Sind wir nicht alle ein bisschen Meese?
Eine Gruppe Dreißigjähriger flieht vor der Gesellschaft in ein dunkles Kinderzimmer und beschließt, Stipendiengelder in Dosenravioli zu investieren. Im bläulichen Schein des Fernsehers begibt sie sich auf eine Fantasiereise.

Anika Baumann und Michael Klammer als Mitglieder der Generation Meese: Fantasieexplosion im dunklen Zimmer
Der durchschnittliche Anhänger der Generation Meese entspricht dem Klischee eines Versagers: Er ist Langzeitstudent, jobbt in Zeitarbeitsfirmen, seine Freizeit verbringt er vor dem Fernseher – der einzigen Lichtquelle in seinem Zimmer. Aber: Die Generation Meese ist überdurchschnittlich intelligent. Sie spricht fünf Sprachen, hat beste Noten und wird überhäuft von Stipendien. Nutzen tut sie diese Vorteile nicht – der Wettbewerb der Gesellschaft um Ehrgeiz und Erfolg stößt sie ab, genauso wie die hochnäsige Attitüde der Bildungselite. Statt laut zu protestieren, bleibt die Generation Meese aber unauffällig. Sie fühlt sich sicher auf einer warmen Matratze in einem abgedunkelten Zimmer.
Oliver Kluck hat in seinem Stück das psychologische Protokoll einer Anti-Subkultur niedergeschrieben. Namensgeber der Generation Meese ist Jonathan Meese, der sagte: „Man muss nur die Worte umdrehen und die Vorzeichen ändern, dann geht’s ab“. So irrational wie dieser Satz des Konzeptkünstlers ist, so eindeutig ist seine Botschaft: Die größte Befriedigung ist für ihn die Umkehrung des konventionellen Wertesystems. Es ist der gemeinsame Nenner der Generation Meese.
Klucks Text gleicht einem Stream of Consciousness. Er ist ein Sammelsurium aus Zitaten, Geschichten und Philosophien, die mal als Plädoyer vorgetragen werden, mal dialogisch aneinandergeraten. „Ich möchte den Regisseuren die Freiheit geben, ein Maximum aus dem Text, der Aussage, der Stimmung herausholen zu können“, sagt Kluck, der bekennende Feind von Regieanweisungen. Es bedarf eines ausgeprägten eigenen Standpunkts des Regisseurs, um eine sinnhafte Balance zwischen Fiktion und Realität des Textes zu finden.
Zwangsneurose statt Tageslicht
Der Regisseur Antú Romero Nunes, der das Stück am 8. Februar 2010 im Studio des Gorki Theaters uraufführte, hat sämtliche Szenen in einen dunklen Raum verlegt. Der Bühnenboden ist mit Schaumstoffmatratzen ausgelegt, ein Haufen bunter Decken und Kissen türmt sich in der Mitte. Alles wird berührt vom bläulichen Flackerlicht des Fernsehers.

Schutz vor der Realität: Eine Matratzenhöhle wird zur Existenzgrundlage
Für Nunes ist das Prinzip Meese keine Collage von Absurditäten, sondern der übersteigerte Drang nach Rückzug und Passivität, der sich in der Ellenbogengesellschaft bei jedem bemerkbar macht. Anika Baumann und Michael Klammer verkörpern zwei Meesianer im Schlabberlook. Sie gehören jedoch nicht zu den Menschen, die diesen Drang in gesundem Maße verspüren: Sie sind die personifizierte Passivität, deren psychische Störung an neurotischem Armkratzen abzulesen ist.
Plötzlich agil werden die beiden Protagonisten, wenn sie in kindliche Rollenspiele verfallen. Sie werden zum hochnäsigen Professor, der sich im tief bayerischen Akzent über die Sitten- und Antriebslosigkeit der Jugend beklagt, zur nach Selbstverwirklichung strebenden Lehrerin oder zu Marcel Reich-Ranicki, der sich über die jämmerlichen Versuche junger Autoren amüsiert. Sie zitieren alle Absurditäten der Welt da draußen – und jagen sich im nächsten Moment über den weichen Untergrund. Sie lassen sich fallen, sie kuscheln sich ein, sie sind unverletzlich. Einzig die karge Bühnenbeleuchtung und der Nebel, der manchmal über die Matratzen wabert, lassen keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um eine Kinderzimmer-Idylle handelt, sondern um den surrealen Lebenszustand eines erwachsenen Menschen, der vom Tageslicht nichts wissen will.
Tuba gegen Taubheit
Als Schuldige an der Unfähigkeit, sich mit der Welt zu arrangieren, werden die Eltern der Meese-Generation angeprangert. Nunes konkretisiert die Taubheit der Eltern, indem er Michael Klammer „Mutter!“ in eine Tuba brüllen lässt. Ein Hilferuf ohne Antwort. Statt liebevoller Erziehung haben die Eltern die wahren Probleme ihrer Kinder nie wahrgenommen, ließen sie dagegen mit teuren Instrumenten alleine – Musikunterricht gegen das schlechte Gewissen.

Schrei nach der Mutter: Tuba statt Elternliebe
„Es ist das Finden der eigenen Verwirrung“ sagt Oliver Kluck über sein Stück. Verwirrend ist in erster Linie die Inkonsequenz des Prinzips, eine Definition ist unmöglich. Nunes gelingt eine Zuspitzung dieser Inkonsequenz: er hat Klucks Stream of Consciousness in Sinneinheiten gegliedert und die unzähligen Sprecher aus dem Text auf zwei Münder verteilt. Die beiden Schauspieler werden so mit einer Masse an Eigenschaften beladen, die sich oft widersprechen. Das Rätsel um die Meese-Persönlichkeit wird nicht aufgeschlüsselt, sondern verkompliziert. Obendrein fragen die Schauspieler ihr Publikum anfangs provokativ: „Woher wisst ihr, ob wir nicht zum Beispiel genau jetzt anfange, zu lügen?“ Die Verwirrung ist perfekt – niemand weiß, ob sie gerade improvisieren oder geprobte Sätze aufsagen.
Das Publikum spielt überhaupt eine entscheidende Rolle – denn es dient zur Legitimation des Meese-Prinzips. „Welche Serien habt ihr denn in den 90ern geguckt?“ wird es von den Schauspielern gefragt – so hartnäckig und so lange, bis alle einschlägigen Sendungstitel gefallen sind. Blamabel – Theatergänger geben nicht gerne zu, fernzusehen – sich einmal aus der hektischen Welt zurückzuziehen und einer Beschäftigung nachzugehen, die jedes Denken abstellt und neue Welten eröffnet. Ihnen allen wird in diesem Moment der Spiegel vorgehalten, ihnen wird beigebracht, dass das Prinzip Meese ihnen mehr entspricht, als geahnt.
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