Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

Klolektüre überflüssig

Es ist Mitte Juni und die perfekte Jahreszeit um in Peking auf Erkundungstour zu gehen. Die Sonne scheint und von Zeit zu Zeit weht eine leichte Brise. Die vergangenen Tage war Peking in eine dicke, undurchsichtige Smogwolke gehüllt. Heute aber kann man endlich wieder einmal die Sonne am Himmel sehen.

Ich packe also meine Tasche, nehme Stadtplan, Fotoapparat, Sonnenbrille und eine Flasche Wasser mit. Danach geht es auf zur U-Bahn. Nach wenigen Stationen habe ich Guloudaje, eines der letzten erhaltenen alten Stadtviertel Pekings erreicht. Hier stehen noch keine Wolkenkratzer sondern die ursprünglichen eingeschossigen Wohnungen – auch Hutongs genannt.

Nachdem ich durch das große rote, buntverzierte Tor getreten bin, welches die modernen Stadtviertel von den alten trennt, schlendere ich durch kleine, enge, staubgraue Gassen, durch die kaum ein Auto passt. Vorbei an prächtigen rotgestrichenen Hauseingänge, an alten Männern, die in Käfigen ihre Vögel spazieren führen, an spielenden Kleinkindern mit ihren am Hintern offenen Hosen.

Etwas abseits, im Schatten eines Baumes, sitzt eine Gruppe von Männern auf kleinen Hockern, um einen runden Tisch und spielt Domino. Hinter mir fährt ein Trödelsammler, laut durch die Gassen rufend, mit seinem Fahrrad und sammelt auf seinem Anhänger all die Gegenstände ein, die die Bewohner nicht mehr brauchen. Es ist als würde man in eine völlige andere Welt eintauchen. In den Hutongs ist es um einiges ruhiger als auf den viel befahrenen Strassen, auf denen sich unzählige Fahrräder, Motorräder, Busse sowie Autos drängen. Man hört kein Hupen und kein Bremsenquietschen.

Anderthalb Liter Wasser und fünf Kilometer Fußmarsch später, tritt das ein, was ich eigentlich hatte versucht zu vermeiden. Ich muss aufs Klo. Und das in einem Stadtviertel, wo Touristenklos eher Mangelwahre sind. Ich halte also Ausschau nach „Kloschildern“. Sehe nur leider keine. Doch dann kommt mir zum Glück ein Herr im Pyjama und einer Rolle Klopapier entgegen.

Aus der chinesischen Feng Shui Lehre geht hervor, dass die Toilette, ein energieraubender Ort ist. Aus diesem Grund wurde die Toilette an das äußerste Ende der Strasse verbannt. In den alten Hutongs findet man noch heute solche Toiletten. Meist teilen sich bis zu 100 Nachbarn eine. Die typischen chinesischen Toiletten sind Hocktoiletten, sie ähneln denen, denen man noch so manches Mal an französischen Raststätten begegnen kann.

Ich folge also dem Herrn und werde auch so gleich fündig. Schon wenige Meter vorher kündigt sich das Toilettenhaus mit einem beißenden Ammoniakgeruch an. Vor dem Eingang trennen mehrere durchsichtige Plastikbahnen das Hausinnere von der Außenwelt.

Im Vorraum der Toilette befinden sich mehrere Waschbecken. Als ich um die Ecke biege, biete sich mir ein Anblick der mich wenig zurück schrecken lässt. Denn vor mir an beiden gegenüberliegenden Wänden befinden sich zwei Rinnen, die in den Boden gelassen sind. Das – sind die Toiletten! Es gibt keinerlei Trennwände und keinerlei Türen.

Während ich mir noch überlege, ob ich hier wirklich bleiben möchte, spüre ich, wie ich von der Seite neugierig begutachtet werde. In der linken Ecke hocken, über der Toilettenrinne, zwei Damen sich gegenüber und plaudern. Neugierig schauen sie mich an.

Da mir nichts anderes einfällt und ich mich auch nicht wieder aus dem Staub machen kann, da meine Blase schon kurz vorm platzen ist, grüße ich meine Toilettennachbarinnen freundlich mit einem schüchternen „Ni hao“ und verziehe mich schleunigst in die andere Ecke des Raumes. Doch leider scheint das Interesse der Damen immer noch nicht gestillt zu sein, denn während ich nun auch über der Rinne hocke, schauen sie zu mir rüber, winken und unterhalten sich lachend weiter.

Geschafft! Was für eine Erleichterung!

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