Kulturen

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Die Hölle ist aus Gold

Thomas Ostermeier bringt Shakespeare zum Glitzern: „Maß für Maß“ versprüht unter seiner Regie in der Schaubühne ein Feuerwerk aus Allegorien

In Wien regiert das Chaos – in Gestalt von Herzog Vincentino. Ein Herzog der „auch an Fastentagen Fleisch genießt“, der die Feier- und Fleischeslust seiner Untertanen toleriert, da er selbst das exzessivste Leben führt. Was daraus folgt, zeigt das Bühnenbild zu Beginn des Stückes: Ein gewaltiger Kronenleuchter ist zu Boden gekracht und liegt mitten auf der vergoldeten Bühne.

Lars Eidinger als Angelo im Golden Cube: smart, moralisch, sündig

Lars Eidinger als Angelo im Golden Cube: smart, moralisch, sündig

Thomas Ostermeiers Inszenierung von Shakespeare‘ s „Maß für Maß“ ist ein Feuerwerk der Symbole, Allegorien und Metaphern: Das goldene Wien ist nur noch Fassade, im Inneren tut sich ein Abgrund aus Korruption, Trieben und Vergnügungssucht aus. Die Bewohner stehen ratlos zwischen den Wänden des Golden Cubes, unterhalten sich leise, hier und da ein Kichern. Versammelt haben sich hier neben dem Herzog – gespielt von dem wunderbaren Gert Voss, der mit 70 Jahren weder an Spitzbübigkeit, noch an Temperament verloren hat – der verkommene Adel in der Gestalt des metrosexuellen bunten Vogels Lucio, Anhänger des Klerus, gewöhnliche Bürger und der Mustermensch Angelo. Letzterer ist die letzte Hoffnung des Herzogs, dem bewusst wird, dass ihm die Fäden entglitten sind: Der Thron wird zum Beichtstuhl, in dem er seine eigenen Laster zugibt und in bemerkenswerter Selbstreflexion damit den Zustand der Stadt begründet. Als alle einen gregorianischen Choral anstimmen, gebührt dem Herzog nicht einmal mehr die Rolle des Dirigenten, er steht mit allen in einer Reihe und singt ins Publikum.

Angelo soll ihm dazu verhelfen, wieder den Taktstock in die Hand zu nehmen. Der Plan des Herzogs ist genial: Er verlässt vorübergehend die Stadt und legt sein Amt in Angelos Hände. Angelo, verkörpert von Lars Eidinger, scheint der perfekte Stellvertreter zu sein, denn er hat sein Leben der Moral verschrieben. Doch der Herzog ahnt das Scheitern Angelos in der Machtposition voraus: „Er hat mehr Appetiet auf Brot, als auf Steine“, sagt er hinter vorgehaltener Hand über seinen Schützling.

Gert Voss als Herzog Vincentino, hier verkleidet als Mönch: Er will zurück zum Dirigentenpult

Gert Voss als Herzog Vincentino, hier verkleidet als Mönch: Er will zurück zum Dirigentenpult

Gesetzgebung per Spritzpistole

Zunächst stürzt sich sein Stellvertreter mit geschwollener Brust in sein Amt, in die Aufräumarbeiten, die nötig sind, um Wien wieder in Ordnung zu bringen. Alle Zeichen stehen auf Neuanfang: Der  Kronenleuchter leuchtet wieder von hoch oben auf das Geschehen herab, Wien erstrahlt. Mit einem Hochdruckreiniger und starrer Miene reinigt Eidinger – smart im schwarzen Anzug und mit weißen Handschuhen – den Boden und die Wände. Er richtet Chaos an, denn seine Mitspieler müssen vor ihm flüchten, um nicht nass zu werden – um nicht Opfer seiner harten Gesetze zu werden. Einem gelingt die Rettung nicht: Claudio begeht eine Straftat, die zur Todesstrafe führt: er hat seine Freundin geschwängert, mit der er noch nicht verheiratet, wohl aber verlobt war. Dennoch zeigt sich an seinem Beispiel die Unerbittlichkeit Angelos, genauso sein Hang zur Tyrannei. Denn sein Motto lautet: Aus dem Gesetz keine Vogelscheuche machen: Das Gesetz soll kein harmloses Monster sein, an dessen Anblick sich mit der Zeit alle gewöhnen und sich bequem darauf niederlassen, wie es Vögel auf Vogelscheuchen tun.  Ein Schweine-Kadaver, der während Claudios Haft am Kronenleuchter aufgehängt wird, macht aus Wien eine Metzgerei, demonstriert gleichsam das Machtgefüge der Stadt: Die Schuld der Sündiger dient als Schmuck der Macht, als Dekorationsartikel. Gleichzeitig ist das tote Schwein aber auch eine Vorausschau auf Angelos eigenes Schicksal: Denn seine Unerbittlichkeit gerät ins Wanken, als die Schwester des Verurteilten, die junge Novizin Isabella, bei ihm vorstellig wird, um die Freilassung Claudios zu erbitten. Bei ihrem Anblick rutscht Angelo in einer Wasserlache aus. Er fällt seinen eigenen Säuberungsmaßnamen zum Opfer, denn er verliebt sich und spürt die Versuchung einer Straftat. Nach Isabellas Zurückweisung macht er ihr einen unmoralischen Vorschlag: Für eine Nacht mit ihr ließe er ihren Bruder frei. „Sünden, zu denen man gezwungen ist, werden bei der Bilanz nicht angerechnet“, haucht er ihr ins Ohr, doch sie verneint, sie will die Kirche nicht verleugnen – auch nicht um das Opfer ihres eigenen Bruders. Angelo, der Schuldige, ist tief verzweifelt und hängt sich neben das tote Schwein ebenfalls kopfüber an den Kronenleuchter. Er droht, als Opfer seiner eigenen Gesetzgebung aufzufliegen.

nasskalte Gesetzgebung: Angelo verurteilt Claudio zum Tode

nasskalte Gesetzgebung: Angelo verurteilt Claudio zum Tode

Claudio ist der menschlichste Charakter des Stücks: Als Jesus-Kopie mit wirren dunklen Locken, langem Bart, den dürren Körper in eine weiße Unterhose gehüllt, vegetiert er in einem imaginären Kerker vor sich hin. Dabei schwankt er zwischen Resignation, Zorn und Angst, seine Kommentare sind mal dümmlich, mal voll von todschwarzem Sarkasmus. Das macht aus ihm eher einen Komiker, als eine tragische Gestalt. Genau das ist notwendig, denn sein Schicksal steht nicht im Vordergrund des Stückes. Als Isabella ihm im Gefängnis von dem Angebot Angelos berichtet, schöpft Claudio Hoffnung und versucht sie einschmeichelnd von dem Deal zu überzeugen.  Isabella ist schockiert, dass auch ihr eigener Bruder den Schutz ihrer Jungfräulichkeit nicht anerkennt und verflucht ihn, wird gar zur Cholerikerin, ungewohnt unheilig.

Hochdosierte Allegorien

Als Mönch verkleidet, tritt der Herzog wieder auf. Er überzeugt Isabella von einem Plan, ihren Bruder zu retten: sie soll in Angelos Forderung einwilligen, statt ihrer würde aber eine frühere Verlobte Angelos auftauchen und die Nacht mit ihm verbringen. So geschieht es und Angelo erkennt im Dunkeln nicht, mit welcher Frau er schläft. Als er am nächsten Tage dennoch an dem Todesurteil festhält, gibt sich der Herzog zu erkennen, rettet Claudio und stellt Angelo an den Pranger: Maß für Maß lautet sein Urteilsspruch – Gleiches mit Gleichem. Der einstmalige Thron und Beichtstuhl ist zum Richtstuhl geworden, dieses Mal wird das Todesurteil über Angelo verhängt. Der Herzog darf am Ende wieder dirigieren, durch das Scheitern seines Vertreters ist seine Macht legitimiert worden.

der Herzog überzeugt Isabella von seinem Plan. Im Hintergrund: totes Schwein am Kronenleuchter

der Herzog überzeugt Isabella von seinem Plan. Im Hintergrund: totes Schwein am Kronenleuchter

Hochdosiert sind die Allegorien, mit denen Ostermeier sein Stück in Spannung versetzt. Überall drängen sich dem Publikum Deutungsmöglichkeiten auf, überdrüssig wird man ihnen allerdings nicht: Die Allegorien sind spannende Rätsel und fallen erst auf den zweiten Blick auf. Wie auch der Einsatz der drei Live-Musiker auf der Bühne, die immer Teil des Geschehens bleiben, jedoch einzig die Rolle des Volkes spielen und die Handlung mit fast trotzig klerikalen Klängen untermalen. Auch sie müssen vor den Wasserattacken Angelos fliehen, gleichzeitig gehören sie zur Ausstattung: Sie verschmelzen durch vereinzelte goldene Akzente in ihrer Kleidung mit dem Bühnenbild.

Gibt es in diesem Stück überhaupt gute Menschen? Angelo und der Herzog haben beide gesündigt. Und Isabella, die unschuldige Novizin? Sie vergibt zwar die unbedachte Leidenschaft ihres Bruders, nicht aber die des Angelo. Ein Paradoxon. Und sie stellt das Gesetz Gottes über das Leben ihres Bruders, denn sie ist nicht bereit,  für ihn das kirchliche Gebot der Jungfräulichkeit zu brechen. Welches Gesetz wiegt höher: das Gesetz Gottes oder das Gesetz eines menschlichen Machthabers?

Als Eidinger kopfüber vom Kronenleuchter hängend die Arme von sich streckt, wird er zum umgedrehten Kreuz – das Symbol für den Teufel. Es ist das stärkste Bild des Abends, denn es zeigt die Essenz aus Shakespeare’s Stück und Ostermeiers vollste Zustimmung: Das Teuflische und das Gesetz liegen dicht beieinander. Denn erst das Gesetz definiert den Teufel.

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