Kulturen

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Der Teufel und ich

Nach langer Schaffenspause veröffentlicht die Soulikone Gil Scott-Heron nun ein neues Album. Ein sehr persönliches Werk, was aber auch Fragen stellen lässt: Ist es das jetzt wert oder will da jemand nur genug Geld verdienen, bevor alles zu spät ist?

Braucht die Welt das noch? Ein weiterer abgehalfterter, ehemals erfolgreicher Musiker macht Jahre nach seinen großen Erfolgen ein neues Album.  Sein Alter lässt die Kritiker an Weisheit denken, an jemanden, der die Härte des Lebens ebenso wie die guten Seiten in extremer Form erlebt hat. Bei Johnny Cash zumindest hat es funktioniert. Rick Rubin ließ ihn Songs von jüngeren Musikern aufnehmen. Die tiefe, sonore Stimme des alten Meisters, gepaart mit der spärlichen Begleitung seiner Gitarre gab dem Zuhörer das Gefühl, dass die „Amerian Recordings“ mehr als nur der Versuch eines windigen Top-Produzenten waren, mit dem Namen eines verdienten Mannes Geld zu verdienen.

Nun also Gil Scott-Heron. Einer der großen Poeten der „Black Power“- Bewegung oder zumindest jener Zeit. Er, der mit seinem Song „The Revolution will not be televised“ nicht nur den Nerv vieler Bürgerrechtler der Sechziger Jahre traf, sondern gleichzeitig eine Catchphrase für alles Mögliche lieferte. The Revolution will not be televised,  the revelation is now televised, the revolution will not be on Youtube. Und so weiter.

Ein Mann mit einer Botschaft

Erfolg war ihm beschieden. Seine Mischung aus Funk und gesprochenem Wort ließ ihn zu einer Ikone werden, als einen Vorläufer dessen, was wir heute unter HipHop verstehen. Sein Song „The Bottle“, über Alkoholiker, die schon früh morgens vor den Läden mit Lizenz zum Alkoholverkauf stehen, weil sie keine andere Perspektive im Leben sehen, wurde eines seiner größten Hits. Eingängig, sozialkritisch. Es war das, was diese Generation brauchte.

Er schrieb Bücher, das erste, „The Vulture“,  noch bevor er seine erfolgreiche Musikkarriere startete. Erfolg bei den Kritikern, beliebt bei seinen Lesern und Zuhörern, für seine intellektuelle Reife, für seinen Zorn, für seine Fähigkeit, anhand Beispielen aus dem einfachen Leben die Geschichte des großen Ganzen zu erzählen. 1982 nahm er ein Album auf, danach hatte er seine erste große Auszeit. 1994 kam dann noch eins: „Spirits“. Danach wenig. Er veröffentlichte 2001 noch ein Buch mit Gedichten: „Now & Then“.

Der Superheld und das Kokain

In einem Interview mit dem britischen Guardian sagte er jüngst, die Leute hätten vermutet, er hätte sich in Luft aufgelöst. Aber, so fügte er hinzu, das können doch nur Superhelden, oder?

Die Wahrheit lässt an alles, nur nicht an einen Superhelden denken. Er wurde mehrfach festgenommen, hauptsächlich wegen Kokain, saß ein paar Jahre im Gefängnis. Gebrochen, ein einsamer alter Mann, der einmal auf großen Bühnen den Leuten davon erzählt hatte, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Im Interview mit dem Guardian, freilich, sieht er das natürlich ebenfalls im Kontext des großen Ganzen: „Ich hatte schlechte Zeiten, sicherlich, aber wenn man in mein Alter kommt, passiert so eine Scheiße manchmal. Man bekommt Probleme, vielleicht verliert man jemanden, ein Elternteil oder einen Freund. Vielleicht geht deine Ehe kaputt, du verlierst deine Frau oder der Kontakt zu deinen Kindern bricht ab. Aber welches Leben kennt nicht solche Geschichten?“

Die Wende kam, als der britische Musikproduzent Richard Russell ihn im Gefängnis besuchte und davon überzeugen konnte, ein neues Album aufzunehmen. Die alte Geschichte.

Coverversionen gegen das Vergessen

Nun halten wir es also in unseren Händen, das Ergebnis dieser Zusammenarbeit. „I’m new here“, heißt das Ding, 15 Songs, etwa 30 Minuten Musik.  Manch einem Kritiker ist die ironische Konnotation aufgefallen, die der Albumtitel beherbergt, manch anderer hat den Mut bewundert, den Titel einer Coverversion des amerikanischen Singer/Songwriters Bill Callahan mit grünen Lettern fett aufs Albumcover zu drucken.

Und nicht nur das. Auch die erste Single „Me and the devil“, anhand eines grobkörnigen Schwarzweiß-Videos von skatenden, wüst bemalten Jugendlichen auf Youtube publik gemacht, ist natürlich eine Coverversion. Ein Song des großen Bluesmusikers Robert Johnson, der, und daran glauben wir fest, einst dem Teufel seine Seele verkaufte, damit dieser ihm ausreichend das Gitarrenspiel beibringe. Was immerhin geklappt zu haben scheint, wenn man sich seine Musik anhört. Mit Dubkängen unterlegt erzählt nun Gil Scott-Heron, wie er eines frühen Morgens dem Teufel begegnet: „Early this mornin’, ooh, when you knocked upon my door. And I said, ‘Hello, Satan, I believe it’s time to go.’” Der Rest des Albums? Hauptsächlich mit Musik unterlegte Gedichte.

Ein wahrer Poet und ein kaputtes Zuhause

Doch es ist genau diese Mischung, die dieses Album zu großartig, die diese Musik so unwiderstehlich macht.  Diese Verbindung von moderner Musik mit dem Geist einer anderen Zeit, die Kombination zwischen gesprochenem Wort und Gesang. Man hat das Gefühl, einem der letzten wahren Poeten zuzuhören, etwa wenn er, ebenfalls von Dubklängen unterlegt, das Gedicht „Your soul and mine“ zum Besten gibt, das schon in seinem literarischem Erstlingswerk dem Roman voransteht.

Oder wenn er im ersten Song  „On coming from a broken home“ erzählt, wie er von seiner Großmutter groß gezogen wurde, um dann zu dem ironisch-bitteren Schluss zu kommen, dass er lange von zuhause ausgezogen war, bevor er feststellen musste, dass er in kaputten Verhältnissen, „in a broken home“, aufgewachsen war.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Welt genau sowas braucht. Vermutlich nicht. Die Welt hat andere Probleme. Aber wenn ein Teil von dem, was die Welt braucht, eine halbe Stunde exzellente Musik und Poesie ist, dann ist „I’m new here“ das Beste, was sie zur Zeit kriegen kann. Von einem alten Mann, der, und auch daran glauben wir fest, die Höhen und Tiefen des Lebens wie wenige andere erlebt hat.

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