Glück Gehabt: Szenen aus einem Leben Die Autobiographie des Georg Hensel
„Wenn man über einen Gegenstand nichts weiß, muß man über ihn ein Buch schreiben, dann weiß man alles“. So schreibt es Theaterkritiker Georg Hensel in Glück Gehabt – Szenen aus einem Leben, seinem autobiografischen Werk.
Er war Autodidakt, und eigentlich bezieht sich das Zitat auf seinen Selbstkultivierungsprozess. Für den Kontext, in dem jemand Memoiren schreibt, ist es vielleicht auch passend, denn um sich selbst zu thematisieren, ist man zur Introspektion gezwungen. Irgendwann im Alter, so Hensel, weigert das Gehirn „neue Daten zu speichern, es öffnet stattdessen sein Archiv.“ Das Entpacken dieses von gesammelten Erfahrungen gebildeten Archivs lässt ihn fragen: ,,Ist Flucht nicht das Grundthema meines Lebens? Flucht in die künstlichen Welten der Bücher, Filme, Theaterstücke, Bilder, Musik, Reisen? Bin ich nicht der geborene Eskapist? Die Realität war immer nur die Pflichtübung, und Kunst allein war die Kür.“ Damit erhebt sich die Frage des Lesers: Wovor flüchtete er?
Kindheit, Schule, Hitlerjugend
Die bildliche Vorstellung eines fliehenden Mensches ist immer jemand der sich von dramatischen Ereignissen, wie Verfolgung oder Katastophen, rasch entfernt. Wie der Titel verrät, Hensel beschreibt Szenen aus den verschiedenen Abschnitten seines Lebens: Kindheit, Schule, Hitlerjugend, Abitur, Krieg, sein beruflicher Werdegang als Journalist, Reisen, Alter und schließlich eine Herzkrankheit. Aus seinen Memoiren ist zu erfahren, dass Hensel, Jahrgang 1923, in Arheilgen, Darmstadt geboren ist, seine journalistische Karriere beim Darmstädter Echo anfing, und sich 1989 wegen gesundheitlicher Probleme von seiner Tätigkeit als Chefkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurückzog.
Egon-Erwin-Kisch-Preis
Spielplan, ein Überblick über die Theaterstücke von der Antike bis zur Gegenwart, soll sein wichtigstes Werk gewesen, und erschien 1966. Ausgezeichnet wurde er mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, für sein Werk und Viel Spaß am Leben. 1950 heiratete er Anna Elisabeth Müller, hatte mit ihr zwei Jahre später einen Sohn. Sie blieben bis zu seinem Tod in 1996 ein Paar. Er flüchte also nicht vor irgendetwas Schlimmen. Mit viel Understatement beschreibt er seine Lebensgeschichte, denn stürmisch war sie offensichtlich nicht. Der oben genannte Flucht bezieht sich vermutlich darauf, der Gewöhnlichkeit zu entkommen, und in den Tumult zu reisen, statt anders herum.
Am Ende ist immer der Tod
Wenn sein Leben an sich relativ ruhig war, erlebte er zwischen 1923 bis 1996 zumindest verschiedene Epochen und deren Bewegungen mit. Wie Konzepte wie Krieg und Kunst, aber vor all allem wie Tod und Sex, im Laufe der Jahre entdeckt werden könnten, stellt er in fiktiven Erzählungen dar, die zwischen seinen autobiographischen Kapiteln eingefügt sind. Durch diese Erzählungen wird der Zeitgeist jeder Ära von seinem Leben kontextualisiert, ohne dass er seine eigenen Erfahrungen übertreiben muss. In diesen Geschichten bildet sein aufgelockerter Erzählstil einen Kontrast zu den dramatischen Geschehnissen die fast immer mit dem Tod enden. Als Beispiel gibt es Ein ziemlich langer Abschied: Die Geschichte vom Tod eines Intellektuellen, wo Hensel über den Selbstmord des Heinrich von Kleist schreibt. Diese Geschichten scheinen Produkte seiner Betrachtung des nahenden Todes zu sein. Eine schlüssige Aussage hat er aber nicht, nur „Altern: die Antworten werden weniger, die Fragen nehmen zu“. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Buches starb er.
,,Glück Gehabt—Szenen aus einem Leben“
Als Titel ,,Glück Gehabt—Szenen aus einem Leben“ spiegelt den Schreibstil, sowie das Wesen des Autors wieder: schlicht, bescheiden und leicht verständlich. „Ich wollte von allen Lesern verstanden werden, und zwar ohne Mühe, eher mit Vergnügen, und ich war schamlos genug, mir das so wünschen“, schrieb er. Bemerkenswert ist es auch dass im Titel steht „einem“ statt „meinem“ . Daraus könnte es sich schließen lassen, dass er sein Leben als ein „normales“ Leben, wie andere Leben, betrachtete. Aber es ist genau sein „normales Leben“, und dessen Zufälle, Gelegenheiten und Freundschaften, das seinen „Flucht“ in die Kunst und seine erfolgreiche, langjährige Karriere als Kritiker ermöglichte. Hensel lebte kein Leben als Hauptdarsteller – dafür aber war er ein sensibler, scharfsinniger Zuschauer. Darin bestand sein Glück. Von Glück reden zu können, wünscht sich jeder. In diesem Fall schreibt Hensel darüber, und zwar auf die Weise, die zu sein Erfolg als Autor führte. ,,Glück Gehabt“ ist ein lesenswerter Text, dessen Sprache keinen ausgrenzt.
Georg Hensel: Glück gehabt – Szenen aus einem Leben, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1994; 289 S.
