Der Kakadu aus den Achtzigern
Synthie-Pop wurde zwar schon vor 25 Jahren erfunden, doch eine rothaarige Sängerin bringt ihn wieder in die Charts. Mit einer ausgefallenen Frisur, Klamotten aus dem Second Hand-Laden und einem talentierten Produzenten im Rücken. Das Phänomen heißt: La Roux.
Als vor einigen Jahren plötzlich Leggins und Jacken mit Schulterpolstern in den Schaufenstern hingen, hoffte man, dass das Revival der Achtziger schnell wieder vorbei sein würde. Galt dieses Jahrzehnt doch eigentlich als Inbegriff des schlechten modischen Geschmacks. Doch plötzlich war „Bad Taste“ angesagt.
Berliner Jungs haben den Seiten-kurz-langer-Pony-Haarschnitt für sich entdeckt und sehen damit aus wie Depeche Mode vor 25 Jahren. Wie damals betonen modebewusste Hetero-Männer wieder ihre männliche Seite mit nietenbesetzten Lederjacken, gleichzeitig ihre weibliche Seite mit ein bisschen Glitzer um die Augen. Boy George lässt grüßen. Für die Damen gilt dafür der radikale Kurzhaarschnitt als absolutes Must-Have und Schulterpolster sorgen für den nötigen maskulinen Anteil. Damit wird ein großes modisches Merkmal der Achtziger wieder gelebt: Androgynität.
Ein Rotschopf bringt die Achtziger zurück
Über die modische Relevanz der Achtziger lässt sich streiten, doch musikalisch war dieses Jahrzehnt ohne Frage von großer Bedeutung. Als Depeche Mode 1981 „Speak & Spell“ veröffentlichten, entwickelten sie den experimentellen elektronischen Sound von Kraftwerk weiter und profilierten Synthie-Pop für ein breites Publikum. Zu den großen Namen des Jahrzehnts zählen weiter Bands wie Human League, Yazoo oder Soft Cell, die Gitarren und Schlagzeug ebenfalls gegen Keyboard und Synthesizer austauschten und die Musikrichtung New Wave in die Diskotheken der Welt brachten. Ohne diese Entwicklung würde es Techno-Musik, wie wir sie heute kennen, wohl gar nicht geben.
Anfang der 00er Jahre bahnte sich dann ein erstes Revival des typischen Sounds an. Einst sehr erfolgreiche Musiker wollten es noch einmal wissen. Plötzlich war Nena wieder da, Soft Cell, Duran Duran und a-ha, und Depeche Mode waren ja sowieso nie weg. Neben Musik und Mode wurden Game Boys wieder entdeckt (der graue ohne Farbdisplay natürlich!), man verzweifelte erneut am Rubik’s Cube und im Fernsehen lief Night Rider. Die Kinder der Achtziger waren jetzt in einem Alter, in dem sie nostalgisch an ihre Kindheit zurück dachten und Elemente daraus wieder aufleben ließen.
Irritierende Stimme
Eigentlich zu jung, um sich an das Jahrzehnt richtig erinnern zu können, ist die 21jährige Elly Jackson, Frontfrau des Duos La Roux. Gerade ist das gleichnamige Debütalbum erschienen, und der Produzent Ben Langmaid hat sich offensichtlich großzügig bei der Musik der frühen Achtziger bedient. Das Ergebnis: Synthie-Sounds im modernen Pop-Gewand. Und eine junge Frau im altmodischen Second Hand-Gewand.
Der Bandname nimmt Bezug auf das Markenzeichen der Sängerin, ihre leuchtend roten Haare, steil nach oben geföhnt. Die Achtziger waren schließlich auch das Jahrzehnt des Haarsprays. „Die Rothaarige“ müsste genau genommen „la rousse“ auf französisch heißen – ein Verweis auf Jacksons androgynes Aussehen, ähnlich wie die Schauspielerin Tilda Swinton ist sie eine blasse und jungenhafte Schönheit.
Alles nur geklaut?
Gar nicht blass und jungenhaft dagegen ihre Stimme. Sie singt in schrillem Falsett, doch gleichzeitig unglaublich kraftvoll und präzise. Selbst live auf der Bühne, bei unerträglichen 40 Grad, hat sie ihr Organ (und ihre Frisur) unter Kontrolle. Im Berliner Lido schwitzten Anfang Juli gleichermaßen Mädchen und Jungs, die erstaunlich wenig nach Achtziger aussahen. Bei den Konzerten tritt Jackson mit Band auf, bestehend aus einem Schlagzeuger, der die elektronischen Beats verstärkt, sowie einer Keyboarderin und einem Keyboard/Synthesizer/Laptop-Musiker, die zusammen auch live für den elektronischen Touch sorgen. Irritierend hoch, doch mit viel Power trällert der Rotschopf zwischen ihnen zu den verzerrten Sounds. Gerne hüllt sie sich in unförmige Gewänder, die wahrscheinlich nie richtig angesagt waren. Ziemlich mutig für eine Pop-Sängerin. Kein Wunder, dass sie so schnell zur Stil-Ikone wurde.
Man denkt bei La Roux’ Musik aber nicht nur an Achtziger. Elly Jackson geht als weibliches Pendant zu Hot Chip-Sänger Alexis Taylor durch, gilt als rothaarige Version der blonden Schwedin Robyn und wird mit den Electro-Popperinnen Yelle oder Ladyhawke verglichen. Also alles irgendwie schon mal gewesen. Aber La Roux fasziniert trotzdem, macht Spaß, und die bekannten Songs werden vom oft so strengen Berliner Publikum mitgesungen und mit ekstatischen Schreien quittiert. Auch wenn Elly Jackson nur wenig mit dem Publikum kommuniziert, auf Ansagen lieber verzichtet und sich mit strenger Miene am Mikrofon festhält, huscht ihr doch ein kleines Lächeln über das Gesicht, als der ausverkaufte Saal die Uh-uuuuh-Passagen der Single-Auskopplung „Bulletproof“ lauthals mit-uuht. Auch die zweite Single „In For The Kill“ wurde schnell zum Hit, kletterte sofort an die Spitze der UK-Charts.
Bei den Neunzigern geht’s weiter
Viele von Jacksons Posen kennt man aus ihren Videos und die Haare trägt sie heute genau wie auf dem Coverfoto des Albums. Die junge Frau steht eindeutig im Mittelpunkt des Auftritts, so dass La Roux eigentlich kein richtiges Duo ist, eher ein Team aus Sängerin und Produzent. Ben Langmaid tritt weder beim Konzert, noch bei Interviews oder in den Videos in Erscheinung.
Eine wirklich charismatische Bühnenpersönlichkeit muss allerdings aus Elly Jackson wohl noch wachsen. Gelegenheiten bieten sich genug: auf die ausführliche Club-Tour folgen zahlreiche Auftritte bei Festivals in Großbritannien, Belgien, USA, Kanada und sogar Australien. Nach circa zehn Songs ist an diesem Abend Schluss, keine Zugaben. Das Album besteht immerhin aus elf Stücken plus zwei Bonustracks, im großen und ganzen sehr tanzbar und abwechslungsreich. Auch die Balladen funktionieren, aber La Roux’ große Stärke sind sicherlich die Hits für den Tanzboden. Ob mit dem nächsten Album die Neunziger kommen? Man wird sehen.
