Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

Geteilter Körper, Ganzer Darsteller

Der Zwischenraum zwischen Gezeigten, Erzählten und Gesehenen bildet ein Lab für ‘Tanzstück #3: Doppel/Solo/Ein Abend’, in dem Chétouane seinen eigenen Körpervokabular mit großer Sorgfalt untersucht.

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Das letzte Experiment des französichen Regisseurs Laurent Chétouane, ‘Tanzstück #3′ beginnt mit einer physischen Bearbeitung von Philip Gemacher’s Text ‘Vom Ich’. Tänzer Mathieu Burner, der nach eigener Aussage, in seinem Körper bleiben will, versucht vor unseren Augen ‘da’ zu sein. Er bewegt sich, indem er alle seine Bewegungen genau beschreibt und beurteilt. Eine extreme Stufe von Selbserkentnis. Aber je selbstbewusster er wird, desto distanzierter werden seine Körperteile von ihm selbst. Bei seiner Suche nach der Beziehung von Körper und Existenz redet er ständig zum Publikum, als ob seine Existenz auch davon abhängig wäre, dass er gehört werden kann.

Jeder Körperteil spricht für sich selbst

Er ist Besitzer seines Körpers, aber gleichzeitig Darsteller. Der Abstand und Trennung zwischen beiden Rollen verursachen eine Spannung. Geteilter Körper, ganzer Darsteller… Er will eine Art von Vollständigkeit erreichen, aber schafft es nicht. Er sagt, dass jeder Körperteil für sich selbst spricht. In dem Moment, da seine Aussagen, die gleichzeitig an der Wand projiziert werden, nicht mehr hinreichen, das Ganze zu erreichen, kommt die Tänzerin Sigal Zouk auf die Bühne. Sie scheint  diesem Ganzen näher zu sein.

Während Burner’s Solo-Performance nicht als purer Tanz, sondern als ein Lauf langsamer Bewegungen beschrieben werden können, mit Zouk’s Begleitung werden Tanz, Ästhetik und Schnelle endlich ein Teil des Stückes. Synchronisierte Bewegungen der beiden erinnern uns zum ersten Mal an ein vertrautes ‘Tanzstück’, aber sie dauern nicht lang und an einem Punkt verlässt Burner die Bühne und lässt uns mit Zouk allein. Es gibt keinen gesprochenen Text mehr, keinen Erzähler. Sie, die Tänzerin, fängt an das Körper-Vokabular zu bearbeiten, das von Burner schon gesetzt ist. Und sie folgt dabei ihren Instinkten und schärft ihre Warnehmung, indem sie mehr Kommunikation mit der Auβenwelt hat. Sie zieht ihren Pullover aus, berührt die Wände, versucht das Fenster zu öffnen. Ihre Bewegungen sind lebendiger, doch ihre Blicke bleiben trotzdem sehr starr und distanziert.

Die Suche nach einem neuen Narrativ

Zouk ist auch nicht mit ihrer ganzen Wesen da, aber sie will es auch und endlich hat sie Augenkontakt mit dem Publikum, als ob sie fragt, ob die Zuschauer die Existenz ihres Körpers wahrnehmen können. Dann hält sie inne. Sie liegt auf dem Boden leblos, aber man kann sehen, dass sie immer noch atmet. Als Publikum merken wir, dass wir alle in der Leere, in dem Zwischenraum zwischen Präsenz und Vergangenheit, Gezeigten und Gesehenen, hängenbleiben. Aber die Beschwörung des lebendigen Geistes, der im Gedicht ‘Neue Welt’ Hölderlins vorkommt, geht weiter.

Chétouanes Einzigartigkeit kommt vor allem daher, dass er nicht nur ein guter Tanzregisseur und Choreograf, sondern auch ein guter Erzähler ist. ‘Tanzstück #3’s narrativen und kommunikativen Qualitäten sind höher im Rang als seine ästhetischen Sorgen. Hier gibt es keine Antworten, sondern Fragen, die auch von ihm selbst noch nicht beantwortet sind. Chétoune untersucht die Grenzen des körperlichen Existenz, wobei er gleichzeitig fragt, wie Tanz als eine Form der Kunst vermittelt werden kann. Hat der Körper selbst eine künstlerische Bedeutung oder muss es immer andere Faktoren daneben geben, damit wir ihn als Kunst wahrnehmen können?

Manipulation durch Musik

Die Live-Improvisationen des Selig Gitarristen Leo Schmidthals, die während des Stückes ab und zu erklingen, erweitern diese Frage. Musik manipuliert unsere Gefühle so stark, dass uns die selben Bewegungen mit der Begleitung von Musik als Kunst vorkommen, obwohl sie in der Stille nur wie ein physikalisches Experiment aussehen.  Das Stück hinterlieβ bei mir besonders eine Frage, deren Rahmen die Tanzkunst überschreitet. Reicht eine gute Erzählung für ein erfolgreiches künstlerisches Schaffen? Ist groβartige Kunst die transparente Vermittlung der Probleme des Künstlers, ohne dass er diese unbedingt ästhetisieren muss? Neue Kunst entsteht aus Verhinderungen und Unmöglichkeiten, und die Suche von Chétouane weist auf eine neue Erzählform in der Kunst hin, wobei die Suche den eigenen künstlerischen und gedanklichen Methoden auf der Bühne selbst stattfindet.

http://www.sophiensaele.com

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