Das Leben ist kein Ponyhof
Es gibt Orte, an denen man Kaffee und Kuchen bestellt, und es gibt das Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz. Diese Gaststätte wäre nichts Besonderes, wenn sie nicht was ganz Besonderes wäre. Seitdem der Rosenthaler Platz zum Mitte-Wellness-Zentrum umgebaut wird, trifft sich hier die Avantgarde einer orientierungslosen Generation.
Das Leben ist kein Ponyhof. Diesen Satz muss man sich erst einmal zu Gemüte führen. In großen Buchstaben hängt er an der Fassade des Sankt Oberholz in Mitte. Ist man neu in diesem Bezirk, mag die Redensart nicht sonderlich aufregend sein. Die Pony-Melancholiker im Sankt Oberholz trifft er jedoch mitten ins Herz. Die meisten Menschen in Mitte wünschen sich nichts inniger als ein eigenes Pony. Gleichzeitig wissen sie, daß dieser Wunsch ihnen für immer verwehrt sein wird.
So ist das im wahren Leben. Manchmal ist der Apfelkuchen alle und man weiss nicht einmal warum. Auch vier frische Käsetorten können so einen Verlust nicht aufwiegen. Deshalb kann man sagen: Mitte-Menschen tragen einen existentialistischen Pony-Schmerz mit sich herum. Sie wollen die Welt so akzeptieren wie sie ist, sie sind bereit ein Leben ohne Ponies zu führen. Dennoch ist es schwer. Und an manchen Tagen möchten sie einfach nur alleine sein.
Lege nicht alle deine Eier in denselben Korb
Die Herkunfsverhältnisse der Gäste im Sankt Oberholz sind schwer zu ermitteln. Es wird wenig gesprochen und dafür viel geklickt. Auf beiden Etagen der Gaststätte sitzen junge Menschen hinter mitgebrachten Rechnern und starren in die Leuchtdioden brandneuer MacBooks. Laptops sind keine Gesprächspartner. Und man soll sich nicht täuschen: Diese Menschen kommen nicht etwa aus Spass in das Sankt Oberholz. Nein, hier wird gearbeitet. Meistens ist es „irgndwas mit Medien“.
Die junge Arbeitskraft des 21. Jahrhundert arbeitet in einem „sozial proaktiven Umfeld“, wie dem Sankt Oberholz. Es gibt hier Apfelkuchen, und falls er alle ist, gibt es Käsetorte. Und viele andere Menschen mit Laptops. Dies ist die „digitale Bohème“. Der moderne Auswuchs einer Großstadt, in der Menschen damit auskommen, gerade das zu tun, worauf sie Lust haben. Das Internet ist in vielerlei Hinsicht Dreh- und Angelpunkt dieser Lust geworden. Die digitale Puffmutter und ihre hedonistische Larifari-Kundschaft.
Altes Brot ist nicht hart, kein Brot, das ist hart.
Nina heisst nachts DJ Ponnie M. Sie wohnt etwas weiter die Torstrasse hinunter, am Rosa-Luxemburg-Platz. Tagsüber macht sie dies und das, nachts steht sie im funky Dress an den Turntables. Nina mag das Oberholz, weil es hier „Menschen gibt, die ziemlich undurchschaubar sind.“ Übersetzt heisst das, dass hier Menschen mit Laptops sitzen und so tun als ob sie saumäßig beschäftigt wären.
Nina zieht sich ihre Kopfhörer an und bastelt sich auf ihrem Rechner ein paar neue Tracks zusammen. Neben ihrem Rechner steht eine Bionade. Geschmacksrichtung Ingwer-Orange. So verbringt sie gerne schon einmal einen ganzen Nachmittag. „Was gibt es daran auszusetzen“, fragt sie mit stechendem Blick. „Berlin ist eben anders. Ich habe hier zum Beispiel schon viele Matrosen gesehen. So richtig mit Uniform und Käppi. Obwohl es doch gar kein Meer gibt, in Berlin.“
Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen
Man hat das Gefühl, das Internet und Lifestyle in dieser Stadt auf ganz natürliche Weise zueinander gefunden haben. Für das goldene Zeitalter ist es in Sachen Internet noch ein bisschen zu früh. Deshalb stehen die Menschen im Sankt Oberholz auch gerne etwas später auf. Wieso der ganze Stress? Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen. Warten und Tee trinken. Oder warten mit Latte Macchiato.
Draussen am Rosenthaler Platz verändert sich die Stadt. Es gibt Kräne und riesige Bohrmaschinen, die Rohre im Boden versenken. An den Strassenecken hängen die letzten Penner in ihrem alten Kiez. Neulich sind ein paar polnische Punks mit ihren Hunden aufgetaucht. Geradezu ironisch: Sie sind die Vorboten einer neuen Zeit.
He sit up Perd und söcht dorna
Abends senkt sich mit dem Tageslicht die Stimmung auf ein duseliges Lounge-Niveau. Eine kleine Lampe an der Wand bestrahlt ein Landschaftsporträt vom Tempelberg, dem wahnwitzigen Entwurf eines Berliner Architekten zur alpinen Umgestaltung des Flughafens Tempelhof. Genauso wahnwitzig sieht es vermutlich in den handvoll Köpfen aus, die gedankenverloren an ihren Tischen sitzen. Sie planen mit leeren Blicken ihre Projekte der Zukunft. In der knappen Zeit zwischen den langen Partynächten träumen diese Menschen von ihrem individuellen Siegeszug 2.0. Eines Tages werden die Blogger Kravatten tragen und dann gehört die Welt ihnen, Bit für Mega-Fucking-Bit.
He sit up Perd und söcht dorna. Er sitzt auf dem Pferd und sucht danach. Diesen Satz muss man sich erst einmal zu Gemüte führen. Er hängt nicht in großen Buchstaben an der Fassade des Sankt Oberholz in Mitte. Wenn er es täte, würden Menschen hier vielleicht auf ein Stück Kuchen vorbeikommen. Danach würden sie schnell wieder weiter ziehen, denn das beste Pferd auf das man setzen kann, ist die eigene Zeit.
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