Kulturen

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Lärmen statt Leiden

Andreas Kriegenburg und „Ernst Busch“-Studenten inszenieren „Hamlet“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

„Quiet ist the new loud!“ prophezeiten vor einigen Jahren die Kings of Convenience mit dem Titel ihres Debüt-albums. Regisseur Andreas Kriegenburg und die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zeigen das Gegenteil: In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater steht eine Gesellschaft aus Krach und Klamauk auf der Bühne, in der kein Raum für die leisen Töne eines melancholischen Hamlets bleibt. Weltschmerz und Trauer werden spaßig übertönt.

Wie ein Setzkasten aus überdimensionierten Weinkisten erscheint der Bühnenboden, jede gerade groß genug für einen Menschen (Bühne: Julia Kurzweg). Nur eine zarte Schnur mit schwarzen Luftballons ragt über den hölzernen Kistenpark.
Zwei Joker-Fratzen schnellen aus ihren Kisten empor und rahmen das Bild am vorderen Bühnenrand: kreidebleiche Clownsbemalung, schwarz verlaufene Augenringe, strähniges Haar und rot verschmiertes Grinsen. Rosencrantz (Aenne Schwarz) und Guildenstern (Marco Portmann) zerren mit nervtötendem Geplärr und irrsinnigem Lachen von Anfang bis Ende der Vorstellung an den Nerven des Publikums. Die Narren sind die Stars des Abends, sie spielen die tragischen Figuren an die Wand.

Nach und nach schlüpft die clownsmaskiert Hofgesellschaft – ein jeder aus seiner Kiste: Gertrud, Claudius, Laertes, Polonius, Horatio. Man amüsiert sich, lärmt und lacht. Und wirkt dabei verloren.
Ophelia (Maria Wardzinska) ist die Puppe zwischen den Clowns. Sie trägt Tutu, bewegt sich in versteinerter Anmut wie eine Ballerina auf der Spieluhr. Aufgezogen, fremdgesteuert hebt sie die Ärmchen, dreht sich, posiert und funktioniert.
Die Hauptfigur bemerkt man kaum. Hamlet (Thomas Halle) trägt das Bündel schwarzer Luftballons wie eine Regenwolke über seinem Kopf – ein Ballonverkäufer auf dem Jahrmarkt, der auf der Trauer-Ware sitzen bleibt. Wer sollte daran auch Gefallen finden in einer ausgemachten Spaßgesellschaft?
Gertrud (Natali Seelig), die aufgescheuchte Party-Mutti, hebt Champusgläser statt zu trauern und kokst bis ihr die Nase blutet. Für den sensiblen Sohnemann, den depressiven Zweifler Hamlet – den Leisen – fehlt jede Empathie. Claudius Hof ist eine hedonistische Legehennenbatterie. Effekt und Lust anstatt Gefühl. Betäubender Lärm verdeckt das Leiden. „Hey, Denmark, this is very funny!“

„Gott hat euch ein Gesicht gegeben und ihr macht euch ein anderes!“, verflucht Hamlet seine Mitmenschen, deren Masken wie aufgezwungene Fratzen wirken, die stets dem König nach dem Mund reden. Hamlet erkennt die Mitschuld am Mord seines Vaters an ihren rot verschmierten Mündern, die lächeln sollen, doch blutig anmuten – ein grausames Grinsen. Ein Leben als Maskenspiel. Wo sind ihre Gesichter?

Kriegenburg stellt Hamlet als ungehörten Depressiven dar, verloren in einer tosenden Welt. Er zeigt, dass stille Wasser nicht nur tief gründen, sondern vielleicht tief traurig sind und an Weltschmerz und persönlichem Leid zerbrechen.
Welche Stimmen um uns und in uns übertönt ein Leben mit einem Lautstärkepegel am Anschlag? Nichts scheint schwerer zu ertragen als die Stille. Darin ruht tückisch der eigene Seelenschmerz. Drum lieber pauken und koksen.

In einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft hat die persönliche Tragödie keinen Raum. Das Drama „Hamlet“ dient dabei nicht nur als beliebige Schablone. Vielmehr störte sich Shakespeare selbst an der Vergnügungssucht der elisabethanischen Zeit. Theater diente der Unterhaltung, dem plärrenden Vergnügen. Empfindungen dagegen tönen sanft.

Kriegenburgs Inszenierung klingt nach der Dauerbeschallung unseres Lebens, nach lärmendem Privatfernsehen und Hintergrundmusik als Lebensstrategie. Schneller, lauter, schriller. Und bloß keine Stille aufkommen lassen. „Liebe?! Spinnst du oder was? – Und jetzt sei lustig!“

Hamlet und Ophelia dagegen erleben im Streit authentische Gefühle, die sonderbar wirken in dem Tumult an Maskenspielen und Verstellung. Die Liebenden schreien die ehrlichen, inneren Stimmen heraus, die sonst verschanzt bleiben und stumm. Zuletzt verzweifelt Ophelia am lärmenden Fake ihrer Umwelt. Sie nimmt ein Mikrofon zur Hilfe und flüstert: „Das ist doch krank! Denen muss man doch helfen!“

Slapstick, Klamauk und akustischer Stress durchziehen die Inszenierung. Sie machen auch vor dem Grab nicht halt. Kriegenburg lässt die Totengräber (Henning Bosse und Sergej Lubic) vor Ophelias Grab ein schändliches Leichen-Medley grölen. „Who wants to live forever?“ Sterben als Show, zum Mitklatschen.

Die hysterische Atmosphäre der Inszenierung nervt gewaltig. Doch sie hält klug den Spiegel vor und fragt nach dem Verbleib der leisen Töne. Sie ermutigt, auch trauerndes Wimmern mal klingen zu lassen und nicht verkrampft drauf los zu lärmen.
Hamlet wirkt wie in einer Glassäule auf der Bühne, er steht blöd rum, als wenn er nicht so recht dazu gehöre. Wie auf einer Party, auf der sich alle zu amüsieren scheinen – außer man selbst. Die Party übertönt den Schmerz. Doch wer hört Hamlet? „Quiet“ lag wohl noch nie so recht im Trend.

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