Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

Unterwegs nach Überall

Der amerikanische Autor William T. Vollmann erzählt in “Hobo Blues. Ein amerikanisches Nachtbild” Güterzuggeschichten als Heldenliteratur. Er beschreibt in seiner literarischen Reportage eine alte Vagabundentradition.

Hobos, das waren einst kühne Cowboys, die illegal auf Güterzügen Amerika durchkreuzten. Fern der von ihnen verachteten bürgerlichen Welt. Auf der Suche nach Arbeit am vorläufigen Zielpunkt einer der zahllosen Reisen durchs Land, und auf der Suche vor allem nach Freiheit, ihren eigenen Gesetzen gehorchend. Heute trifft Vollmann, bekennender Hobo-Verehrer und selbst immer wieder auf den Zugtrassen seines Heimatlandes unterwegs, vor allem verzweifelte und fertige Gestalten in den Camps an den Gleisen. Männer wie Ira, „der, stets in seinen glibberigen blauen Anorak und den Geruch nach altem Schweiß und verbranntem Müll gehüllt, mit federnden Schritten am Straßenrand entlangging, weg von der Lokomotive, von der er abgesprungen war, erst im Trott, dann rennend und rennend, querfeldein in seiner Angst.“ Männer wie Ira sind auf der Hut, auch wenn die Zeiten vorbei sind, in denen sie von Eisenbahnleuten mit Knüppeln von den Zügen geschlagen wurden. Vollmann spürt ihnen nach, findet einige Wenige, die reden wollen und viele verlassene Camps.

Scheiß Bürger und College-Bengel

Es sind die Fußstapfen von Jack London, Ernest Hemingway oder Thomas Wolfe, in die Vollmann tritt. Sie haben das Leben der Wanderarbeiter lange vor ihm beschrieben, und so liefert er viele ihrer Beobachtungen mit. Der Beatnik Jack Kerouac steht Pate mit „On the Road“. Wie Kerouac ringt Vollmann mit dem bürgerlichen Dasein, von dem er sich auf den Güterzügen für eine Zeit lang befreit, das in den Augen eines Hobo jedoch augenscheinlich an ihm klebt: „Und hör auf, dich zu rasieren, sagte der Mann. Laß dir einen Bart wachsen und verhalte dich unauffällig und hör auf, dich wie so ein beschissener College-Bengel zu benehmen.“

Ein Aufschneider ist Vollmann nicht. Sein Kumpel Steve Jones ist der Wagenfinder, liest die Karten, ist schneller und wendiger als er. Henry David Thoreaus „Walden“ und dessen von Geldgeschenken nicht ganz und gar unabhängigen gesellschaftlichen Rückzug zitiert er herbei, um sich für seine „privilegierten Eisenbahneskapaden“ zu rechtfertigen und die Triebfeder seines Schreibens in sympathischer Bescheidenheit zu benennen: Die Worte sollen inspirieren, Freude machen und Mut. Auch wenn der Text das nicht schaffen sollte, sei er „in aller ‚Aufrichtigkeit’ geschrieben worden“. Vollmann ist ein ehrlicher Berichterstatter, das zeigt sich schon in „An Afghanistan Picture Show“. Hier beschreibt er autobiografisch, wie er daran scheitert, die Mudschahedin im Kampf gegen die Besatzungstruppen der Roten Armee in Afghanistan zu unterstützen – und am Ende selbst von einem Partisanen durch Gebirgsflüsse getragen wird.

Attacke der Leidensgeschichten

Der Autor trifft wenige Frauen und viele Männer an den Zugstrecken, die er zu Wort kommen lässt. Er lässt sich auf die Außenseiter ein, zollt ihnen Respekt. Denn er misst ihr Leben nicht an gesellschaftlichen Standards, denen er selbst nicht traut. Und er kommt ihnen nahe, auch im wirklichen Leben, das macht die Kraft seiner Erzählungen aus. Das ist ihm auch in seinem Roman „Huren für Gloria“ und seinem Blick auf die Prostituierten gelungen, der Perversion und Verletzlichkeit zeigt. „Manche der Geschichten attackieren mich wie wütende Geister“, heißt es in „Hobo Blues“. Aber Vollmann ist klug genug, nicht in Betroffenheitsphrasen zu verfallen und so zu tun, als verliere er sich in anderer Leid: „Ich schreibe dies und schreie es hinaus, meine damit gelegentlich auch meinen eigenen Schmerz, und dann vergeht der Schmerz wieder, wie alles andere.“

Es sind Nöte oder die Sehnsucht nach einer „Dieselvenus“, die die Männer auf die Gleise treiben und an Waggonwände malen. „Cold Mountain“ heißt das Traumland ihres Verbündeten Vollmann, dem die Zugfahrt durch die amerikanische Prärie seine Frau aus Oregon vergessen hilft. „Überall ist Cold Mountain“, behauptet er mal. „Denn Irgendwo ist es nicht.“ Der Sehnsuchtsort bleibt unerreicht und doch erklärtes Ziel.

William T. Vollmann: Hobo Blues. Ein amerikanisches Nachtbild. Deutsch von Thomas Melle. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009, 275 S.

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