Berlin, ick lieb’ dir!!
„Berlin ist arm, aber sexy!“, so sieht das zumindest der amtierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Doch wie sieht es der Rest der Welt, wie sehen es die Berliner selbst?

Quelle: www.wikipedia.de
Dass in der Hauptstadt der Bär los ist, ist allgemein bekannt, das war auch schon vor Knut so. Pilgerten in den 1990ern noch über eine Million Menschen Richtung Siegessäule, um auf der größten Techno-Party der Welt zu tanzen, so waren es zur WM 2006 mindestens genauso viele Fußballfans und vor zwei Jahren dann sogar Politikinteressierte, die den amerikanischen Präsidentschaftskandidat Barack Obama während seiner einzigen Rede in Europa wie einen Popstar feierten.
Die Glamour Seite der Hauptstadt
Doch nicht nur die breite Masse, sondern auch die Prominenz lässt sich in Berlin gerne sehen. Schauspieler auf der Berlinale, Models und Designer auf der Berlin Fashion Week und Musiker bei der Echo Verleihung und im vergangenen Jahr dann sogar bei den MTV Europe Music Awards! Doch auch abseits der roten Teppiche scheinen sich Stars in der einst geteilten Metropole wohl zu fühlen.
Prominenz jenseits des roten Teppichs
Denn man kann sie hier und da dabei beobachten wie sie ganz alltägliche Dinge tun. Heike Makatsch bei der Gepäckaufgabe am Check-In-Schalter Tegel, Ben Becker beim Zigaretten kaufen im Supermarkt nebenan und Daniel Brühl zwischen ganz normalen Studenten auf der Tanzfläche eines Clubs. Auch „Brangelina“ – das Hollywood Traumpaar Brad Pitt und Angelina Jolie – macht kein Geheimnis aus der Liebe zu Berlin und bewohnte während der Dreharbeiten zu “Inglorious Bastards” für mehrere Monate eine Villa am Wannsee.
Düstere Zahlen

Quelle: www.spreeradio.de
So sexy ist die Hauptstadt also. Eine Metropole, der sich niemand entziehen kann. Was macht da schon eine Pro-Kopf-Verschuldung von 16.783 Euro oder eine zeitweilige Arbeitslosenquoten von bis zu 18,1%? Dazu äußert sich Herr Wowereit nicht so gern.
Abenteuer Supermarkt
Ebenfalls eher unsexy sind zum Beispiel Orte wie Supermärkte in den U-Bahn-Stationen. Um hinein zu kommen, muss man meist an einer Ansammlung betrunkener, schnorrender Obdachloser vorbei und hat man dies erst einmal geschafft, erwartet einen im Inneren meist alles andere als ein Einkaufsparadies. Immer wieder trifft man auf überforderte Mütter, die ihre Kinder anschreien, weil sie die Tafel Schokolade oder das Überraschungsei, das diese in den Wagen gelegt haben, „von dem bisschen, beschissenen Hartz IV!!!“ nicht bezahlen können. An manchen Tagen kann man sogar einen Blick auf das ein oder andere Nagetier erhaschen, das fiepend durch den Laden rennt.
Kundenservice
Der wohl einzige Ort, wo noch auf den Kunden zugegangen wird, ist die Hasenheide. In dem 50 Hektar großen Neuköllner Park ist von der Servicewüste Deutschland keine Spur: „Pssst… Haschisch? Marihuana?“, „Heyyy wissu Gras kaufen?“, „Cocain? Heroin?“ Alles was das Herz begehrt. Sofern man drogenabhängig ist.
S-Bahn-Slang

Filmszene aus Knallhart - Quelle: www.einsfestival.de
Man muss auch kein Lehrer der Rütli-Schule sein, um festzustellen, dass mit der Berliner Jugend etwas nicht stimmt, zumindest mit ihrer Sprache. Besonders in der S-Bahn muss man nicht lange warten, um Dialogen wie dem folgenden lauschen zu können: „Ey Alta, ich hab’ Mathe heute so voll nich’ gecheckt Alta…“, „Boah Alta, das is’ weil du so voll das Opfer bist und so… Alta!“
Ich bin schizophren – Ich auch!
Während ein solches Gespräch noch recht unterhaltsam sein kann, sind die überall anzutreffenden, leicht schizophrenen Gestalten dagegen oft sehr anstrengend. Glaubt man auf dem Weg zur Arbeit zum Beispiel anfangs noch, sich neben eine „nette, alte Dame“ gesetzt zu haben, kann diese jedoch schon bald zu dem Schluss kommen, dass es sich bei dem Kind gegenüber um ihren trinkenden Ex-Mann handelt: „Eyyy du Arschloch!! Du hast mich doch betrooogen, hast du! Gefickt hast du sie!!“ Noch kurioser kann es dann nur noch werden, wenn sich das Kind dadurch nicht einmal gestört fühlt.
Nichts zu verlieren
Doch ist diese Stadt so einfach in eine Schublade zu stecken? Wahrscheinlich ist es gerade die Kombination der Extreme, die Berlin zu dem macht, was es ist. Wo es kein Glamour-Image zu verlieren gibt, stört sich auch niemand an Prominenten in Jogginghosen. Wo kein seriöser Ruf herrscht, kann ein Banker auf dem Heimweg in der Straßenbahn auch mit gelockerter Krawatte ein Bier trinken. Wo kuriose Gestalten zum Straßenbild gehören, ist es auch nichts Besonderes, wenn ein Punk im Bus einer Oma seinen Platz anbietet.
Berlin ist sexy!

Quelle: www.view.stern.de
Es ist nicht alles rosig in der Hauptstadt, doch der Punkt ist, dass das auch nie jemand behauptet hat. Der Berliner hält nichts vom „Schönreden“. Denn wo hässliche Details nicht weggelassen werden, muss man sich auch selbst nicht verstellen und verteidigen. Die Frage war eben nie: Ist Berlin arm oder sexy? Die Frage war: „Macht Geld sexy?“ und die Antwort des Bürgermeisters lautete: „Nein. Das sieht man an Berlin. Wir sind zwar arm, aber trotzdem sexy.“
