Schlaflos in Manhattan
Psychopath trifft auf Mädchen vom Lande: Jasons Starrs Roman „Stalking“ führt in die Niederungen menschlicher Beziehungen. Der Thriller bietet routinierte Spannung, aber wenig Überraschendes.
Alte Bekannte die nach Jahren aus der Versenkung wieder auftauchen, verheißen selten etwas Gutes. Zumindest dann nicht, wenn dies in einem Psychothriller geschieht. Das muss auch Katie Porter in Jason Starrs Roman „Stalking“ an der eigenen Haut erfahren. So entpuppt sich Peter Wells, ein ehemaliger Schulfreund ihrer Schwester, der ihr in ihrer neuen Heimat Manhattan vermeintlich zufällig über den Weg läuft, schon bald als gefährlicher Psychopath.
Der New Yorker Autor Jason Starr hat einige Routine im Schreiben von Psychothrillern. „Stalking“ ist bereits sein achter Roman. Vor über zehn Jahren landete er gleich mit seinem Erstling „Top Job“ einen Treffer. Mit seinem vielgelobten Psychogramm des Call-Center-Agenten Bill, der dem Druck der auf Erfolg ausgerichteten amerikanischen Gesellschaft nicht mehr standhält und zum Mörder wird, sicherte er sich alsbald einen Platz in den Bestsellerlisten. Anscheinend sind ihm seitdem jedoch die Ideen abhanden gekommen. Im Vergleich zu dem ungewöhnlichen Sujet von „Tob Job“ wirkt „Stalking“ etwas einfallslos, ist doch das Thema des unheimlichen Verfolgers einsamer Großstadtfrauen schon weitläufig abgegrast.
Klare Rollenverteilung
Spätestens auf den zweiten Blick entpuppt sich die Geschichte dann auch als Plot von der Stange. Im englischen Original verrät der Roman diesen zumindest nicht schon im Titel, denn hier heißt er „The Follower“, doch so oder so weicht er vom Erwartbaren kaum ab. Falsche Fährten oder überraschende Wendungen sucht man vergeblich.
Durch Perspektivwechsel lässt Starr den Leser an den Gedanken der einzelnen Protagonisten teilhaben. Detailliert und unmissverständlich lässt er dabei keinen Raum für eigene Interpretationen. Allem, was ansatzweise vieldeutig sein könnte, schiebt der Autor einen erklärenden Satz nach.
Handlungsträger gibt es nur wenige und die haben die Rollen unter sich klar verteilt. Da ist Katie, das Opfer, ein naives junges Mädchen vom Land, das für ihren ersten Job nach New York kommt. In der großen Stadt fühlt sie sich ohne ihre Familie und ihre Freunde verloren und verliebt sich in den wenig sympathischen Andy, der an einer ernsthaften Beziehung mit ihr nicht interessiert ist. Ganz anders als Peter, dem Starr die Rolle des Bösewichts zugeschrieben hat. Dass Peter etwas im Schilde führt, merkt der Leser bereits auf der zweiten Seite, dass er irre ist, wird wenig später klar. Anders als seine Geschlechtsgenossen im Roman, die allesamt als sexbesessene Machos beschrieben werden, glaubt Peter an die ganz große Liebe, wie er sie aus Hollywoodfilmen à la „Schlaflos in Seattle“ kennt. Auserkoren als Frau an seiner Seite hat er Katie, die davon nur noch nichts weiß. Mithilfe eines genau durchdachten Plans nähert er sich ihr an, beobachtet sie Tag und Nacht und schafft alle möglichen Widersacher aus dem Weg. Als Katie Verdacht schöpft, ist es fast schon zu spät.
Klischees aus der Mottenkiste
Dass es Starr trotz aller Vorhersehbarkeit der Geschichte gelingt, Spannung aufzubauen, ist seinem Talent als Erzähler zuzuschreiben. Auf Charakterstudien verzichtet er zugunsten von Stereotypisierungen. Und das mit beißender Ironie und teils viel Sinn für Komik, etwa wenn er Peter über den „Darcy-Blick“ nachsinnen lässt, den er nach der „Stolz und Vorurteil“-Verfilmung vor dem Spiegel geübt hatte. Gut weg kommt unter Starrs spitzer Feder keiner, auch die arme Katie verspielt dank der Naivität, mit der sie auf sämtliche männliche Maschen hereinzufallen scheint, die Sympathien. Genau genommen scheint Psychopath Peter der Einzige zu sein, der zumindest über Werte irgendeiner Art verfügt, auch wenn es solche eines fehlgeleiteten Hangs zu Romantik sind.
Doch auch wenn Starr die Klischees mitunter so dick aufträgt wie Nutella aufs Frühstücksbrötchen, bleibt er stets im Konventionellen stecken. Karikiert werden Oberflächlichkeiten, die man so oder anders schon oft gelesen hat. Starr greift tief in die Mottenkiste und fördert die typischen Plattitüden über Großstadtsingles zutage: Hier treffen diätgeschlauchte Frauen mit Nestbaudrang auf triebgesteuerte Männer, die nur der nächsten schnellen Nummer entgegenfiebern. Das mag streckenweise durchaus unterhalten, um tatsächlich als Gesellschaftssatire durchgehen zu können, fehlt dem Ganzen dann aber doch die entscheidende Portion Originalität.
Jason Starr: Stalking. Aus dem Englischen von Ulla Kösters, Diogenes, Zürich, 11,90 Euro.
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