Kulturen

Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin

Twitter lesen – Theater spüren

“Schwatzbude” oder zeitgemäßes Marketing? Die ersten deutschen Bühnen nutzen Twitter für ihre Öffentlichkeitsarbeit.

„Felix Knopp erkrankt – Philipp Hochmair spielt Woyzeck.“ Nina Frankel scrollt weiter nach unten auf ihrer Twitter-Seite, klickt einen Link an und überfliegt die Rezension der Woyzeck-Premiere. Sie schaltet den Computer aus, schnappt sich ihre Handtasche, steckt die Theaterkarte hinein und verlässt das Haus. Nina ist auf dem Weg ins Hamburger Thalia Theater. Ihr Mobiltelefon piept. „Lautlos stellen“, denkt sie noch und sieht auf dem Display: Thalia Theater twittert: „Rosenstraße gesperrt wegen Baustelle. Theaterparkhaus belegt.“ Nina nimmt die U-Bahn.

Bisher twittern nur einzelne Theater

Theaterinfos via Twitter – ab kommender Spielzeit kann das Wirklichkeit sein, denn das Thalia Theater hat sich auf www.twitter.com, dem Platzhirsch unter den Mikro-Blogging-Diensten, registriert. Auf der Twitter-Seite des Theaters ist zu lesen: Von August an wird hier gezwitschert. 140 Zeichen passen in einen Tweet (engl. to tweet = zwitschern), wie die Einträge auf Twitter genannt werden, mit denen Links und jegliche Art von Informationen versendet werden. Twitter funktioniert nach dem Abo-Prinzip: Um laufend mit den Twitter-Botschaften eines Benutzers versorgt zu werden, abonniert man diesen und wird damit zum „Follower“.

Wer wie Nina mit einem Internet-Handy mobil online ist, kann immer und überall twittern. Was häufig als digitales Spielzeug benutzt wird, um Freunde in Echtzeit am eigenen Alltagsleben teilhaben zu lassen, wird allmählich auch von den Marketing-Abteilungen der Theater entdeckt.
„Wir suchen in Twitter Bühnen (Schauspiel, Musik, Puppen,…) um uns zu vernetzen und auszutauschen. Bitte melden! 3:23 PM Jun 14th“,
schreibt Benutzer „Bühnen Halle“, ein Zusammenschluss von Theater, Oper und Orchester der Stadt Halle. Der Tweet wirkt wie ein einsamer Hilferuf hinein in die Weiten der Twitter-Sphäre, in die sich bisher nur einzelne Enthusiasten der Theater-Szene gewagt haben: Der ZDF Theaterkanal, das Theatertreffen Berlin und: das Theater Dortmund, das Pionierarbeit geleistet hat als erstes twitterndes Theater in Deutschland.
„Willkommen beim twitter-Feed des Theater Dortmund. Ab sofort gibt es hier Aktuelles und Infos rund ums Theater. 7:21 AM May 5th“,
war Anfang Mai dieses Jahres zu lesen. Seitdem twittert das Theater Dortmund mehrmals wöchentlich. 234 Follower hat der Theater-Tweet derzeit – doch Zahlen sind flüchtig in der Twitter-Welt. Täglich kommen neue Follower dazu.

Junge Menschen fühlen sich im Internet zu Hause

Nina Frankel ist 23, studiert Theaterwissenschaft und besucht das Thalia Theater aus Leidenschaft. Doch Nina ist eher eine Ausnahme. Von ihrem Platz in den letzten Reihen blickt sie auf viele wohlfrisierte graue Hinterköpfe.
„Online-Marketing ist enorm wichtig geworden, um junge Zielgruppen zu erreichen“, sagt Gregor Fraser, Konzeptioner in der Online-Abteilung der Werbeagentur Jung von Matt in Hamburg, „wenn man um junge Kunden wirbt, holt man sie am Besten dort ab, wo sie sich zu Hause fühlen: im Internet.“
Doch fraglich ist, ob das auch für Twitter gilt. Laut dem Medienforschungsunternehmen Nielsen Media machen mit 41 Prozent den Großteil der Twitter-Surfer die 35- bis 49-Jährigen aus. Twitter – ein Schauplatz für die, die sich junggeblieben fühlen wollen?

Dialog als große Chance?

„Was Ihr wollt! Uns interessiert, was Sie interessiert: treten Sie mit uns in Kontakt und sagen Sie uns, was Sie auf Twitter lesen möchten! 8:27 AM Jun 22nd“, twittert das Theater  Dortmund und hofft auf Rückmeldung von Followern, was oft als Potential von Twitter hervorgehoben wird.
Die Marketingberaterin Karin Janner hält den gesamten Bereich des Online-Marketings für Theater „für eine große Chance“. Sie betreibt den Blog www.kulturmarketingblog.de und ist Mitveranstalterin der „start09“, einer Konferenz über „Kultur und Web 2.0“, die im September dieses Jahres in Duisburg stattfindet. „Das Theater kann seine Besucher mittels Web nicht nur einseitig mit Infos vollstopfen,“, sagt sie, „sondern über den direkten Rückkanal eine Beziehung zu den Besuchern aufbauen und diese pflegen.“
Doch muss man dafür twittern? „Für einen ergiebigen Dialog mit Kunden ist ein Blog besser geeignet als Twitter, weil damit ausführlicher kommuniziert werden kann.“, sagt Gregor Fraser. Ein geistreicher Austausch über Theaterthemen passt kaum in 140 Zeichen.

Twitter ist eine „Schwatzbude”

Nina hofft bei Twitter „auch ein paar Insider-Infos von hinter den Kulissen aufzuschnappen.“ Die Twitterer vom Berliner Theatertreffen machen es vor: „Väterlich streichelt jürgen flimm schlingensiefs hinterkopf. 6:03 PM May 1st“ Und: „Die Staubsauger im Festspielhaus sind von Lorito…Loriot wäre eigentlich passender für die tägliche Putzkomödie hier. 9:20 AM May 6th“.
Twitter ist eine „Schwatzbude“, die „Weltzentrale der Plattitüden“, schreibt der Spiegel im März dieses Jahres. Auf der Homepage von Star-Blogger Sascha Lobo heißt es gnadenlos: „Twitter ist der Kommunikationssprühnebel mit der Substanz einer im letzten Sommer verendeten Qualle am Strand.“ Aha. Und hier soll ein Zuhause entstehen für den intellektuellen Dialog zwischen Theater und Zuschauer?

Die Duisburger Philharmoniker twittern stolz als erstes Orchester in Deutschland unter dem Nutzernamen „philharmoniker“. Mit einigen ihrer Tweets sind sie tief in die Plauderfalle der Bedeutungslosigkeit getappt. „bleibts bei 12.30h? 7:37 AM Jul 14th“ fragt „philharmoniker“ den Benutzer „schwarzesgold“. Ja – bei was denn? Wir wissen es nicht. Wie gut, dass wir Folgendes erfahren: „(…) muss (…) aufhören zu twittern. Katze hat Hunger 7:17 PM Jul“. Derartig spannende Nachrichten sollten wohl eher als „direct messages“ versendet werden, die diskret unter Twitter-Freunden bleiben.

Von Seiten der Medienkritiker wird Nutzern von sozialen Netzwerken, zu denen Facebook, MySpace oder StudiVZ gehören, oft Wirklichkeitsverlust unterstellt, weil das Alltagsleben in die Online-Welt verlegt wird. Zwei getrennte Welten, so scheint es, Realität und world wide web.
Ninas Freund war bisher nur einmal im Theater. Das ist lange her, zu Schulzeiten. „Theater ist nicht so mein Ding“, sagt er. Er ist fast rund um die Uhr online, er arbeitet in einer Hamburger Werbeagentur und programmiert Webseiten. Auf Twitter ist er bereits Follower vom Thalia Theater. „Das  interessiert mich,“, sagt er, „wie sich das Theater online präsentiert, von dem meine Freundin so oft erzählt.“

Zwei Rollenspiele beschnuppern sich

Vielleicht lässt er sich von den Theater-Tweets anstecken und sitzt zur nächsten Spielzeit gemeinsam mit Nina in einer der hinteren Reihen – auf den günstigen Plätzen im Hamburger Theater. Dann wäre Twitter keine Trennung zwischen digitaler und realer Welt, sondern eine Verbindung. Dann würde Twitter Brücken schlagen zwischen zwei Welten, die sich so unähnlich gar nicht sind. Denn auch Twitter kann eine Bühne sein, für Menschen, die sich eitel zur Schau stellen wollen, aber auch für solche, die wirklich etwas zu sagen haben. Zwei Rollenspiele, die sich beginnen zu beschnuppern. „Twitter und Theater sind beides Maskenspiele“, sagt Nina, „letztendlich interessieren uns doch die echten Menschen – auf der Twitter-Bühne kann ich von ihnen lesen. Im Theater aber, da kann ich sie spüren.“

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