Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

Caipirinhas statt Molotow-Cocktails

Der gefürchtete 1. Mai in Kreuzberg und ich mittendrin. Von hunderten Menschen umgeben und unfähig, mein eigenes Wort zu verstehen, rieb ich mir die vom Rauch brennenden Augen.

Das Anti-Konflikt-Team

Das Anti-Konflikt-Team

Doch von Schlachtrufen vermummter Staatsfeinde und brennenden Mülltonnen keine Spur. Ich befand mich in einer bunten Menschenmenge und es lag an der lauten  Musik, dass ich nichts verstand und am Qualm des Holzkohlegrills neben mir, dass Rauch zwischen den Häusern der  Oranienstraße emporstieg. Ich genoss die warme Abendluft und schlenderte durch die belebte, nach Bratwürstchen riechende, Straße.

Vor einer Bühne tanzte eine junge Mutter zu Reggaeklängen, ihr quiekendes Kind hopste auf ihren Schultern auf und ab. Einige Meter weiter versuchte sich ein türkischer Anwohner vor einer klatschenden Gruppe als Cocktail-Mixer. Neben mir auf der Straße tanzten zwei Punks barfuß einen Walzer. Ein amüsiertes Ehepaar feuerte sie an.

Die Unruhestifter treffen ein

Dann wurde die Idylle plötzlich gestört. Die Vermummten. Hinter Schutzschilden und Helmen versteckt, rannten sie durch die Menge. Wie viele waren es? 30, 40 Polizisten?  Kurzzeitig verbreitete sich eine seltsame Unruhe unter den Anwesenden. Von zusätzlich bestellten Deeskalationsteams hatte ich gelesen. Kopfschüttelnd sahen die Straßenfestbesucher ihnen nach, bevor sie weitertanzten. Es dämmerte.

Doch weder Autonome noch ein Ende des Festes waren in Sicht.

Der Punk – Dein Freund und Helfer

Mir fiel ein Punk mit einem hohen Iro auf, der zielstrebig mit seiner Freundin durch die Menge ging. Als sie an mir vorbeiliefen, sprach ich sie an: „Hey, wisst ihr ne gute Kneipe in der Nähe?“, das Mädchen musterte mich abschätzend durch die grünen Haare. Unter ihren Springerstiefeln trug sie eine mit Laufmaschen übersäte Strumpfhose mit Leopardenmuster, in der Hand hielt sie eine Flasche Whiskey. „Ick weeß ja nich ob et dir da jefällt, aber wir jehn in’ Trinkteufel…“, antwortete sie. „Wenn’de wills’ kannse ja mitkommen“, fügte er grinsend hinzu und biss sich auf die gepiercte Unterlippe.

"Grüppchenbildung"

"Grüppchenbildung"

„Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht“, las ich auf dem Rücken ihrer nietenbesetzten Lederjacke als ich ihnen nachlief. Die Stimmung um uns herum brodelte. Wir drängelten uns durch die Menschenmenge und ich fragte mich, ob  es vielleicht doch noch zu Unruhen kommen würde. Dann wurde ich aus meinen Gedanken gerissen: „Hier is er, der Teufel“, sagte der Punk und zeigte auf die Eckkneipe neben uns. „Ick bin hier draußen gleich verabredet, wenns dir drinne nich jefällt, kannse ja zu uns kommen“, sie grinsten.

Ein letzter Provokationsversuch

Dann wurde ich unsanft zur Seite geschubst. Es waren wieder die brustgepanzerten Polizisten, die durch die Menge stürmten und Menschen wegstießen, um sich dann mit ernster Miene am Straßenrand aufzustellen. Überall blickten sie in verständnislose Gesichter. Nur das Punk-Pärchen schien die Polizisten nicht  zu beachteten. Sie hatten sich auf die andere Straßenseite gesetzt und lachten. Er küsste sie auf die gepiercte Nase.

Auf der anderen Straßenseite posierte währenddessen ein Skater vor der Polizei. Sein Kumpel schoss ein Foto, wahrscheinlich als Erinnerung an ihre rebellische Jugend. Das waren sie also. Die berüchtigten Mai-Krawalle. Grinsend betrat ich die Kneipe und tat das, was alle taten. Ich ließ das Anti-Konflikt-Team stehen. Wie bestellt – und nicht abgeholt.

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