Integriert sein, lächeln, Klappe halten
Wie die neue niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan noch rechtzeitig vor Amtsantritt lernte, was es bedeutet, in der CDU zu sein.
Er hatte es sich so schön zurechtgelegt, der Christian Wulff. Damit würde er den großen Coup landen. Mit einer kleinen Geste würden alle Vorurteile, die gegen die CDU herrschen mögen und die von Roland Koch so vortrefflich portraitiert werden, wie die Hoffnungen von Hertha BSC nächstes Jahr erstklassig zu spielen, verpuffen. Verbohrt, stockkonservativ. Das alles würde der Vergangenheit angehören, wie zufriedenstellende Wahlergebnisse für die SPD.
Er hatte seine Talentscouts vorgeschickt und in der Hamburger Bürgerschaft waren sie fündig geworden. Der neue Star. Jung, hübsch, Frau. Und wenn das noch nicht genug wäre auch noch türkischer Abstammung. Und – man wagt es kaum, es auszusprechen – Muslimin. Ganz hervorragend integriert, das war vorher geprüft worden. Siegessicher stellte er sie den Medien vor. Aygül Özkan. Eine Sensation.
Ein Tsunami der Euphorie und ein implodierendes Handy
In den nächsten Tagen ergoss sich ein Tsunami der Euphorie über diese Entscheidung. Praktisch jeder, der der Meinung ist, seine Ansichten über Türken, Muslime, Integration oder Politik ganz generell der Allgemeinheit kundtun zu müssen, äußerte sich wohlwollend bis hingerissen von der nahezu wahnwitzigen Idee, dass es gerade die CDU sei, die als erste eine türkischstämmige Muslimin zur Ministerin machte. Die Interviewanfragen und Anrufe auf dem Handy von Frau Özkan waren so zahlreich, dass, so erzählt man es sich, das gute Gerät schließlich implodierte.
Spiegel Online war eines der Medien, die es schaffte, vor dieser physikalischen Unwahrscheinlichkeit, gerade noch ein Interview zu verabreden. Dort erzählte sie gut gelaunt, das C im Parteinamen stehe für Menschlichkeit und Nächstenliebe, das fände sie beides super. Auch erwähnte sie ihre ablehnende Haltung gegen Kopftücher an Schulen. So weit so gut.
Das andere Medium war der Focus. Und dem erzählte sie, dass sie nicht nur Kopftücher an Schulen ablehnte, sondern auch Kruzifixe.
An dem Tag erfuhr Frau Özkan, was es bedeutet, in der CDU zu sein.
Niedersachsen liebt das Kruzifix, auch an Schulen, gefälligst!
Man hatte als der CDU verbundener Skeptiker mit vielem rechnen können. Dass sie zu unerfahren war, der Aufstieg zu schnell kam, dass sie zu muslimisch war. Bei allen Vorschusslorbeeren, wäre dies für alle nachvollziehbar gewesen und kein Grund für Scham und Trauer. Aber dass sie eine eigene Meinung hat, die auch noch im Widerspruch zu der Parteilinie steht. Wer hätte das voraussehen können?
Unsere christliche Tradition!, polterten die Bayern in der CSU. Niedersachsen liebt das Kruzifix!, erklärte ihr Wulff, der neue Chef. Da liegt sie falsch!, ließ sich auch eine leise Stimme aus dem Saarland vernehmen.
Aygül Özkan tat, was jeder vernünftige Politiker in dieser politischen Landschaft macht, in der eine eigene Meinung und ein fester Standpunkt für ein billiges Accesoire von H&M gehalten wird und das auch nur in wahlfreien Epochen angezogen wird: Sie ruderte zurück. Selbstverständlich seien Kruzifixe toll, gerade an Schulen. Ein Ministerposten ist immer noch besser als ein Funken Standhaftigkeit.
Und so blieb eine Republik zurück, die sich fühlte wie eine Fußballmannschaft, die nach einer 5:0 –Führung in der letzten Minute den Ausgleich einfängt, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat.
Und ein verwirrter Christian Wulff. Er hatte es sich so schön zurechtgelegt.
