Nicht alles ist Gold, was glänzt
Frida Gold in Berlin: Überraschung und Enttäuschung zugleich. Die Band aus dem Ruhrpott rockte zwar den Postbahnhof, hinterließ aber einen üblen Beigeschmack.
Draußen vor dem Berliner Fritz Club klirrte eisige Kälte. Kinder mit ihren Eltern zitterten in der Schlange, Gruppen von Männern und Frauen gefroren die Becher voll Bier und Prosecco in den Händen. Alle wollten endlich rein ins Warme, wo goldiger Glanz auf sie wartete.
Und so strömten mehr als 1000 Fans der Pop-Elektro-Kombo Frida Gold am 16.11. in den Club am Ostbahnhof. Doch es sollte noch ein ganzes Weilchen dauern, bis sich Frontsängerin Alina Süggeler und ihre Männer auf die Bühne wagten.
Denn zuvor versuchten sich drei Musiker alias die Band „Pilot“ erst einmal. Mit einer gelungenen Mischung aus gefühlvollem Deutschrock und Gitarrensoli zwischendurch unterhielten sie die erste halbe Stunde. Der Sänger mit seiner blonden Lockenmähne und der blauen Jacke mit floralem Muster versprühte sogar ein wenig Glamrock-Flair unter dem alten Holzdach.
Neuer Look: Stoppeln statt Haarpracht
Die Band konnte aber noch so oft die Locken wirbeln und die Saiten erzittern lassen, doch das Publikum wollte nur Frida Gold. Die ließen die Leute jedoch an der langen Leine zappeln. Nach der Vorband verstrichen erst 15, dann 30 und schließlich 45 Minuten. Das Publikum entlud ob dieser immensen Verspätung seinen Unmut zu Recht in Pfiffen. Als die Band sich dann doch endlich entschloss, hinterm schwarzen Vorhang hervorzutauchen, war aller Unmut vergessen. Die verpuffte Wut mag vielleicht auch an der neuen Frisur Alina Süggelers legen, die „heute mal mit einem neuen Look“ überraschen wollte. Statt üppiger Haarpracht sprießen nur noch Stoppeln auf Alina Süggelers Kopf. Ob die lange Verspätung einer spontanen Rasur hinter der Bühne geschuldet ist? Man weiß es nicht. Jedenfalls tat die Band so, als ob nichts gewesen wäre, nur das erste Lied „Morgen“ ließ die Erkenntnis über eine gewisse zeitliche Diskrepanz erahnen.
Frida Gold, zurzeit mit ihrem am 2. Dezember erscheinenden Album „Juwel“ auf Deutschland-Tournee, machten ihrem Namen alle Ehre: Der goldblonde Haarschopf von Gitarrist Julian Cassel harmonierte mit der goldenen, mit Strasssteinen besetzten Bassgitarre von Andreas Weizel und am Mikrofonständer baumelte ein golden glänzendes Schmuckstück. Sängerin Alina Süggeler funkelte zwar nicht golden, davor bot ihr schwarzer enganliegender Einteiler einen Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Darunter blitzte zum Glück nicht der blanke Busen hervor, sondern ein schwarzes Bustier, darüber ein Pelzkragen.
Auf fremden Schultern im Publikum baden
Mit den gut bekannten und immer bewährten Titeln „Zeig mir wie du tanzt“ und „Wovon sollen wir träumen“ setzten Frida Gold kleine Höhepunkte in einer Reihe solider, aber nach Konfektionsware klingender Lieder. Dafür war die Interaktion mit dem Publikum umso erwärmender. Mit animierenden Zusprüchen – den Frauen entlockte die Sängerin ein hysterisches „ah“, den Männern ein animalisches „oh“ – versuchte Alina Süggeler Kontakt zu den Fans aufzunehmen. Höhepunkt dieser intensiven Kontaktaufnahme war ihr Ritt auf den Schultern des „größten Mannes im Saal“, so die Frontfrau.
Für diesen Herrn war es wohl der Zenit des Abends. Für alle anderen genügte der tanzbare Disko-Pop, gepfeffert mit Trommeleinlagen Alina Süggelers und den kuriosen Hin-und-Her, Vor- und-Zurück-Bewegungen Julian Cassels, dessen Klatschbekundungen bei jedem Lied bereits nach fünf Titeln ermüdend wurden. In der Mitte des Konzerts gab es sogar einen Überraschungsgast: Der Bruder von Sängerin Alina sang eine eigene Ballade mit Unterstützung seiner Schwester im Hintergrund.
Neben der haarigen Neuerung brachten Frida Gold auch einen neuen Titel nach Berlin: ein deutsches Cover des Spandau Ballet-Klassikers „Gold“. Dabei haben sie solche Neuinterpretationen gar nicht nötig. Ihre eigenen Lieder sind gute Pop-Elektro-Nummern. Und nur weil etwas glänzt, ist es noch lange nicht Gold. Es hätte ein gelungener Abend in Berlin werden können, wenn der üble Beigeschmack der langen Verzögerung nicht gewesen wäre. Denn so lange sind Frida Gold noch nicht berühmt und auch die größten Stars lassen ihre Fans nicht warten. Das hätte keine Klasse, keinen Stil und den Goldstatus auch nicht verdient.
