Wunderbare Ereignislosigkeit
Filmstill statt Actionstreifen – die Ausstellung “12×12 – Die IBB-Videolounge in der Berlinischen Galerie” sensiblisiert die Sinne.
Wir sind hibbelig, eigentlich immer. Wir hassen vergeudete Zeit, wir lieben das Multitasking. Ob wir einkaufen gehen, eine Hausarbeit schreiben oder in den Urlaub fahren – wir packen uns ein in eine Wattehülle aus Medien. Die Hülle besudelt uns ununterbrochen mit Musik aus dem mp3-Player, Facebook leuchtet im Hintergrund marine-blau, dazu läuft das Radio oder der Fernseher. Wenn die Medien-Hülle zu dick wird, wird sie zur Medien-Hölle, denn sie macht uns taub für das richtige Leben.
Im schlimmsten Fall bedeutet das: Unsere Konzentration lässt nach. Ein Buch zu lesen und sich gar darin zu verlieren wird immer schwerer, alles lenkt uns ab, ständig durchkreuzen Gedanken zur nächsten Aufgabe unsere Aufmerksamkeit. Dokumentarfilme erfordern unser gesamtes Durchhaltevermögen, denn wir können auf keine Katastrophe hin fiebern. Bei Hörspielen schlafen wir sofort ein – weil unser Körper den Status der Entspannung nicht mehr kennt, sondern nur Schlaf oder Hyperaktivität.

Die Berlinische Galerie: In zwölf Monaten werden die zwölf besten Videokünstler vorgestellt
Und nun betreten wir die Berlinische Galerie. Einen dunklen Gang direkt am Eingang des White Cubes, der uns mit Möwengeschrei und Windrauschen anlockt. Und wir finden uns wieder auf einer Tribüne vor einer großen Leinwand. Die Tribüne ist überzogen von rotem Teppich, in der letzten Reihe können wir uns gemütlich anlehnen.
Holzkutter stampfen auf den Wellen
Zum Möwengeschrei und Windrauschen kommt ein Bild, eine einzige Perspektive: ein aufgewühltes graues Meer, das am Horizont mit dem Himmel verschmilzt, der genauso grau ist. Es sind wahrscheinlich drei bis vier Windstärken, denn die Wellen beginnen zu brechen. Regen fällt, oder Graupel, er überdeckt alles mit einem dicken Schnee-ähnlichen Schleier. Im Vordergrund ragen ein paar krumme Holzpfähle aus dem Wasser, einige nur so knapp, dass sie von den Wellen immer wieder verschluckt werden.
Von rechts schieben sich zwei Holzkutter ins Bild. Sie sind an langen Ankerleinen an den Grund des Meeres gekettet, haben aber genügend Spielraum, um vor und zurück zu schaukeln. Und genau das tun sie, eigentlich nur das: Sie schaukeln vor und zurück, manchmal unregelmäßig, sie stampfen auf den Wellen, wenn sie im Wind stehen, und rutschen sanft über den Wellenkamm, wenn sie sich vom Wind wegdrehen.
Was passiert als nächstes? Hat das Windrauschen einen unheilvollen Beigeschmack? Was soll das Kindergeschrei, was sich bei genauem Hinhören deutlich von den Möwen abhebt? Denken wir. Aber es geschieht: nichts.
Zunächst lässt uns die Hoffnung auf Nervenkitzel auf der Tribüne sitzen bleiben – obwohl es uns schon in den Zehen juckt, aufzuspringen. Die Berlinische Galerie ist schließlich groß, es gibt noch viel zu entdecken und wie immer drängt die Zeit. Doch dann merken wir: Es wird nichts mehr passieren. Seit zehn Minuten starren wir auf zwei Kutter. Sehen, wie sie zum Spielzeug von Wind und Meer werden. Wie sie sich aus dem Bild herausschieben und wieder hineingetrieben werden. Und langsam, ganz langsam lassen wir uns auf diese Ereignislosigkeit ein, denn sie erfüllt uns mit einer ungewohnten Ruhe. Details fallen uns auf: Der Rumpf hat rostrote, blaue und weiße Streifen – verblichen und zur Hälfte abgeblättert. Die Holzpinne scheint jeden Moment abzubrechen, so sehr wird sie von den Wellen hin- und her gedrückt.

Videokünstler Marcellvs L.: Zufall statt Drehbuch
Uns kommen verrückte Ideen in den Kopf, verrückt weil sie so gewöhnlich sind: Wir denken nach über die Kraft der Strömung, wir überlegen uns, wo die Kamera steht, was wohl hinter der Kamera passiert. Wir streichen über den roten Teppich, auf dem wir sitzen und empfinden es als angenehm, hier im Trockenen zu sitzen und nicht auf einem der Schiffe, auf die der Regen so unbarmherzig niederprasselt.
Zufall statt Drehbuch
Kurzum: wir kurbeln langsam unsere Wahrnehmung wieder an. Unsere absichtliche Wahrnehmung, nicht die Wahrnehmung dröhnender Beats, zu der uns der IPod zwingt.
Es sind 15 Minuten der Entspannung in der Ausstellung „12×12 – die IBB-Videolounge in der Berlinischen Galerie“. Innerhalb eines Jahres werden hier die Arbeiten von zwölf Videokünstlern gezeigt, die sich neue Möglichkeiten des Films erschlossen haben. Sie legen den Fokus auf Bildausschnitt, Fokussierung, das Objekt, die Ästhetik. Das Schiffs-Video stammt von Marcellvs L., der 31jährige Künstler aus Brasilien nennt seine Arbeit VideoRhizome. 28 Filme hat er gedreht, die alle für sich stehen und in denen immer die Kamera von einem festen Standpunkt aus ein willkürliches Geschehen vor der Linse filmt, manchmal so unscharf, dass der Zuschauer nur vermuten kann, was dort gerade passiert. Es gibt kein Drehbuch und keine Schauspieler für die Filme von Marcellvs L., alles geschieht zufällig. Seine Filme basieren auf der Spannung zwischen dem zufälligen Geschehen und der gezielten Aufnahme dieses Geschehens.
Seine Filme sind Ruhe statt auf Spektakel. Aber die Geduld, die sie uns kosten, lohnt sich. Vielleicht schon auf dem Heimweg, auf dem wir lieber dem Wellenrauschen im Kopf lauschen, als den dröhnenden Beats der Kopfhörer.
