Die unbemerkte Revolution im Kino
Die Digitalisierung der Kinotechnik wird von den großen Produktionsfirmen vorangetrieben – Doch wer braucht den digitalen Rollout?
Staubkörnchen auf der Leinwand, ein Laufstreifen zieht sich durch das Bild, die Schärfe wird nachgestellt. Bei einer Filmprojektion im Kino hat sich technisch gesehen in den letzten 100 Jahren relativ wenig getan. Der Ton wird mittlerweile fast überall digital ausgelesen, doch das Bild wird in den meisten Kinosälen immer noch analog projiziert – mit 35-Millimeter-Projektoren. Langsam weicht nun auch diese Technik einem digitalen Format.
Der Anteil der auf digitale Technik umgerüsteten Kinosäle liegt zwar immer noch unter fünf Prozent, doch der Zuwachs ist stetig, das zeigt eine Studie von Media Salles zu digitalen Kinos in Europa. Durch die verstärkte Produktion von 3D-Filmen erhöht Hollywood nun zunehmend den Druck, denn ein digitaler Projektor ist für den 3D-Effekt obligatorisch. Neben wirtschaftlichen Faktoren wird die Umrüstung aber auch Auswirkungen auf die deutsche Filmindustrie, die Kulturpolitik und das Freizeitverhalten der Bevölkerung haben.
Schleppender Anfang
Die Digital Cinema Initiatives (DCI), ein Zusammenschluss der großen Produktionsfirmen in den USA, hat im Jahr 2005 einen Standard für die digitale Technik festgelegt, der auch in Europa weitestgehend anerkannt wurde. Seitdem hat die DCI mehrmals eine flächendeckende Einführung der Technik, den so genannten „Digital Rollout“, angekündigt. Bisher geht dieser aber eher schleppend voran, denn die finanzielle Belastung für die Installation geht hauptsächlich zu Lasten der Kinobetreiber. Mehrere Konzepte zur Finanzierung und Verteilung der Kosten wurden vorgelegt, unter anderem von der HDF-Kino, der größten Interessengemeinschaft der Kinobetreiber.
Nach dem Vorbild aus den USA sollen die Verleiher mit virtuellen Kopienkosten, oder „Virtual Print Fees“, in die Finanzierung der Technik miteinbezogen werden. Die Akzeptanz hält sich dennoch in Grenzen, denn der Nutzen für die Kinobetreiber ist nur schwer absehbar. Die Gilde deutscher Filmkunsttheater äußerte sogar die Befürchtung, dass allein die wirtschaftliche Belastung durch die Umrüstung für viele kleinere Kinos das Aus bedeuten könnte. Damit würde das wichtigste Kulturangebot in vielen ländlichen Gegenden und kleinen Städten wegfallen. Zusätzlich könnten mit den kleinen Kinos auch die kleinen Produktionen vom Markt verdrängt werden.
Filmverleihe sind wirtschaftliche Gewinner
Währenddessen verbreiten die Filmverleihe und die großen Filmstudios in Hollywood eine Aufbruchsstimmung ins digitale Zeitalter. Wirtschaftlich sind sie die Gewinner bei der Umrüstung auf digitale Projektion. Für die Verleiher entfallen Kosten für Kopien, Versand und Lagerung, die in die Millionen gehen. Die Studios hoffen mit 3D-Produktionen die Attraktivität des Kinobesuchs zu steigern sowie dem Heimkino und der Filmpiraterie Paroli zu bieten. Die Kosten bleiben beim Kinobesucher hängen, der für einen 3D-Film Aufschlag zahlt. Für den Kunstfilm und die Arthouse-Szene ist die 3D-Technik bislang eher uninteressant. Die 3D-Effekte beschränken sich meistens auf einfache Spielereien. Mit dem Disney/Pixar-Film „Up“, der in diesem Jahr Eröffnungsfilm bei den Filmfestspielen in Cannes war, wurden zum ersten Mal versucht, 3D-Effekte mit der inhaltlichen Ebene des Films zu verknüpfen.
Einziger Vorteil für Zuschauer: Keine Abnutzungsspuren
Das zweidimensionale digitale Kino verspricht hingegen kaum einen Mehrnutzen für den Kinobesucher. Einziger Vorteil für das Publikum: Die Filmkopie zeigt keine Abnutzungsspuren, also keine Staubkörnchen oder Laufstreifen auf der Leinwand. Diese Tatsache dürfte jedoch eine eher geringe Rolle für die meisten Kinobesucher spielen. Viele von ihnen gehen davon aus, dass bereits jetzt Kinofilme einfach von der DVD kommen. Eine Abwälzung der Kosten auf die Eintrittspreise kann also nur schwer vermittelt werden. In einigen Kinos wird für eine einfache digitale Projektion dennoch ein Aufschlag berechnet.
Auch das Argument der Verleiher, durch digitale Projektion könne ein vielfältigeres Programms angeboten werden, ist nur wenig überzeugend. Zum einen ist der Erfolg eines Films auch auf die begleitende Marketingkampagne der Verleiher angewiesen. Darüber hinaus ist der Kinobesucher mit etwa 500 Filmstarts pro Jahr ohnehin schon überfordert, während sich das Freizeitbudget des Publikums auch durch digitale Projektion nicht erhöhen wird.
In der Musikbranche wird im sterilen Digitalzeitalter das Knistern der Schallplatte schon länger als Stilmittel verwendet. Auch in der Produktion von Filmen, wo die Digitalisierung längst Einzug genommen hat, werden analoge Effekte, wie etwa die Körnung des Filmmaterials, digital simuliert. Die vollständige Digitalisierung des Kinos ist wahrscheinlich kaum vermeidbar, doch es gibt einen Wermutstropfen für die Nostalgiker unter den Kinogängern: Vermutlich wird es nicht lange dauern, bis auf der Leinwand digitale Staubkörnchen und Laufstreifen zu sehen sein werden.
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