Kulturen

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Die wohlerzogene Jungsklasse – 10 Jahre Dial Records

»Er muß schick sein, nicht zu dick sein, mit viel Zaster, keine Laster, schön solide, nicht zu müde, kurz und klein: Er muß ein Engel sein«, schreibt die Titanic in ihrer aktuellen Ausgabe über den potentiellen Gast der Berliner »Top-Disko« Berghain.

Die Schlange der Menschen, die auf Einlass warten, misst an diesem Samstag im März 150 Meter. Das entspricht in der hier geltenden, von der geläufigen Rechnung abgelösten Zeit: zwei Stunden des Wartens.

Eine Dekade Klarheit

In Bauch des Clubs, in dem auf die Dauer von mindestens zwölf Stunden ausgedehnten Zwischenweltkorridor von Samstagabend bis Sonntagmittag, sind in der Tat ein paar allzeit schicke und wache Menschen zu Gange: Das Hamburger Label Dial, bekannt und geliebt für eleganten Minimal- und Intelligent-Techno feierte seine zehnjährige Existenz.

Dial Allstars

Eine Dekade Klarheit stand auf dem Programm, die Liste der Künstler aus dem Artist-Roster des Labels war lang: Efdemin, John Roberts, Lawrence, Rndm und Carsten Naujoks, des Weiteren DBX, Pawel und der befreundete Microhouse-Produzent Isolée mit Live-Sets.

Der Abend ist weit entfernt davon, sich nach corporate sound anzuhören: Label-Co-Betreiber David Lieske a.k.a Carsten Jost spielt klassische House Music, Efdemin ganz entgegen des reduzierten Sounds seines eben veröffentlichten Albums »Chicago« hartholzige Technobretter.

Selbstvergessenes Herumschlingern

Die Dial-Allstars eint, wenn nicht unbedingt ihr Sound, so denn ihr Habitus, in dessen Rahmen sie sich untereinander offensiv in Stil und Gesten zitieren – ein mit liebevollem und unheiligem Ernst ausgetragenes adaptives Spielen, dessen Ziel es ist, exakt so zu sein, auszusehen und zu klingen wie jemand anderes. Ihr Charme ist der einer wohlerzogenen Jungsklasse präadoleszenter Richkids, die, von einer geschmackssicheren Mutter nach Vorbild eines Hochglanzmodemagazins gegen ihren halblaut geäußerten Widerstand in gedecktfarbenes Tuch gekleidet und mit übergroßen Basecaps behütet, beim Auflegen selbstvergessen mitsingend vor den Plattenspielern herumschlingern.

Der modernistisch-romantische Versatzstückler Christian Naujoks bespielt die Panorama Bar mit einem unbekümmert-eklektizistischen Set von minimalen Tuba-Stampfern bis zum Jazz-Pop von Steely Dan. Die Nostalgie-Radio-Kandidaten klingen in diesem Kontext nur auf den ersten Blick unpassend: der Bandname bezeichnet einen eisernen Dildo. Von den Wänden herab beschaut die Großfotografie Wolfgang Tillmans – darauf die Rosette eines jungen Mannes – wohlwollend das Geschehen.

Kontrastiv derweil ein Stockwerk weiter unten: Das Live-Set Isolées klingt dank Industrial-Anleihen wie gemeint für genau diesen Ort: Der Geruch der stählernen Innenarchitektur klebt an den Händen, Muskeln im dichten Nebel, beleuchtet von kaltweißen Strobo-Blitzen, Hitze. Draußen brüllen die Vögel die Dämmerung herbei. Vor der Tür: unverändert 150 Meter Einlasswillige.

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