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	<title>Kulturen &#187; Katharina Bueß</title>
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	<description>Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin</description>
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		<title>Baudelaire unter Bomben</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jul 2010 12:48:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katharina Bueß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Bachmann]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs verliebt sich Ingeborg Bachmann in Kärnten in einen jüdischen Soldaten der britischen Armee. Poetisch, berührend und eindrucksvoll erzählt der Band „Kriegstagebuch“ von der Begegnung. Er enthält ihre Tagebuchaufzeichnungen und die Briefe des Soldaten Jack Hamesh.

Es ist März 1945, der Krieg ist vorbei. In einem Büro der britischen Armee begegnet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs verliebt sich Ingeborg Bachmann in Kärnten in einen jüdischen Soldaten der britischen Armee. Poetisch, berührend und eindrucksvoll erzählt der Band „Kriegstagebuch“ von der Begegnung. Er enthält ihre Tagebuchaufzeichnungen und die Briefe des Soldaten Jack Hamesh.</strong></p>
<p><span id="more-1507"></span></p>
<p>Es ist März 1945, der Krieg ist vorbei. In einem Büro der britischen Armee begegnet die achtzehnjährige Ingeborg Bachmann dem Soldaten Jack Hamesh. Er ist „klein und eher hässlich, Augengläser, spricht fließend deutsch mit einem Wiener Akzent“, vermerkt Bachmann in ihrem „geliebten Tagebuch“. Er befragt sie zu ihrer kurzen Mitgliedschaft beim Bund Deutscher Mädel und ob sie dort Führerin gewesen sei. Bachmann verneint, wird rot und „vor Verzweiflung immer röter“. Sie fragt sich, „warum man auch rot wird und zittert, wenn man die Wahrheit sagt.“ Wenig später verbindet das ungleiche Paar eine enge Freundschaft und zarte Liebe.</p>
<p><strong>Thomas Mann als Anknüpfungspunkt</strong></p>
<p>In Bachmanns Fragment, das nur wenige DINA-4-Seiten umfasste, werden die letzten Kriegsmonaten und die beginnende Nachkriegszeit festgehalten. Darauf folgen die Briefe des emigrierten österreichisch-jüdischen Hamesh. Bachmanns Tagebuch ist kurz, aber eindrucksvoll. „In der Strasse ist jetzt niemand mehr. Die Tage sind so sonnig. Ich habe einen Sessel in den Garten gestellt und lese. Ich habe mir fest vorgenommen, weiterzulesen, wenn die Bomben kommen“. Sie vergöttert Baudelaire, Thomas Mann und Stefan Zweig. Die Literatur wird zum Anknüpfungspunkt der jungen Menschen mit ihren so unterschiedlichen Geschichten. Hamesh ist das entwurzelte und traumatisierte Opfer des Nationalsozialismus, er war 1938 vor den Nazis nach England geflüchtet, seine Eltern waren bereits tot. Bachmanns Vater war Mitglied der NSDAP.</p>
<p><strong>Der erste Handkuss</strong></p>
<p>„Wir haben bis zum Abend geredet, und er hat mir die Hand geküsst, bevor er gegangen ist. Noch nie hat mir jemand die Hand geküsst. Ich bin so verdreht und glücklich, und wie er fort war, bin ich auf den Wallischbaum gestiegen, und hab geheult und mir gedacht, ich möchte mir nie mehr die Hand waschen“.</p>
<p>In mehrerer Hinsicht ist der Text aufschlussreich. Wir können uns ein Bild machen von der jungen Autorin Ingeborg Bachmann, die schon hier teilweise knapp und eindrucksvoll formuliert. Daneben finden sich Passagen aus dem Leben eines verliebten Teenagers. Bachmann hat ihre Schuhe an eine Freundin verliehen, die sich Zeit lässt mit dem Zurückgeben – „und ich muss mit den alten Schlapfen herumgehen, auch wenn Jack kommt.“</p>
<p>Zudem ist der Text ein Dokument jener Zeit, wir werden Zeugen eines tief verwurzelten Antisemitismus. „Alle reden über mich. ,Sie geht mit dem Juden’“. Und dann trotzig: „jetzt erst recht.“ Bachmann bricht ein Tabu und Hamesh überwindet sein anfängliches Misstrauen. „Durch Dich erst sah ich, dass es doch noch wert ist an Menschen zu glauben. Nicht an alle, an wenige einzelne an Dich“.</p>
<p><strong>&#8220;Sie geht mit dem Juden&#8221;</strong></p>
<p>Beispielhaft ist auch die eigenwillige Rechtschreibung Hameshs mit Fehlern, kaum vorhandenen Kommata und falsch angewandten Fällen. Dankenswerterweise wurden diese vom Herausgeber Hans Höller nicht korrigiert. So wird deutlich, wie sehr die Vertreibung, die Jahre im Exil, den jungen Mann auch aus seiner sprachlichen Heimat entfremdet haben.</p>
<p>Neben ihrer so gegensätzlichen und doch untrennbar verbundenen Herkunft, ihrer Intellektualität und Liebe zur Literatur, meint Hamesh noch einen weiteren Grund zu kennen, warum sich die beiden einander so verbunden fühlen. Sie komme zwar aus einem liebevollen Elternhaus. Und doch „sehnst Du Dich alleine zu sein. In dieser Einsamkeit glaube ich haben wir uns gefunden.“ Für ihn ist die Begegnung eine entscheidende Wendung, Bachmann schwärmt vom schönsten Sommer ihres Lebens.</p>
<p><strong>&#8220;Sie alle können nicht mehr froh werden&#8221;</strong></p>
<p>Doch die gemeinsame Zeit währt nur kurz. Bachmann geht nach Wien an die Universität, Hamesh verlässt seine Heimat ein zweites Mal und wandert über Italien nach Tel Aviv aus. In seinen Briefen klagt er über schmerzhafte Einsamkeit und „Haltlosigkeit wie ich sie noch nie zuvor miterlebt hatte, diese letzte Zeit war für mich das schrecklichste was ich je erleben musste.“ Er vermisst Bachmann sehr. Der letzte Brief erreicht sie 1947, Hamesh schreibt, er sei nun zufrieden („ich könnte ja ebenso gut in einem Massengrab in Polen verfaulen“). Er hat Freunde gefunden, auch sie aus Wien emigriert. „Doch sie alle haben ähnliches oder noch schlimmeres erlebt. Sie alle können nicht mehr froh werden.“</p>
<p>Es bleibt Raum für Mutmaßungen, eine leise Enttäuschung und zugleich ein besonderer Reiz des Bandes. Denn nicht nur Jack Hamesh selbst konnte nicht mehr gefunden werden, auch die Antworten Bachmanns sind damit verschollen. Höller, der Herausgeber, führt im Nachwort eine lange Liste an Personen und Institutionen an, die er auf der Suche nach Hamesh vergeblich kontaktiert hat und nennt die Hoffnung, durch die Veröffentlichung doch noch Hinweise zu finden.<br />
<img class="alignleft size-medium wp-image-1510" title="Kriegstagebuch" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2010/07/Kriegstagebuch-180x300.jpg" alt="Kriegstagebuch" width="180" height="300" /></p>
<p><em>Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch. Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller. Suhrkamp, Berlin 2010. 107 Seiten, 15,80 Euro.</em></p>
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		<title>Toskana-Kitsch und Bahntrassen-Charme</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Aug 2009 20:41:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katharina Bueß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Plätze und ihre Rituale]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Admiralbrücke]]></category>
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		<category><![CDATA[Romantik]]></category>
		<category><![CDATA[Toskana]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Möglichkeiten, in Berlin einen perfekten Sommerabend zu verbringen, sind zahllos. Es gibt Biergärten, Cafés zum draußen sitzen, man kann im Park grillen und – sich auf eine Brücke setzen. 

Und von denen hat Berlin immerhin mehr als Venedig. Die prominenteste und meistbevölkerte ist derzeit wohl die Admiralbrücke in Kreuzberg. Malerisch über den Landwehkanal gelegen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Möglichkeiten, in Berlin einen perfekten Sommerabend zu verbringen, sind zahllos. Es gibt Biergärten, Cafés zum draußen sitzen, man kann im Park grillen und – sich auf eine Brücke setzen. </strong></p>
<p><span id="more-656"></span></p>
<p>Und von denen hat Berlin immerhin mehr als Venedig. Die prominenteste und meistbevölkerte ist derzeit wohl die Admiralbrücke in Kreuzberg. Malerisch über den Landwehkanal gelegen, kann man von hier aus Schwäne und den Sonnenuntergang beobachten. Auf der Brücke drängen sich währenddessen Nachtschwärmer, Akustikbands, Touristen, Grasdealer und Leute aus der Nachbarschaft mit Hund, Bier und Picknickkörben.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-674" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2009/07/p1030185.jpg" alt="Admiralbrücke" width="448" height="336" /></p>
<p>Sogar in die großen Zeitungsfeuilletons hat es die Admiralbrücke geschafft, die <em>Zeit</em> etwa ruft euphorisch ein „Neuberliner Brückenwunder“ aus. Im <em>Lonely Planet</em>, dem Standard-Rucksacktouristen-Reiseführer, steht der „Hotspot“ jedoch wider Erwarten noch nicht. Doch heute muss ein guter Tipp nicht mehr gedruckt verbreitet werden, es genügen persönliche Empfehlungen und Blogs.</p>
<p><strong>Lieber Autos als Partylärm</strong></p>
<p>In den regionalen Zeitungen ging es außerdem oft um den Streit über die Zukunft der Brücke – einige Anwohner fühlten sich derart von dem Partylärm gestört, dass sie sich die Poller wegwünschten, die für eine verkehrsberuhigte Zone sorgen, und hätten also Motorenlärm und Abgase bevorzugt. Der Bezirk lehnte die Forderungen ab, will aber andere Möglichkeiten diskutieren, um für mehr Ruhe zu sorgen, sogar ein Alkoholverbot.</p>
<p>Was an dem Thema am meisten fasziniert, ist das Phänomen, dass sich so viele Menschen Tag für Tag auf den manchmal nassen oder kalten Asphaltboden setzen, statt auf eine Parkbank, das heimische Sofa oder einen Barhocker.</p>
<p><strong>Anti-Haltung gegenüber Bars</strong></p>
<p>Gründe gibt es dafür genug: „Wir holen uns bei dem Späti an der Ecke Bier, und das Gute hier ist, dass man Freunde und Bekannte trifft, ohne dass man sich verabreden muss“, erzählt Sascha, der am nahe gelegenen Kottbusser Tor wohnt und oft abends herkommt. Er sitzt auf dem Bordstein und muss jetzt seine Füße einziehen, weil ein Auto über die Brücke fahren will – schneller als im Schritttempo ist das kaum möglich. Der Fahrer wirkt gereizt. Alle fünf Minuten kommen Leute, die leere Flaschen in ausgebeulten Plastiktüten sammeln, der Boden ist mit Kronkorken übersäht.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-664" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2009/07/p1030184.jpg" alt="Admiralbrücke" width="448" height="336" /></p>
<p>Auch Seda sitzt gerne hier und hat eine einleuchtende Theorie, warum der Platz so beliebt ist. „Hier zu sitzen ist eine Art Anti-Haltung gegenüber Clubs und Bars, in denen soziale Kommunikation und Spaß ein Teil des Konsum-Zirkus’ sind“, meint sie. Hier könne jeder kommen, und zwar ohne Eintritt. Auch für Dialoge sei in Clubs weniger Raum, oder für ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Demokratisches Zusammensitzen als antikommerzielle Jugendbewegung also?</p>
<p><strong>Pseudo-toskanisches Flair</strong></p>
<p>Um die Ecke, in der Böckhstraße, wohnt Miriam. Mit ihrem kleinen Sohn spaziert sie fast jeden Tag an der Brücke vorbei. Ob sie der ständige Trubel stört? „Nein, überhaupt nicht. Ist ja auch eine sehr nette Stimmung, aber ich selbst saß da komischerweise noch nie.“ Das liege aber wohl an den Scherben auf den Boden, da könne man eben kein Kind drüberkrabbeln lassen.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter size-full wp-image-672" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2009/07/p1030187.jpg" alt="Admiralbrücke" width="448" height="336" /></p>
<p>Dass die Gegend um die Brücke, der Graefekiez, derzeit gerade bei jungen Familien so beliebt ist, findet Miriam auch nicht schlimm. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier so hip und spießig wird wie zum Beispiel im Prenzlauer Berg.“ Auf ihren Freund Chris dagegen wirkt das Bild der vielen Leute, die auf der Brücke abhängen, surreal. Er findet den Brauch schlicht „scheiße“: „Dieser Kitsch und das pseudo-toskanische Flair gehen mir auf die Nerven.“</p>
<p><strong>Sonnenuntergang über der Bahntrasse</strong></p>
<p>Während die Admiralbrücke zum Mainstream der Berlinkultur gezählt werden muss, ist die Modersohnbrücke in Friedrichshain eine schöne und entspannte Alternative. Ein Stück hinter der Oberbaumbrücke gelegen, führt sie über die S-Bahngleise und verbindet das Gebiet um den Boxhagener Platz mit dem ruhigeren Friedrichshainer Kiez zwischen Bahntrasse und Spree. Auch von hier aus kann man wunderbar die Sonne untergehen sehen, wenn auch weniger romantisch über dem Wasser, als trashig-urban über den Gleisen und Fabrikgebäuden.</p>
<p>Heute sitzt niemand auf der Modersohnbrücke, denn es ist kalt und es nieselt. Nur Charlotte lehnt am Brückengeländer und schaut auf den grauen Horizont in Richtung Warschauer Straße und Alex. Sie wohnt seit rund zehn Jahren in der Nähe, in der Lehmbruckstraße. Als Charlotte herzog, war die ursprüngliche Brücke gerade abgerissen worden und es gab nur einen Fußgängersteg. Seit sieben Jahren steht sie nun in ihrer heutigen Form, mit genug Platz für Autos und einem breiten Geh- und Radweg daneben.</p>
<p><strong>Die Brücke als romantic spot</strong></p>
<p>„Davor war hier ein gefühltes Niemandsland, zwischen Wasserwerken und Baumarkt. Aber seit es so viel Platz zum Sitzen gibt, bin ich öfter mal abends hier – das war immer mein romantic spot &#8230;“, erzählt Charlotte und lächelt. Einmal war sie hoffnungslos verliebt in einen Jungen, und nach einem Streit hatten sie sich monatelang nicht gesehen. „In einer lauen Nacht warf er dann Steinchen an mein Fenster und es war klar, dass wir uns auf die Brücke setzen um uns auszusprechen.“ Geklappt hat es mit den beiden nicht, und wie um die traurigen Gedanken wegzuwischen, springt Charlotte jetzt ein paar Mal auf und ab: „Krass, oder?“, ruft sie, und der Boden vibriert und wackelt.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="size-full wp-image-667 aligncenter" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2009/07/p1030206.jpg" alt="Modersohnbrücke" width="527" height="395" /></p>
<p>Schade, dass aus ihrer Sommernachtsgeschichte nichts geworden ist. Am Ort lag es sicher nicht, denn der ist sehr charmant. So ist es durchaus vorstellbar, dass auch die Romantik ein wichtiger Faktor bei der Vorliebe der Berliner für Brücken ist. Sie sind sozialer alternativer Treffpunkt für Freunde und bieten zugleich eine eher kitschige – im Fall der Admiralbrücke – oder leicht melancholische – im Fall der Modersohnbrücke – Kulisse für Paare und alle, die es vielleicht, mit etwas Glück, werden wollen.</p>
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		<title>Kreuzberg gewinnt</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Feb 2009 11:59:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katharina Bueß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[EM 2008]]></category>
		<category><![CDATA[Fußball]]></category>
		<category><![CDATA[Kreuzberg]]></category>
		<category><![CDATA[Oranienstraße]]></category>

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		<description><![CDATA[Noch ist es ruhig auf der Berliner Oranienstraße. Der Sohn der Besitzer des türkischen Cafés stellt die letzten Bierbänke auf den Gehsteig, immer wieder testet er den Ton des großen Fernsehgeräts. Die letzten freien Sitzplätze füllen sich. Noch eine Stunde bis zum Anpfiff des Spiels Türkei gegen Deutschland im EM-Halbfinale.
Von der gegenüberliegenden Straßenseite hallt der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-398" title="deutschland_tuerkei1" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2009/02/deutschland_tuerkei1-150x150.jpg" alt="deutschland_tuerkei1" width="150" height="150" />Noch ist es ruhig auf der Berliner Oranienstraße. Der Sohn der Besitzer des türkischen Cafés stellt die letzten Bierbänke auf den Gehsteig, immer wieder testet er den Ton des großen Fernsehgeräts. Die letzten freien Sitzplätze füllen sich. Noch eine Stunde bis zum Anpfiff des Spiels Türkei gegen Deutschland im EM-Halbfinale.</strong></p>
<p><span id="more-377"></span>Von der gegenüberliegenden Straßenseite hallt der Ton zum Fußballspiel aus Boxen, hier jedoch auf türkisch: Über Satellit wird ein türkischer Fernsehsender empfangen und auf einer Leinwand übertragen. Anwohner lehnen lässig an ihren Fenstern und betrachten das Treiben. Alternatives Publikum schlendert, noch auf der Suche nach geeigneten Plätzen, durch die Straße, einige Fans haben sich in türkische Flaggen eingewickelt und singen.</p>
<p>Aus dem Café schallt nun melancholische Live-Musik: Zwei Männer spielen auf Saxophon und Handtrommel türkische Lieder, die aus einem Verstärker dröhnen. Tonlos, wie ein Fisch, bewegt Johannes B. Kerner seinen Mund auf dem Fernsehbildschirm.</p>
<p>Im Café sitzen einige Fans, die sich den rot-weißen Halbmond auf die Wangen gemalt haben und reden aufgeregt gestikulierend. Immer mehr Passanten bleiben stehen, um von hier aus das Spiel zu verfolgen. Studenten trinken Bier aus Flaschen, ein türkischer Großvater sucht einen geeigneten Stuhl für seine Enkelin. Musik, lautes Stimmengewirr und Lachen erfüllt die Luft, die Polizei sperrt die Straße für den Verkehr. Der Abend gehört dem Fußball.</p>
<p><strong>Die Technik und die Wut</strong></p>
<p>Dann geht es los. Zur türkischen Nationalhymne stehen die Fans auf und singen laut mit, bei der deutschen herrscht betretenes Schweigen im Publikum. Schon nach 20 Minuten steht es 1:0 für die Türkei, eine Welle des Jubels rollt durch die Straße. Beim folgenden Ausgleichs­treffer der Deutschen fällt die Begeisterung weniger lautstark aus. In der zweiten Halbzeit ist auf einmal der Empfang weg: eine abrupte Stille, der Bildschirm ist weiß. Ungläubige Blicke und wütende Fäuste richten auf das Fernsehgerät. Hektisch prüft der Sohn der Cafébesitzer die Anschlüsse. Die türkische Flagge, die er sich um die Schultern gebunden hat, umweht ihn wie ein majestätischer Umhang. Schließlich meldet sich Moderator Béla Réthy über ein zugeschaltetes Telefon zu Wort und erklärt eine Übertragungspanne. Unruhe ist zu spüren: Wenn ausgerechnet jetzt ein Tor fällt? Viele schimpfen laut auf englisch, deutsch und türkisch, während weiter minutenlang das Bild wegbleibt. Nur der Ton wird übertragen. So muss Fußball gewesen sein, bevor jeder einen Fernseher zu Hause hatte und Public Viewing zum Massenphänomen wurde.</p>
<p><a href="http://www.welt.de/multimedia/archive/00598/BildausfallZDF1_DW__598242g.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-400" title="bildausfallzdf1_dw__598242g1" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2009/02/bildausfallzdf1_dw__598242g1-150x150.jpg" alt="bildausfallzdf1_dw__598242g1" width="159" height="160" /></a>Endlich ist die Störung behoben, kein Tor ist in der Zwischenzeit gefallen. Das Mitfiebern kann weitergehen. Schon bald fallen die nächsten beiden Tore und es steht 2:2. Doch dann kommt die Entscheidung: In der letzten offiziellen Minute fällt ein weiteres Tor für Deutschland. Die türkische Hälfte schaut enttäuscht – die Glückssträhne der Mannschaft ist vorüber.</p>
<p>Innerhalb weniger Minuten setzt wieder die Live-Musik ein. Überraschenderweise klingt sie nun weniger getragen, sondern fröhlich und ausgelassen. Ein türkisches Ehepaar gratuliert der daneben sitzenden Gruppe junger Deutschen. Ein Gespräch über verpasste Torchancen beginnt, bald darauf geht es um das Leben in Kreuzberg. Die ersten Gäste beginnen zu tanzen und schwenken türkische Fähnchen durch die Luft. Einige haben die beiden Flaggen aneinandergenäht – ein so klischeehaftes  Fotomotiv und Sinnbild für gelungene Integration, dass ein Blitzlichtgewitter durch die Luft zieht.</p>
<p><strong>Ein hüpfender Erlend Øye</strong></p>
<p>Immer mehr Passanten bleiben stehen und gesellen sich zu der tanzenden und feiernden Menge. Eine Gruppe Spanier trinkt türkischen Schnaps aus Plastikbechern, zwei ältere Männer aus Texas sehen fasziniert zu. Ein Spanier bietet einen Becher an, der Mann probiert und lacht fröhlich. Auch der norwegische Sänger Erlend Øye ist unter den Tanzenden. An seiner überdimensionalen Brille ist er leicht zu erkennen. Er springt im Takt auf und ab. Dass die folkloristische Musik so gar nichts mit seiner akustischen Gitarrenmusik (Kings of Convenience) oder seinen elektronischen Projekten (The Whitest Boy Alive) gemeinsam hat, scheint ihn nicht im Geringsten zu stören.</p>
<p>Überfüllter als jedes Jahr am ersten Mai ist die Oranienstraße nun. Ein einzelner Lastwagen hat sich hierher verirrt und versucht, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Der Fahrer flucht aus dem Fenster, ein paar Jungen klettern auf das Verdeck und tanzen auf dem Koloss weiter. Die Polizei steht gelassen daneben während die Menschen ihre Hälse nach dem Geschehen recken. Meter um Meter bewegt sich der LKW vorwärts, wie in Zeitlupe gelingt es dem Fahrer schließlich, in die Adalbertstraße abzubiegen.</p>
<p><strong>Feiern statt gewinnen</strong></p>
<p>„Tür-ki-yé!“ hallen währenddessen Sprechchöre durch die Straße – gewonnen hat, wer feiern kann. Selbst Kinder sind noch unterwegs, ausnahmsweise. Vereinzelte Luftballons fliegen durch die Luft. „Da hinten ist die Party“ ruft ein Junge und zieht seine Freunde in Richtung des Cafés. Der Sohn der Besitzer strahlt und schlüpft aus den Turnschuhen, dann wirbelt er seine überraschte Mutter zum Takt der Musik durch die Luft.</p>
<p>Noch immer unterhält sich das türkische Paar mit den Deutschen, abwechselnd wird drinnen Becks in Flaschen geholt und miteinander angestoßen. „Wir machen hier jeden Freitag Party, kommt doch mal vorbei“, lädt die Frau ein. „Die Besitzer sind Freunde von uns, es gibt viel zu Essen und immer Musik.“ Sie deutet auf die Leinwand auf der anderen Straßenseite, auf der türkische Musikvideos laufen. „Das ist eine beliebte Sängerin bei uns“, erklärt sie den Clip, der einen Tansvestiten zeigt, der in einem golden schimmernden Kleid die Hüften bewegt. Fast ein Uhr ist es inzwischen. Das Spiel scheint fast vergessen, die Euphorie ernährt sich selbst. Nach Hause geht so schnell niemand.</p>
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