Wie ein Licht am Ende des Tunnels
Tarek will sich mitten auf einem belebten Marktplatz in Tel Aviv in die Luft sprengen. Doch der Zünder versagt und der junge palästinensische Selbstmordattentäter muss 48 Stunden warten, bis der ahnungslose Elektriker Katz ihm Ersatz liefert. Statt den Tod findet der junge Mann in diesen zwei Tagen das Leben und die Liebe.
Kein anderer Zeitpunkt erscheint passender als der Jetzige für den neuen Film vom israelischen Filmemacher Dror Zahavi (49). „Alles für meinen Vater“ wurde aber bereits vor anderthalb Jahren gedreht und sollte laut Regisseur primär eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählen. Dass der Film durch die jüngsten Kämpfe in Gaza und den sich dramatisch zuspitzenden Nahostkonflikt dennoch eine enorme politische Bedeutung erfährt, sieht Zahavi positiv. Er sagt, sein neuestes Werk könnte „wie ein Licht am Ende des Tunnels“ wahrgenommen werden.
Zwei Außenseiter finden sich
Tarek will so gar nicht der weit verbreiteten Vorstellung eines Selbstmordattentäters entsprechen. Die Zuschauer lernen einen jungen Mann kennen, der weder nach Rache dürstet und gefühlskalt zum Märtyrer werden will, noch die Israelis aufs Tiefste hasst. Während sein ernster Blick sein markantes Gesicht dominiert, wirkt Tarek geradezu schüchtern, als er das erste Mal lächelt. Dieser Spagat zwischen der Darstellung einer durch und durch bösen Figur, die letztendlich nichts anderes vorhat, als so viele Menschen wie möglich mit in den Tod zu reißen, und der Herausforderung, dabei gleichzeitig eine warme und herzliche Ausstrahlung zu haben, gelingt dem Hauptdarsteller Shredy Jabarin (27) auf beeindruckende Art und Weise.
Auch Hili Yalon (22), die Keren spielt, besticht durch ihr intensives Schauspiel. Für den Regisseur ist sie die „Reinkarnation von Freiheit“. Keren ist eine junge Frau, die trotz Schicksalsschlägen vor Optimismus und Lebensfreude sprüht und nicht nur Tarek, sondern auch die Zuschauer damit in den Bann zieht. Während Tarek die Ehre seines Vaters wiederherstellen muss, weil dieser einst mit den Israelis kollaborierte und eine Schande für das Dorf darstellt, muss auch Keren die schwere Bürde einer Aussetzigen tragen, nachdem sie mit ihrem strengen, jüdischen Elternhaus gebrochen hat.
Auf Kitsch wird verzichtet
Zwischen Tarek und Keren bahnt sich eine Liebesgeschichte an, die nicht pathetisch versucht, die sich immer wieder stellende Frage in den Vordergrund zu stellen, warum Israelis und Palästinenser nicht einfach in Frieden zusammenleben können. Stattdessen beschränkt sich die Darstellung ihrer Zuneigung auf eine sehr vorsichtige Annäherung, ohne große Gefühlsausbrüche und stürmische Liebesszenen. Der Film zeigt fernab jedes Hollywood-Clichées, dass große Emotionen auch anders widergespiegelt werden können. Trotzdem kann der Film nicht unpolitisch sein, stellt doch die Herkunft der beiden einen scheinbar unüberwindbarer Graben dar. Es sind jedoch die Umstände, die Tareks und Kerens Liebe verkomplizieren, nicht sie selbst.
Ein Spiegel der Juden in Israel
Die intensiven Figurenstudien beschränken sich nicht nur auf Tarek und Keren, sondern widmen sich ganz unterschiedlichen Menschen auf Tel Avivs Straßen. Katz zum Beispiel, der kauzige Elektriker, ist meistens zu Scherzen aufgelegt. Erst allmählich erfährt der Zuschauer, woher seine latente Traurigkeit stammt: Er kann den Tod seines Sohnes in der israelischen Armee nicht überwinden. Dass Shlomo Vishinski, der Katz spielt, seinen Sohn tatsächlich vor einigen Jahren verloren hat, gibt seiner Filmfigur einen unvergleichlich starken, fast dokumentarischen Ausdruck.
Die provokante Darstellung der israelischen Armee und der orthodoxen Juden führten sogar zu anfänglichen Boykotten des Films. „Alles für meinen Vater“ macht jedoch deutlich, dass Regisseur Zahavi die Israelis nicht diffamieren, ihnen jedoch den Spiegel vorhalten will. Dabei schwingt stets ein ganz spezifischer Humor mit, der trotz der allgegenwärtigen Gefahr und des Konfliktes die Menschlichkeit hervorheben möchte. All die kleinen Geschichten, die Zahavi in seinem Film erzählt, bringen dem Zuschauer Tel Aviv in seiner Alltäglichkeit nahe, die weit entfernt erscheint von Bombenangriffen und Attentaten.
Ende gut, alles gut?
Nur Tarek bleibt während des ganzen Films der Todesengel. Schließlich ist er mit einem eindeutigen Auftrag in die Stadt gekommen. Auch bei der Umsetzung des Filmendes legte Zahavi viel Wert auf Wahrhaftigkeit. Denn das ist ein Aspekt, der „Alles für meinen Vater“ am meisten auszeichnet: Es ist ein Film, der gerade durch seine starken Darsteller immer authentisch und glaubwürdig bleibt.
- „Alles für meinen Vater“ (2008, 100 Min.) läuft in folgenden Berliner Kinos: Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento, Filmkunst 66, Cinemaxx Potsdamer Platz.
