
Wo Pflanzen aus Kühen wachsen, Bier blau ist und sich Menschen in Form von Pfauenfedern die Hand geben, verwundert es kaum, dass Geruchsorgane und Blumen den Titel einer Kunstausstellung formen. Nasen riechen Tulpen, zu bewundern vom 18. Juni bis 2. November 2008 im Museum Würth in Künzelsau.
„Nasen riechen Tulpen“ stellt einer kleinen Auswahl von Werken „arrivierter Künstler“ die „Außenseiterkunst“ von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung gegenüber. Die - rund siebzig Arbeiten der Würtheigenen Sammlung, ergänzt durch einige, die im Rahmen eines Wettbewerbs der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. hervortraten – gewährt einen tief reichenden Einblick in die kreative Gedankenwelt geistig Behinderter.
Gar nicht damenhaft
Zwei Beine, die in roten Hosen stecken und in braune Schuhe münden, sind in heftigen Pinselstrichen pastos auf weißen Hintergrund gemalt. „Da fehlt noch was!“ Frau Claudia Scheller – Schach, Kunsthistorikerin, wendet sich vom Titelbild am Eingang der Ausstellung ab und einer Gruppe elf Kunstinteressierter zu. „Aber da kommen wir später drauf zurück.“
Damit richtet sie das Augenmerk auf ein Gemälde von Jean Dubuffet. La dame blanche (1952) klingt feiner, als es aussieht. In einem großen, beigefarbenen Kreis deutet eine ungleichmäßige, grobe Linienführung Augen, Mund und Nase an. Naivität und Kindlichkeit des Werks sind bewusste Provokation.
Art brut
Dubuffet hatte den Blick für die Kunst von Außenstehenden und sorgte seinesgleichen durch eine einfache, primitive Kunst für Furore. „Er wollte, wie er selbst sagte, mit Schlamm arbeiten, rau malen“, erklärt Frau Scheller – Schach, „Eine rohe, ungeschönte Art brut sollte es sein.“
Zwar formte Dubuffet diesen Begriff 1945 und legte damit den Grundstein für den „Durchbruch“ von Volkskunst, Kinderzeichnungen, Kunst von Autodidakten, psychisch Kranken und gesellschaftlich Unangepassten. Outsider Art wurde aber auch von anderen Künstlern geschätzt.
Picasso beispielsweise verwies auf den Ursprung der Kreativität, als er sagte: „Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“
Fantasievolle Künstlerin, Fantastische Gestalten
Birgit Ziegert hat damit keine Schwierigkeiten. „Sie ist ein echtes Talent, ob handwerklich oder malerisch, ob Groß- oder Kleinformat.“ Die Führerin macht Halt vor einem imposanten Werk der Vierundvierzigjährigen, die am Down – Syndrom leidet.
Vor einer pink verputzten Wand stehen zahlreiche, in schwarz und weiß gehaltene Figuren auf einem kleinen Podest. Außergewöhnliche Wesen zwischen Tier und Mensch lachen die Betrachter mit schiefen Mündern und eckigen Zähnen an. Birgit Ziegerts Fantasiegestalten – „Trolle“, wie die Künstlerin sie bezeichnet – haben breite Nasen, schielende Augen und verzerrte Gliedmaßen.
“Dubuffet wäre begeistert!”
Ob „trollig“ oder gruselig anzuschauen vermag die Gruppe nicht zu entscheiden. Stichworte wie „amüsant“ und „schockierend“ fallen. Allgemeine Zustimmung findet jedoch der Kommentar eines älteren Herren, der sich von der markanten Bildsprache beeindruckt zeigt: „Dubuffet wäre begeistert.“
Begeistert, weil an den Figuren nichts zueinander zu passen scheint, jede einzelne aber im Gesamteindruck stimmig, echt ist. Ein Blick auf einen in die gegenüber liegende Wand eingelassenen Fernseher verrät, dass es Birgits Lebhaftigkeit ist, die diese Empfindung hervorruft.
Eine Filmszene zeigt die geistig behinderte Künstlerin bei ihrer Arbeit. Sie wälzt sich auf dem Boden, um dann aufgeregt in einem alten Biologiebuch zu blättern. Sie studiert die darin abgebildeten Tiere, rutscht auf allen Vieren an eine weiße Wand und malt hastig breite Linien mit schwarzem Edding darauf. Dabei lacht sie laut auf.
Körpereinsatz für die Kunst
Die nächste Episode zeigt Christa Sauer. „Auch eine Frau, die ihre Kunst mit Leidenschaft und vollem Körpereinsatz ausführt“, meint Scheller – Schach. Mit einem dicken Pinsel malt Christa einen kräftigen Kreis – ihr Erkennungszeichen – auf eine Leinwand. Sie versteckt sich hinter ihrem Gemälde, lugt vergnügt hervor.
„Ihre Kreise wirken dynamisch und strahlen durch ihre In – Sich – Geschlossenheit dennoch Ruhe aus.“ Die Kunstführerin zeigt auf einen Sessel und einen Paravent, die Christa hintergründig orange und rosa, vordergründig mit roten Kreisen bemalt hat.
Harmonische Mehrfarbigkeit
„Eine Farbkombination, die ja eigentlich gar nicht geht“, flüstert eine Frau ihrem Mann zu.
Tatsächlich müssten dem Betrachter bei einer derartigen Polychromie die Augen schmerzen, doch wiederum wirkt die Arbeit harmonisch. Selbst im Kontrast zur Installation Christos, die genau entgegen gesetzt angebracht ist. Seine Verfremdung in Sessel, Stuhl und Tisch verpackt (1995) besticht in seiner Reduktion gleichermaßen wie Christa Sauers Wohnensemble in seiner Vielfarbigkeit.
Kreative und soziale Gleichberechtigung
„Ziel der Ausstellung ist es, die Gleichberechtigung und Integration der Kunst von Behinderten zu fördern“, resümiert die Kunstgelehrte, während ihre Gefolgschaft an unzähligen Bildern vorbeizieht, die durch ihre Buntheit, Natürlichkeit und Freundlichkeit auffallen.
Obwohl keiner der ausgestellten Maler, Bildhauer und Graphiker je eine künstlerische Ausbildung absolviert hat, reihen sich ihre Kunstwerke in die wenigen Arbeiten, die von Künstlern mit akademischer Laufbahn gefertigt wurden, mühelos ein.
Nasen riechen Tulpen bietet Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung eine Quelle für die Anerkennung ihrer Begabung, Persönlichkeit und Mitgliedschaft in unserer Gesellschaft. Kreative Leistungsfähigkeit und soziale Eingliederung stehen im Mittelpunkt.
Nicht zuletzt räumt die Ausstellung daher mit dem Vorurteil auf, Behinderung sei mit Tristesse und Hoffnungslosigkeit gleichzusetzen.
Kunst, die gute Laune macht
„’Wird man den Künstlern gerecht?’, habe ich mich gefragt.“ Claudia Scheller – Schach gibt zu, sie habe anfangs Bedenken gehegt, eine solche Museumsführung zu leiten. „Es gibt so wenig Daten und Fakten.“
Doch mindert dies die Hochwertigkeit der „Kunst von besonderen Menschen“ nicht. „Aber es funktioniert. Weil es wirklich gute Werke von enormer Qualität sind.“ Und weil einen die zu spürende Freude der Künstler an ihrer Arbeit „fast beschwingt aus der Ausstellung gehen lässt.“
Die Kunsthistorikerin steht wieder vor dem Titelbild von Nasen riechen Tulpen. Diesmal ist es allerdings am Ausgang positioniert – und nicht allein. Zwei weitere, darüber befindliche Gemälde bilden ab, was den Beinen zuvor fehlte: Körper und Kopf.
Es ist Micky Maus, eine Farbpalette und einen Malerpinsel in der Hand haltend. Sie lacht.
