Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

„Interapy“ – das virtuelle Sprechzimmer

Hemmungslos geben sich die meisten von uns im WWW. Da werden Urlaubsfotos hochgeladen, Intimstes auf Blogs preis gegeben oder persönliche Videos bei YouTube eingestellt. Das hat etwas von Seelen-Striptease. Die Psyche im Netz offen legen: konsequent oder grob fahrlässig?

Amsterdamer Altbau, vierter Stock, die Wohnung von Janina Duvenbeck*. Es ist Nachmittag. Die junge Frau sitzt an ihrem PC, den Blick konzentriert auf den Bildschirm geheftet. Maus-Klicken. Janina loggt sich auf der Internetseite ein, auf der ihr Therapieverlauf gespeichert ist.

Sie befindet sich in Phase zwei, der „Kognitiven Umstrukturierung“. Anweisung ab der dritten Woche: Einer fiktiven Leidensgenossin das „Erlebte“ in einem Brief schildern.

Die Siebenundzwanzigjährige rückt ihren Schreibtischstuhl zurecht. Beginn der „Sitzung“. Ihren Therapeuten kennt sie nicht, zumindest nicht sein Gesicht oder die Stimme. Die Kommunikation findet ausschließlich über E-Mail-Briefwechsel statt, die Treffen nur im „virtuellen Sprechzimmer“.

Ein Fragebogen genügt als Eignungsprüfung zur Online-Therapie

Das ist einer der Grundsätze von „Interapy“: Anonymität. Vor bereits zehn Jahren entstand die Idee zu Therapie im Netz. Entwickelt wurde sie von Professoren der Abteilung für klinische Psychologie der Universität Amsterdam, von Prof. Dr. Lange und Prof. Dr. Paul Emmelkamp. In den Niederlanden hat sich die Internet-Psychoanalyse mittlerweile breitenwirksam etabliert. Dort gehört sie sogar zum Standard Repertoire des seelischen Gesundheitswesens. Da offiziell anerkannt, tragen Krankenkassen die Kosten.

Rund 5000 Patienten wurde bislang von den so genannten „Interapisten“ behandelt, Resonanz steigend.

Online therapiert werden posttraumatisierte Patienten, Menschen mit Panikstörungen, dem Burn-out-Syndrom oder auch Bulimieerkrankte. „Nicht für jeden ist dieses Angebot geeignet“, räumt Dr. Bart Schieren ein, Leiter der inzwischen von der Universität unabhängigen virtuellen Klinik. „Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Selbstmordgefährdete oder Drogenabhängige überweisen wir an zuständige Stellen weiter.“

Interessierte melden sich per Mail auf der Homepage an. Nach einer „Eignungsprüfung“ durch einen zugesandten Fragebogen startet die Online-Psychotherapie.

Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, sinkt

Viele werden von ihrem Hausarzt direkt überwiesen, so wie Janina. Nachdem eines Nachts, während sie schlief, maskierte Männer in ihre Wohnung eingebrochen waren, litt sie unter permanenten Angstzuständen.

Mit jemandem reden wollte sie schon. Nur nicht gleich zu einem „Psychodoc“ gehen.

„Bei Interapy müssen die Hilfesuchenden keine so große Hemmschwelle überwinden, können im ihrem vertrauten Umfeld agieren. Das ist praktisch, auch für Beruftätige oder Menschen aus ländlichen Regionen“, so Alfred Lange.

Über einen Zeitraum von fünf Wochen schreiben die Teilnehmer zehn Texte, pro Woche zwei, jeweils eine dreiviertel Stunde lang. Der Zeitpunkt der Sitzung kann selbst bestimmt werden. Themenvorgabe und Ablauf folgen einem evaluiertem Schema und einem Drei-Phasen-Model: Zunächst Einführung, dann Verarbeitung der Ereignisse, später Selbstkonfrontation. Zwei Monate nach Beendigung der Therapie erfolgt ebenfalls via Mail eine „Nachuntersuchung“.

Verschiedene Wirksamkeitsstudien belegen die Effektivität von „Interapy“. Die Erfolgsquote ist doppelt so hoch, wie bei herkömmlichen Therapiemethoden.

Behandlungsangebot in Deutschland nach wie vor gesetzeswidrig

Nach deutscher Rechtsgrundlage ist eine solche Internettherapie nicht legitim. Zumindest ein einmaliger Vis-à-vis Kontakt zwischen Patient und Arzt muss zu Stande gekommen sein. In Fachkreisen stößt das online „Seelenklempnern“ auf Unverständnis. Wie die klinische Psychologin und Internetforscherin an der Universität Köln, Christiane Eichenberg, kritisieren viele, schwer Erkrankte nicht zielsicher genug ausmachen zu können. Auch werde weder individuell noch zeitlich angemessen auf die Patienten eingegangen. „Mit zehn Schreibaufgaben kommen Sie da nicht zurande.“

In diesem Jahr wird „Interapy“ allerdings erstmals auch in deutscher Sprache angeboten. Im Rahmen einer Studie sind in Kooperation mit der Universität Zürich, unter der Leitung von Dipl.-Psych. Knaevelsrud und Prof. Dr. Dr. Maercker und mit Unterstützung des „Weißen Ringes“ zwei Projekte angelaufen, die von der Universität Berlin aus koordiniert werden.

Eine neue Therapieform für ein neues Zeitalter

„Unsere Therapeuten sind alle Diplompsychologen mit einem entsprechend absolviertem Training. Denn selbstverständlich gibt es beim internetbasiertem Kontakt gravierende Unterschiede zur „Face to Face“ Verständigung, Eigenheiten, die zu beachten sind.“ Dr. Knaevelsrud sieht als Motor der „Interapy-Bewegung“ eine „junge Psychologen-Generation, für die das Internet so alltäglich ist, wie das Telefon.“ Mit dem entsprechendem Zielklientel.

Auch anderorts, wie in Schweden, Australien oder den USA wird an einer Einführung der „virtuellen Couch“ gearbeitet.

In den Niederlanden ist bereits das nächste Model als Testläufer online gegangen – Paartherapie im Netz.

*Name von der Redaktion geändert

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