Kulturen

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Gebrochene Flügel

Starchoreograph Jiri Kylián inszeniert mit „Zugvögel“ seinen liebevoll melancholischen Abschied von der Bühne.

Das zur Festwoche des Bayerischen Staatsballetts uraufgeführte Ballett „Zugvögel“ des Choreographen Jiri Kylián ist zugleich auch sein Abschiedswerk. Es ist ein sentimentaler Rückblick auf das Theaterleben und die ängstliche Frage nach der Zukunft, wenn die Jugend der Vergangenheit angehört und der Lebenstraum bereits erfüllt ist.

Die Inszenierung um Tod und Leben, das Älterwerden und die Liebe ist Kyliáns Ehefrau und Muse Sabine Kupferberg gewidmet. Als langjährige und noch im Alter auf der Bühne stehende Tänzerin war sie für eine der Hauptrollen vorgesehen. Wegen eines tragischen Bühnenunfalls kurz vor der Premiere des Stückes übernahm Caroline Geiger ihren Part. Zusammen mit Peter Jolesch spielt sie das gealterte Tänzerpaar im Mittelpunkt der Inszenierung.

Die Unterwelt

Der Abend beginnt mit einem Rundgang durch die Katakomben des Nationaltheaters. Karine Guizzo hat eine Unterwelt mit Tänzer-Vögeln und Installationen gestaltet, die auf das Bühnenstück einstimmt. In jedem Winkel des Unterbaus bewegen sich Tänzer in Vogelkostümen zu leisem Gezwitscher und spitzen Schreien. Ihr melancholischer Tanz mit sehr langsamen und monotonen Gesten erinnert an die Insassen eines Vogelkäfigs – der Freiheit beraubt und ohne Hoffnung. Der düstere Parcours führt durch niedrige Gänge über Metalltreppen hinweg schließlich direkt auf die Bühne des Theaters.

Flugschau

Zur digitalen Musik von Komponist Dirk Haubrich beginnt das Ballett. Immer wieder ertönt eine murmelnde Stimme, die die Nachkommastellen der Zahl Pi als ein Symbol für Unendlichkeit aufsagt. Der Bühnenraum ist von Michael Simon durch lange flatternde Stoffstreifen abgegrenzt, durch die die Tänzer in ihren puristischen Kostümen von Yoshiki Hishinuma effektvoll die Tanzfläche betreten und einnehmen. Wie Zugvögel tauchen sie plötzlich auf und verschwinden wieder. Die Symbolik des Fliegens und Weiterziehenmüssens als Metapher taucht in kleinen Variationen immer wieder auf.

Die Farbwelt von Bühne und Kostüm beinhaltet Schwarz und Weiß mit allen Graustufen plus Metallic-Blau und zarte Nude-Töne, wodurch eine kühle und düstere Atmosphäre entsteht, fern aller Bühnen-Theatralik. Riesige wehende Stoffbahnen und aufblasbare Mäntel aus Fliegerseide wirken bedrohlich und gleichzeitig schwerelos. Kubische Ballons schweben auf den Köpfen der Tänzer und lassen sie wie Marionetten erscheinen, die in eine Richtung gezogen und dirigiert werden.

Katz-und-Maus-Spiel

Die Inszenierung wird durch vier surreale Filmsequenzen von Jiri Kilián und Boris Paval Conen unterteilt, in denen die alternde Sabine Kupferberg ihrem Kind-Alter-Ego begegnet. Das Mädchen findet beim Spiel am Meer ein Miniatur-Modell des Nationaltheaters, das wie Strandgut vom Wasser umspült wird. Eine Mischung aus Faszination, Angst und Neugierde halten das Mädchen im Bann. Auf der Flucht vor dem Erwachsenwerden versteckt es sich in dem Theater, doch folgt ihr die alte Frau über Foyer und Freitreppe durch ein Labyrinth aus Spiegeln und Gängen. Ein Katz-und- Maus-Spiel mit beinahe komischem Charakter beginnt, bis die Frau und ihr junges Ich sich schließlich im Spiegelbild gegenüberstehen. Die Alte streicht wehmütig über ihr faltiges Gesicht und voll von Trauer flieht sie vor ihrem Antlitz nach draußen in die Dunkelheit. Ein Schwarm Zugvögel begleitet sie mit ihren Schreien auf der Flucht.

Episoden

Das Ballett ist mit Episoden des Theaterlebens durchzogen: Junge Tänzer erstürmen wild und voller Energie zu gehetzten Rhythmen die Tanzfläche. Voll Geltungssucht versuchen sie, das Publikum einzunehmen. Zwei Diven konkurrieren miteinander um die Vormachtstellung am Theater und duellieren sich mit einem Tanz, bei dem jede versucht, die andere in den Hintergrund zu drängen. Eine Solistin schreitet auf dem Rücken ihrer Tanzpartner über die Bühne und treibt sie wie eine Domina zu immer größeren Leistungen an.

Dazwischen tritt wie ein roter Faden das ältere Paar auf, gespiegelt von jüngeren Tänzern, die sie selbst in der Vergangenheit oder ihre junge Konkurrenz darstellen. Voll Trauer blickt die weibliche Hauptrolle mit ihrem gebrochenen Flügel zurück. Angst vor der Zukunft und der eigenen Unzulänglichkeit lassen sie fast wahnsinnig werden. Ihr Partner versucht zu trösten, ihr die Angst zu nehmen, einen neuen Weg aufzuzeigen. Doch auch er ist nicht frei von Zweifeln.

Aus der Asche

Zum finalen Akt erklingt Maurice Ravels „La Valse“. Das gesamte Ensemble wiegt sich in Walzerklängen. Das Theater-Modell aus der Filmsequenz erscheint auf der Bühne und verwandelt sich in einen Sarg, der schließlich in Flammen aufgeht. Das ganze Opernhaus scheint bis hinauf in die Ränge zu brennen. Der Vorhang fällt wie Asche über die Szenerie, das Theater stirbt. Doch steigen durch Filmprojektionen erneut geflügelte Tänzer wie der sagenhafte Phönix empor. „Zugvögel“ ist ein wunderschönes Ballett über die Liebe zum Theater und zum Tanz, über Abschiede und den Tod.  Jiri Kyliáns letzte Inszenierung ist sein Abschied vom Theaterleben – denn auch er muss weiterziehen.

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