch des Instruments entsteht der volle, faszinierende Klang.
Wie der Bauch eines Kontrabasses wirkt auch der Mensch als Resonanzkörper. Klänge versetzen uns in Schwingung. Wir spüren sie auf unserer Haut, in unserem Bauch, mit unseren Füßen – sie berühren uns ganzheitlich.
Sinnliches Hören
Das Bewusstsein für dieses multisensorische Erleben von Klang ist vielen Menschen abhanden gekommen. Unser Alltagsleben ist akustisch überladen. Mediale Gewohnheiten überlasten unsere Wahrnehmung und stören das Gefühl dafür, wie bereichernd das bewusste Erleben von sinnlichen Eindrücken sein kann.
Kinder haben oft noch einen natürlichen Zugang zum Akustischen. Sie empfinden Klang intuitiv. So kann man es im „Haus der Musik“ in Wien beobachten. Das Klangmuseum präsentiert in einem Ausstellungsraum Originalklänge aus dem menschlichen Mutterleib. Anders als die erwachsenen Besucher legen sich viele Kinder intuitiv auf den Boden des Ausstellungsraums, um die Klänge ganzkörperlich zu erfahren. Sie nähern sich damit der Wahrnehmungssituation im Mutterleib an, die jeder von uns einmal erlebt hat.
Klang verbindet
Hören nimmt eine prägende Rolle bei der Entwicklung der menschlichen Sinne ein. Denn lange bevor die Welt für den Embryo sichtbar wird, nimmt er hörend an ihr teil. Sprache, Geräusche, Musik aus der Außenwelt dringen zu ihm und vermischen sich mit Körperklängen. Pränatales Hören ist die erste Verbindung zur Außenwelt.
Sehen kann isolierend sein. Wenn das Augenlid geschlossen wird, ist der Betrachter – wenn auch nur für einen kurzen Moment – getrennt von seiner Umgebung. Klang dagegen kennt keine Begrenzung. Töne schlagen Brücken zwischen dem Menschen und seiner Umwelt.
Wer diese Verbundenheit mit der Welt erleben will, muss sich öffnen für bewusstes Hören – und Fühlen von Klang.
