Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

Toskana-Kitsch und Bahntrassen-Charme

Die Möglichkeiten, in Berlin einen perfekten Sommerabend zu verbringen, sind zahllos. Es gibt Biergärten, Cafés zum draußen sitzen, man kann im Park grillen und – sich auf eine Brücke setzen.

Und von denen hat Berlin immerhin mehr als Venedig. Die prominenteste und meistbevölkerte ist derzeit wohl die Admiralbrücke in Kreuzberg. Malerisch über den Landwehkanal gelegen, kann man von hier aus Schwäne und den Sonnenuntergang beobachten. Auf der Brücke drängen sich währenddessen Nachtschwärmer, Akustikbands, Touristen, Grasdealer und Leute aus der Nachbarschaft mit Hund, Bier und Picknickkörben.

Admiralbrücke

Sogar in die großen Zeitungsfeuilletons hat es die Admiralbrücke geschafft, die Zeit etwa ruft euphorisch ein „Neuberliner Brückenwunder“ aus. Im Lonely Planet, dem Standard-Rucksacktouristen-Reiseführer, steht der „Hotspot“ jedoch wider Erwarten noch nicht. Doch heute muss ein guter Tipp nicht mehr gedruckt verbreitet werden, es genügen persönliche Empfehlungen und Blogs.

Lieber Autos als Partylärm

In den regionalen Zeitungen ging es außerdem oft um den Streit über die Zukunft der Brücke – einige Anwohner fühlten sich derart von dem Partylärm gestört, dass sie sich die Poller wegwünschten, die für eine verkehrsberuhigte Zone sorgen, und hätten also Motorenlärm und Abgase bevorzugt. Der Bezirk lehnte die Forderungen ab, will aber andere Möglichkeiten diskutieren, um für mehr Ruhe zu sorgen, sogar ein Alkoholverbot.

Was an dem Thema am meisten fasziniert, ist das Phänomen, dass sich so viele Menschen Tag für Tag auf den manchmal nassen oder kalten Asphaltboden setzen, statt auf eine Parkbank, das heimische Sofa oder einen Barhocker.

Anti-Haltung gegenüber Bars

Gründe gibt es dafür genug: „Wir holen uns bei dem Späti an der Ecke Bier, und das Gute hier ist, dass man Freunde und Bekannte trifft, ohne dass man sich verabreden muss“, erzählt Sascha, der am nahe gelegenen Kottbusser Tor wohnt und oft abends herkommt. Er sitzt auf dem Bordstein und muss jetzt seine Füße einziehen, weil ein Auto über die Brücke fahren will – schneller als im Schritttempo ist das kaum möglich. Der Fahrer wirkt gereizt. Alle fünf Minuten kommen Leute, die leere Flaschen in ausgebeulten Plastiktüten sammeln, der Boden ist mit Kronkorken übersäht.

Admiralbrücke

Auch Seda sitzt gerne hier und hat eine einleuchtende Theorie, warum der Platz so beliebt ist. „Hier zu sitzen ist eine Art Anti-Haltung gegenüber Clubs und Bars, in denen soziale Kommunikation und Spaß ein Teil des Konsum-Zirkus’ sind“, meint sie. Hier könne jeder kommen, und zwar ohne Eintritt. Auch für Dialoge sei in Clubs weniger Raum, oder für ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Demokratisches Zusammensitzen als antikommerzielle Jugendbewegung also?

Pseudo-toskanisches Flair

Um die Ecke, in der Böckhstraße, wohnt Miriam. Mit ihrem kleinen Sohn spaziert sie fast jeden Tag an der Brücke vorbei. Ob sie der ständige Trubel stört? „Nein, überhaupt nicht. Ist ja auch eine sehr nette Stimmung, aber ich selbst saß da komischerweise noch nie.“ Das liege aber wohl an den Scherben auf den Boden, da könne man eben kein Kind drüberkrabbeln lassen.

Admiralbrücke

Dass die Gegend um die Brücke, der Graefekiez, derzeit gerade bei jungen Familien so beliebt ist, findet Miriam auch nicht schlimm. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier so hip und spießig wird wie zum Beispiel im Prenzlauer Berg.“ Auf ihren Freund Chris dagegen wirkt das Bild der vielen Leute, die auf der Brücke abhängen, surreal. Er findet den Brauch schlicht „scheiße“: „Dieser Kitsch und das pseudo-toskanische Flair gehen mir auf die Nerven.“

Sonnenuntergang über der Bahntrasse

Während die Admiralbrücke zum Mainstream der Berlinkultur gezählt werden muss, ist die Modersohnbrücke in Friedrichshain eine schöne und entspannte Alternative. Ein Stück hinter der Oberbaumbrücke gelegen, führt sie über die S-Bahngleise und verbindet das Gebiet um den Boxhagener Platz mit dem ruhigeren Friedrichshainer Kiez zwischen Bahntrasse und Spree. Auch von hier aus kann man wunderbar die Sonne untergehen sehen, wenn auch weniger romantisch über dem Wasser, als trashig-urban über den Gleisen und Fabrikgebäuden.

Heute sitzt niemand auf der Modersohnbrücke, denn es ist kalt und es nieselt. Nur Charlotte lehnt am Brückengeländer und schaut auf den grauen Horizont in Richtung Warschauer Straße und Alex. Sie wohnt seit rund zehn Jahren in der Nähe, in der Lehmbruckstraße. Als Charlotte herzog, war die ursprüngliche Brücke gerade abgerissen worden und es gab nur einen Fußgängersteg. Seit sieben Jahren steht sie nun in ihrer heutigen Form, mit genug Platz für Autos und einem breiten Geh- und Radweg daneben.

Die Brücke als romantic spot

„Davor war hier ein gefühltes Niemandsland, zwischen Wasserwerken und Baumarkt. Aber seit es so viel Platz zum Sitzen gibt, bin ich öfter mal abends hier – das war immer mein romantic spot …“, erzählt Charlotte und lächelt. Einmal war sie hoffnungslos verliebt in einen Jungen, und nach einem Streit hatten sie sich monatelang nicht gesehen. „In einer lauen Nacht warf er dann Steinchen an mein Fenster und es war klar, dass wir uns auf die Brücke setzen um uns auszusprechen.“ Geklappt hat es mit den beiden nicht, und wie um die traurigen Gedanken wegzuwischen, springt Charlotte jetzt ein paar Mal auf und ab: „Krass, oder?“, ruft sie, und der Boden vibriert und wackelt.

Modersohnbrücke

Schade, dass aus ihrer Sommernachtsgeschichte nichts geworden ist. Am Ort lag es sicher nicht, denn der ist sehr charmant. So ist es durchaus vorstellbar, dass auch die Romantik ein wichtiger Faktor bei der Vorliebe der Berliner für Brücken ist. Sie sind sozialer alternativer Treffpunkt für Freunde und bieten zugleich eine eher kitschige – im Fall der Admiralbrücke – oder leicht melancholische – im Fall der Modersohnbrücke – Kulisse für Paare und alle, die es vielleicht, mit etwas Glück, werden wollen.

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