Kulturen

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Hamlet sagt „Äh“

Andreas Kriegenburg befreit „Hamlet“ am Deutschen Theater lustvoll von der Hochkultur. Und belastet das Stück umso schwerer mit Popkultur.

„Sein oder nicht sein“ heute auf irgendeiner Theaterbühne zu sagen ist ein bisschen peinlich. Regisseure und Schauspieler setzen sich damit einer Liste möglicher Vorwürfe aus: Lächerlich. Pathetisch. Bildungsbürgerlich. Warum das Ganze? Langweilig. Andreas Kriegenburg, seit der Spielzeit 2009/2010 Hausregisseur am Deutschen Theater, Theatertreffen-erfahren und mit einem Faible für Slapstick ausgestattet, findet eine eigentlich ganz elegante Lösung. Erst lässt er seinen König Claudius „Sein oder äh“ sagen. Falscher Text. Falsche Stelle. Und irgendwann, später, ganz unauffällig, wird Hamlet dann doch seinen Text los.

Elegant, aber unentschlossen. Am Ende werden doch nur übliche „Hamlet“ – Klischees bedient: Dänemark, Geister, ein verwirrter Prinz, ein Stück im Stück und am Schluss sind alle tot. Ophelia heißt eine Ikeakuscheldecke. Das Bühnenbild von Julia Kurzweg erinnert auch ein bisschen an Ikea: flexibel, wandelbar, viel Stauraum für Schauspieler, Holz, unlasiert, zum selbst gestalten, wächst mit. Ein Meer von Kisten, die Schauspieler darin verteilt. Je nach Einsatz springen sie heraus und ähneln dabei mit ihren clownartig geschminkten Gesichtern dem alten Kinderspielzeug: all die traurigen kleinen Schachtelteufelchen.

Mehr als Pädagoge denn als Regisseur bezeichnet sich Kriegenburg im Programmheft für dieses Stück, das er gemeinsam mit StudentInnen der Ernst Busch Schule, aber auch mit einigen festen Ensemblemitgliedern des DT inszeniert hat. Frei von eigenen Ambitionen und mit großer Lust am Spielen habe er versucht, das Stück von seiner Existenzlast und Rezeptionsgeschichte zu befreien. Die Konflikttiefe der Klassiker würde sich für junge Schauspieler besonders anbieten, um sich aus zu probieren.

Komisch ist nur, dass sich die Inszenierung vor genau dieser Konflikttiefe versteckt. Es ist eine Inszenierung ohne Vertrauen in den Text. Damit uns nicht langweilig wird, an diesem, ja, doch, sehr kurzweiligen, drei Stunden langen Theaterabend boxen sich die Schauspieler von Szenen zu Szene: Maria Wardzinskas Ophelia quäkt sich präsent und unglaublich energisch als überschminktes Papakind im Ballerinakostümchen durch alle Abgründe des Stücks und ein Kämmerer Polonius ohne Hosen setzt allerlei mögliche und unmögliche deutsche Dialekte ein. Vor allem aber Rosencrantz und Guildenstern kennen ihr Rezept gegen das Einschlafen. Verkleidet als absurde Referenzen an Comicfiguren oder vielleicht auch Kiss-Sänger läuten sie mit einer kleinen Klingel alle wichtigen Szenen ein und werden nicht müde dem Publikum auf Englisch zu vermitteln, worum es hier geht: so touching, so great, so spooky ist das gerade Gebotene. Enjoy! Vor allem Aenne Schwarz gibt ihren weiblichen Rosencrantz mit viel Mut zur Komik und Hässlichkeit. Dazwischen dürfen die anderen ihren Text aufsagen.

Die Lust am Slapstick, am Blödeln, an der Ästhetik der Peinlichkeit  – in den besten Momenten der Aufführung spürt man sie ganz deutlich. In den Schlechten bleibt ein verwässerter und schon oft da gewesener Versuch Shakespeare wieder zu dem zu machen, was er einmal war: Unterhaltung, Pulp Fiction, spooky. Dann wird die Popästhetik anbiedernd: Schauspieler mit Plüschtierköpfen? Das ist so schön Shakespeare, aber im Moment in jedem zweiten Indiepopmusikvideo zu finden.

Am potentiellen Zielpublikum geht dies ohnehin vorbei. Das an diesem Abend hauptsächlich aus 16jährigen Gymnasiasten auf Lehrausgang bestehende Publikum zeigt sich unbeeindruckt. „Ich habe auch schon normale „Hamlet“-Inszenierungen gesehen“, sagt eine wahrscheinlich Zehntklässlerin mit kritischen Blick zu ihrer ebenfalls nicht sehr begeistert wirkenden gleichaltrigen Kollegin. Was immer eine „normale“ „Hamlet“-Inszenierung auch ist, diese Unentschlossenheit ist es, die der Inszenierung den Atmen nimmt: Zu Pop für die, die einen hübschen Hamlet-Monolog hören wollen. Zu wenig radikal für alle anderen, weil „Hamlet“ eben schon besser dekonstruiert wurde. Eine fruchtbarere Verbindung von Hoch- und Popkultur gab es schon 1990, als die Einstürzenden Neubauten Heiner Müllers „Hamletmaschine“ vertonten. Sein oder nicht sein? Kommt darin nicht vor. Dennoch: Polonius ohne Hosen ist immer noch erträglicher als Polonius im Rüschenhemdchen.

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