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	<title>Kulturen &#187; Anna Mayrhauser</title>
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	<description>Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin</description>
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		<title>Hamlet sagt „Äh“</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Jun 2010 23:48:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna Mayrhauser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bühne]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Kriegenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsches Theater]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Busch]]></category>
		<category><![CDATA[Hamlet]]></category>

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		<description><![CDATA[Andreas Kriegenburg befreit „Hamlet“ am Deutschen Theater lustvoll von der Hochkultur. Und belastet das Stück umso schwerer mit Popkultur. 

„Sein oder nicht sein“ heute auf irgendeiner Theaterbühne zu sagen ist ein bisschen peinlich. Regisseure und Schauspieler setzen sich damit einer Liste möglicher Vorwürfe aus: Lächerlich. Pathetisch. Bildungsbürgerlich. Warum das Ganze? Langweilig. Andreas Kriegenburg, seit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Andreas Kriegenburg befreit „Hamlet“ am Deutschen Theater lustvoll von der Hochkultur. Und belastet das Stück umso schwerer mit Popkultur. </em></p>
<p><em><span id="more-1408"></span></em></p>
<p>„Sein oder nicht sein“ heute auf irgendeiner Theaterbühne zu sagen ist ein bisschen peinlich. Regisseure und Schauspieler setzen sich damit einer Liste möglicher Vorwürfe aus: Lächerlich. Pathetisch. Bildungsbürgerlich. Warum das Ganze? Langweilig. Andreas Kriegenburg, seit der Spielzeit 2009/2010 Hausregisseur am Deutschen Theater, Theatertreffen-erfahren und mit einem Faible für Slapstick ausgestattet, findet eine eigentlich ganz elegante Lösung. Erst lässt er seinen König Claudius „Sein oder äh“ sagen. Falscher Text. Falsche Stelle. Und irgendwann, später, ganz unauffällig, wird Hamlet dann doch seinen Text los.</p>
<p>Elegant, aber unentschlossen. Am Ende werden doch nur übliche „Hamlet“ – Klischees bedient: Dänemark, Geister, ein verwirrter Prinz, ein Stück im Stück und am Schluss sind alle tot. Ophelia heißt eine Ikeakuscheldecke. Das Bühnenbild von Julia Kurzweg erinnert auch ein bisschen an Ikea: flexibel, wandelbar, viel Stauraum für Schauspieler, Holz, unlasiert, zum selbst gestalten, wächst mit. Ein Meer von Kisten, die Schauspieler darin verteilt. Je nach Einsatz springen sie heraus und ähneln dabei mit ihren clownartig geschminkten Gesichtern dem alten Kinderspielzeug: all die traurigen kleinen Schachtelteufelchen.</p>
<p>Mehr als Pädagoge denn als Regisseur bezeichnet sich Kriegenburg im Programmheft für dieses Stück, das er gemeinsam mit StudentInnen der Ernst Busch Schule, aber auch mit einigen festen Ensemblemitgliedern des DT inszeniert hat. Frei von eigenen Ambitionen und mit großer Lust am Spielen habe er versucht, das Stück von seiner Existenzlast und Rezeptionsgeschichte zu befreien. Die Konflikttiefe der Klassiker würde sich für junge Schauspieler besonders anbieten, um sich aus zu probieren.</p>
<p>Komisch ist nur, dass sich die Inszenierung vor genau dieser Konflikttiefe versteckt. Es ist eine Inszenierung ohne Vertrauen in den Text. Damit uns nicht langweilig wird, an diesem, ja, doch, sehr kurzweiligen, drei Stunden langen Theaterabend boxen sich die Schauspieler von Szenen zu Szene: Maria Wardzinskas Ophelia quäkt sich präsent und unglaublich energisch als überschminktes Papakind im Ballerinakostümchen durch alle Abgründe des Stücks und ein Kämmerer Polonius ohne Hosen setzt allerlei mögliche und unmögliche deutsche Dialekte ein. Vor allem aber Rosencrantz und Guildenstern kennen ihr Rezept gegen das Einschlafen. Verkleidet als absurde Referenzen an Comicfiguren oder vielleicht auch Kiss-Sänger läuten sie mit einer kleinen Klingel alle wichtigen Szenen ein und werden nicht müde dem Publikum auf Englisch zu vermitteln, worum es hier geht: so touching, so great, so spooky ist das gerade Gebotene. Enjoy! Vor allem Aenne Schwarz gibt ihren weiblichen Rosencrantz mit viel Mut zur Komik und Hässlichkeit. Dazwischen dürfen die anderen ihren Text aufsagen.</p>
<p>Die Lust am Slapstick, am Blödeln, an der Ästhetik der Peinlichkeit  &#8211; in den besten Momenten der Aufführung spürt man sie ganz deutlich. In den Schlechten bleibt ein verwässerter und schon oft da gewesener Versuch Shakespeare wieder zu dem zu machen, was er einmal war: Unterhaltung, Pulp Fiction, spooky. Dann wird die Popästhetik anbiedernd: Schauspieler mit Plüschtierköpfen? Das ist so schön Shakespeare, aber im Moment in jedem zweiten Indiepopmusikvideo zu finden.</p>
<p>Am potentiellen Zielpublikum geht dies ohnehin vorbei. Das an diesem Abend hauptsächlich aus 16jährigen Gymnasiasten auf Lehrausgang bestehende Publikum zeigt sich unbeeindruckt. „Ich habe auch schon normale „Hamlet“-Inszenierungen gesehen“, sagt eine wahrscheinlich Zehntklässlerin mit kritischen Blick zu ihrer ebenfalls nicht sehr begeistert wirkenden gleichaltrigen Kollegin. Was immer eine „normale“ „Hamlet“-Inszenierung auch ist, diese Unentschlossenheit ist es, die der Inszenierung den Atmen nimmt: Zu Pop für die, die einen hübschen Hamlet-Monolog hören wollen. Zu wenig radikal für alle anderen, weil „Hamlet“ eben schon besser dekonstruiert wurde. Eine fruchtbarere Verbindung von Hoch- und Popkultur gab es schon 1990, als die Einstürzenden Neubauten Heiner Müllers „Hamletmaschine“ vertonten. Sein oder nicht sein? Kommt darin nicht vor. Dennoch: Polonius ohne Hosen ist immer noch erträglicher als Polonius im Rüschenhemdchen.</p>
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		<title>&#8220;Der liebevolle Realist&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Apr 2010 01:23:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna Mayrhauser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Film]]></category>

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		<description><![CDATA[Andreas Dresens neuer Film „Whisky mit Wodka“ ist wieder einmal eine Geschichte von großen und kleinen Verlierern geworden.  Eine Annäherung an den „aufrichtigen Humanisten“ unter den deutschen Filmemachern.

Einer der schönsten Filme, die man heute unter dem Genre „DDR-Film“ einreihen würde, entstand bereits 1992. Er hieß „Stilles Land“, ein Zitat aus einem Lied von Wolf Biermann. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left"><strong><em>Andreas Dresens neuer Film „Whisky mit Wodka“ ist wieder einmal eine Geschichte von großen und kleinen Verlierern geworden.  Eine Annäherung an den „aufrichtigen Humanisten“ unter den deutschen Filmemachern.</em></strong></p>
<p style="text-align: left"><em><span id="more-1254"></span></em></p>
<p style="text-align: left">Einer der schönsten Filme, die man heute unter dem Genre „DDR-Film“ einreihen würde, entstand bereits 1992. Er hieß „Stilles Land“, ein Zitat aus einem Lied von Wolf Biermann. Das Ensemble eines Theaters irgendwo in der ostdeutschen Provinz kämpft sich im Herbst 1989 durch „Warten auf Godot“ und verpasst die Wende. Ein junger Regisseur schrammt an der Aktualität vorbei, eine alte Schauspielerin sagt „Na toll, jetzt können wir überall hin.“ Kein teuerer Film, fast ein bisschen dokumentarisch, der durch seine Nähe zu den Ereignissen mittlerweile selbst ein Zeitdokument wurde. Es war der Debütfilm des damals neunundzwanzigjährigen Andreas Dresen. Das Drehbuch hatte er gemeinsam mit Laila Stieler geschrieben. Die dokumentarische, improvisierte Spielfilmform wird für sein Filmschaffen typisch werden. Fast siebzehn Jahre später wehrt sich Andreas Dresen immer noch gegen seine Einordnung als „ostdeutscher Filmemacher“: „Ich habe mich schon oft gefragt, wo eigentlich meine westdeutschen Kollegen stecken, bei denen dieser Zusatz ganz offenkundig nicht nötig zu sein scheint“ schreibt Dresen 2009 in einem Kommentar in der ZEIT.</p>
<p style="text-align: left"><em> </em></p>
<p style="text-align: left"><strong><em>Das Glück und der Bruch</em></strong></p>
<p style="text-align: left">Sein Ausbildungsweg erinnert auch ein bisschen an „Warten auf Godot“: Mit 15 Jahren kommt der 1963 in Gera geborene und praktisch im Schweriner Landestheater aufgewachsene Dresen (Vater Adolf Dresen und Ziehvater Christoph Schroth sind beide Regisseure, die Mutter Barbara Bachmann Schauspielerin) zum Amateurfilm. Nach einem langwierigen Aufnahmeprozess beginnt er 1986 sein Regiestudium an der  Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Wenn Dresen über seine Karriere spricht, dann spricht er sehr oft vom Glück. Das Glück, ein Volontariat beim Defa-Spielfilmstudio bekommen zu haben und nicht bei der Filmabteilung der NVA. Das Glück, einer der Volontäre gewesen zu sein, die für das Regiestudium übernommen wurden und so eine fundierte Ausbildung zu erhalten. Dort hat er, der eigentlich nur Spielfilme machen wollte, das Dokumentarische gelernt: „Ich wollte unbedingt zum Spielfilm und lernen mit Schauspielern zu arbeiten. Aber man sagte uns: Nein, jetzt geht ihr erst mal auf die Straße und filmt die Werktätigen. Und dann musste man plötzlich lernen, in der Realität Bilder zu finden.&#8221; Das Glück nach seinem Debütfilm eine Ausschreibung zu gewinnen, die den zweiten Film komplett finanzierte. Später das Glück, Theater und Film machen zu können, und auch Oper. Eine Arbeit, die sich gegenseitig ergänzt und immer wieder neue Wege hervorbringt, wo das eine das anderer ermöglicht. Ohne die Erfahrung der Theaterarbeit wäre ein Film wie „Halbe Treppe“ nicht möglich gewesen. Das Glück nach Publikumserfolgen wie „Sommer vorm Balkon“ und „Nachtgestalten“ freiere, radikaler Produktionen wie „Halbe Treppe“ und „Wolke 9“ verwirklichen zu können. Das Glück unter dem Rektorat von Lothar Bisky an der Filmhochschule gewesen zu sein, der den „aufrechten Gang“ durch das Studium ermöglichte, wie Dresen in Interviews oft betont. Den biographischen Bruch durch die Wende empfindet Dresen als großen Wert. „Zu spüren wie sich alles verändert, hat mir viel gebracht und war eine unglaubliche Erfahrung“ erzählt er in Interviews. Auch ein Bruch zu richtigen Zeit, für viele ältere, begabte Regisseure, die in der DDR ausgebildet worden sind, hätte es später keinen Platz mehr auf dem Filmmarkt des wiedervereinigten Deutschlands gegeben.</p>
<p style="text-align: left"><strong><em>„Ohne Verachtung und frei von Zynismus“</em></strong></p>
<p style="text-align: left">Seine HeldInnen wurschteln sich durch ihr Leben, einen Sommer, einen Winter, einen Wahlkampf lang und bleiben dabei immer liebenswert und werden nie vorgeführt. Dennoch sind Dresens Filme frei von Sozialromantik und immer politisch. Als Vorbilder, Filmemacher und Autoren, die ihn beeinflusst und beeindruckt haben nennt er Namen wie Wolfgang Kohlhase, dessen Drehbuch zu „Sommer vorm Balkon“ er verwirklicht hat und mit dem er jetzt bei „Whiskey mit Wodka“ wieder zusammen gearbeitet hat, Jim Jarmusch, die italienischen Neorealisten, Ken Loach und den britischen Realismus der 70/80er Jahre, bei dem ihm die selbstverständliche, undogmatische Art mit der Arbeiterklasse umzugehen beeindruckt hätte und er so etwas auch für den deutschen Film suchte. „Die Kunst die mich geprägt hat, hatte immer damit zu tun, dass die Künstler die Menschen geliebt haben, über die sie erzählten. Ohne Verachtung und frei von Zynismus“, sagt Dresen in einem Interview zum Film „Sommer vorm Balkon“. Eine Vorgabe, die in jedem Dresen-Film spürbar ist. Dresen hält keinen für blöd, eine seiner radikalsten Filme „Die Polizistin“ entstand fürs Fernsehen. Dresen schafft es, dass sogar ein „Herr Wichmann von der CDU“ in seiner sich wiederholenden Phrasenhaftigkeit und ein schmieriger Autohändler „Willenbrock“ irgendwie sympathisch werden. Dabei singt Dresen aber nicht das gerne angestimmte Lied vom armen weißen Mann, das Ines Kappert letztlich in ihrer intelligenten Analyse „Der Mann in der Krise. Kapitalismuskritik  in der Mainstreamkultur“ dekonstruiert hat, sondern zeigt wie Menschen ihre Rolle in einem System spielen. Als weiterer Vorbilder nennt Dresen auch die Dardenne &#8211; Brüder. Nach dem Publikumserfolg von „Sommer vorm Balkon“ wollte er gerne etwas Radikaleres, Unversöhnlicheres machen. Entstanden ist „Wolke 9“, eine Film über Liebe und Sexualität im Alter, der bei Publikum und Kritik trotz dieser Härte gut ankam.</p>
<p style="text-align: left"><strong><em>Radikales Vertrauen</em></strong></p>
<p style="text-align: left">Damit so etwas entstehen kann ist in der Arbeitsweise vor allem eins wichtig: Vertrauen. SchauspielerInnen und KollegInnen sprechen von einer freien, gleichberechtigten und respektvollen Atmosphäre am Set. Nadja Uhl nannte es einmal einen kleinen „Set-Kommunismus“. Dresens größte Qualität ist, scheint es, normal und unprätentiös zu sein. Er selbst spricht davon ein Klima ohne Angst schaffen zu wollen, eine Atmosphäre, die es erlaubt, sich zu öffnen, damit etwas entstehen kann. Für die Arbeitsweise der Improvisation ist das natürlich extrem wichtig. Dresen arbeitet oft mit denselben Menschen zusammen: Axel Prahl, Laila Stieler, Wolfgang Kohlhaase, Inka Friedrich, Cooky Zische&#8230;um nur einige Namen zu nennen, der Ruf der „familiären“ Atmosphäre eilt ihm voraus. Dresen macht Ensemblefilme.</p>
<p style="text-align: left">Bei jeden Film muss man versuchen die eigenen Grenzen zu verschieben, ein Stück weiter zu treiben.“ ist Dresens Überzeugung. Mal sehen ob „Whisky mit Wodka“ ein radikaler Film wird oder ein Publikumserfolg. Oder Beides. Der Mann mit den schönen Berlinfilmen lebt übrigens in Potsdam. Dort ist es ruhiger.</p>
<p style="text-align: left"><em><br />
</em></p>
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