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	<title>Kulturen &#187; Laura Marie Hamdorf</title>
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	<description>Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin</description>
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		<title>Sind wir nicht alle ein bisschen Meese?</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 13:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Laura Marie Hamdorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bühne]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Gruppe Dreißigjähriger flieht vor der Gesellschaft in ein dunkles Kinderzimmer und beschließt, Stipendiengelder in Dosenravioli zu investieren. Im bläulichen Schein des Fernsehers begibt sie sich auf eine Fantasiereise. 
 

 
Der durchschnittliche Anhänger der Generation Meese entspricht dem Klischee eines Versagers: Er ist Langzeitstudent, jobbt in Zeitarbeitsfirmen, seine Freizeit verbringt er vor dem Fernseher [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Eine Gruppe Dreißigjähriger flieht vor der Gesellschaft in ein dunkles Kinderzimmer und beschließt, Stipendiengelder in Dosenravioli zu investieren. Im bläulichen Schein des Fernsehers begibt sie sich auf eine Fantasiereise. </em></p>
<p><em> </em></p>
<p><span id="more-2531"></span></p>
<p><em> </em></p>
<div id="attachment_2533" class="wp-caption alignleft" style="width: 210px"><img class="size-medium wp-image-2533" title="Anika Baumann und Michael Klammer als Mitglieder der Generation Meese: Fantasieexplosion im dunklen Zimmer" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2012/01/pr_meese304-200x300.jpg" alt="Anika Baumann und Michael Klammer als Mitglieder der Generation Meese: Fantasieexplosion im dunklen Zimmer" width="200" height="300" /><p class="wp-caption-text">Anika Baumann und Michael Klammer als Mitglieder der Generation Meese: Fantasieexplosion im dunklen Zimmer</p></div>
<p>Der durchschnittliche Anhänger der Generation Meese entspricht dem Klischee eines Versagers: Er ist Langzeitstudent, jobbt in Zeitarbeitsfirmen, seine Freizeit verbringt er vor dem Fernseher – der einzigen Lichtquelle in seinem Zimmer. Aber: Die Generation Meese ist überdurchschnittlich intelligent. Sie spricht fünf Sprachen, hat beste Noten und wird überhäuft von Stipendien. Nutzen tut sie diese Vorteile nicht &#8211; der Wettbewerb der Gesellschaft um Ehrgeiz und Erfolg stößt sie ab, genauso wie die hochnäsige Attitüde der Bildungselite. Statt laut zu protestieren, bleibt die Generation Meese aber unauffällig. Sie fühlt sich sicher auf einer warmen Matratze in einem abgedunkelten Zimmer.</p>
<p>Oliver Kluck hat in seinem Stück das psychologische Protokoll einer Anti-Subkultur niedergeschrieben. Namensgeber der Generation Meese ist Jonathan Meese, der sagte: „Man muss nur die Worte umdrehen und die Vorzeichen ändern, dann geht’s ab“. So irrational wie dieser Satz des Konzeptkünstlers ist, so eindeutig ist seine Botschaft: Die größte Befriedigung ist für ihn die Umkehrung des konventionellen Wertesystems. Es ist der gemeinsame Nenner der Generation Meese.</p>
<p>Klucks Text gleicht einem Stream of Consciousness. Er ist ein Sammelsurium aus Zitaten, Geschichten und Philosophien, die mal als Plädoyer vorgetragen werden, mal dialogisch aneinandergeraten. „Ich möchte den Regisseuren die Freiheit geben, ein Maximum aus dem Text, der Aussage, der Stimmung herausholen zu können“, sagt Kluck, der bekennende Feind von Regieanweisungen. Es bedarf eines ausgeprägten eigenen Standpunkts des Regisseurs, um eine sinnhafte Balance zwischen Fiktion und Realität des Textes zu finden.</p>
<p><strong>Zwangsneurose statt Tageslicht</strong></p>
<p>Der Regisseur Antú Romero Nunes, der das Stück am 8. Februar 2010 im Studio des Gorki Theaters uraufführte, hat sämtliche Szenen in einen dunklen Raum verlegt. Der Bühnenboden ist mit Schaumstoffmatratzen ausgelegt, ein Haufen bunter Decken und Kissen türmt sich in der Mitte. Alles wird berührt vom bläulichen Flackerlicht des Fernsehers.</p>
<div id="attachment_2535" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2535" title="Schutz vor der Realität: Eine Matratzenhöhle wird zur Existenzgrundlage" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2012/01/pr_meese205-300x199.jpg" alt="Schutz vor der Realität: Eine Matratzenhöhle wird zur Existenzgrundlage" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Schutz vor der Realität: Eine Matratzenhöhle wird zur Existenzgrundlage</p></div>
<p>Für Nunes ist das Prinzip Meese keine Collage von Absurditäten, sondern der übersteigerte  Drang nach Rückzug und Passivität, der sich in der Ellenbogengesellschaft bei jedem bemerkbar macht. Anika Baumann und Michael Klammer verkörpern zwei Meesianer im Schlabberlook. Sie gehören jedoch nicht zu den Menschen, die diesen Drang in gesundem Maße verspüren: Sie sind die personifizierte Passivität, deren psychische Störung an neurotischem Armkratzen abzulesen ist.</p>
<p>Plötzlich agil werden die beiden Protagonisten, wenn sie in kindliche Rollenspiele verfallen. Sie werden zum hochnäsigen Professor, der sich im tief bayerischen Akzent über die Sitten- und Antriebslosigkeit der Jugend beklagt, zur nach Selbstverwirklichung strebenden Lehrerin oder zu Marcel Reich-Ranicki, der sich über die jämmerlichen Versuche junger Autoren amüsiert. Sie zitieren alle Absurditäten der Welt da draußen – und jagen sich im nächsten Moment über den weichen Untergrund. Sie lassen sich fallen, sie kuscheln sich ein, sie sind unverletzlich. Einzig die karge Bühnenbeleuchtung und der Nebel, der manchmal über die Matratzen wabert, lassen keinen Zweifel daran, dass es sich nicht um eine Kinderzimmer-Idylle handelt, sondern um den surrealen Lebenszustand eines erwachsenen Menschen, der vom Tageslicht nichts wissen will.</p>
<p><strong>Tuba gegen Taubheit</strong></p>
<p>Als Schuldige an der Unfähigkeit, sich mit der Welt zu arrangieren, werden die Eltern der Meese-Generation angeprangert. Nunes konkretisiert die Taubheit der Eltern, indem er Michael Klammer „Mutter!“ in eine Tuba brüllen lässt. Ein Hilferuf ohne Antwort. Statt liebevoller Erziehung haben die Eltern die wahren Probleme ihrer Kinder nie wahrgenommen, ließen sie dagegen mit teuren Instrumenten alleine – Musikunterricht gegen das schlechte Gewissen.</p>
<div id="attachment_2537" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2537" title="Schrei nach der Mutter: Tuba statt Elternliebe" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2012/01/pr_meese301-300x199.jpg" alt="Schrei nach der Mutter: Tuba statt Elternliebe" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Schrei nach der Mutter: Tuba statt Elternliebe</p></div>
<p>„Es ist das Finden der eigenen Verwirrung“ sagt Oliver Kluck über sein Stück. Verwirrend ist in erster Linie die Inkonsequenz des Prinzips, eine Definition ist unmöglich. Nunes gelingt eine Zuspitzung dieser Inkonsequenz: er hat Klucks Stream of Consciousness in Sinneinheiten gegliedert und die unzähligen Sprecher aus dem Text auf zwei Münder verteilt. Die beiden Schauspieler werden so mit einer Masse an Eigenschaften beladen, die sich oft widersprechen. Das Rätsel um die Meese-Persönlichkeit wird nicht aufgeschlüsselt, sondern verkompliziert. Obendrein fragen die Schauspieler ihr Publikum anfangs provokativ: „Woher wisst ihr, ob wir nicht zum Beispiel genau jetzt anfange, zu lügen?“ Die Verwirrung ist perfekt – niemand weiß, ob sie gerade improvisieren oder geprobte Sätze aufsagen.</p>
<p>Das Publikum spielt überhaupt eine entscheidende Rolle &#8211; denn es dient zur Legitimation des Meese-Prinzips. „Welche Serien habt ihr denn in den 90ern geguckt?“ wird es von den Schauspielern gefragt – so hartnäckig und so lange, bis alle einschlägigen Sendungstitel gefallen sind. Blamabel &#8211; Theatergänger geben nicht gerne zu, fernzusehen &#8211; sich einmal aus der hektischen Welt zurückzuziehen und einer Beschäftigung nachzugehen, die jedes Denken abstellt und neue Welten eröffnet. Ihnen allen wird in diesem Moment der Spiegel vorgehalten, ihnen wird beigebracht, dass das Prinzip Meese ihnen mehr entspricht, als geahnt.</p>
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		<title>Die Hölle ist aus Gold</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Sep 2011 18:58:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Laura Marie Hamdorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bühne]]></category>

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		<description><![CDATA[Thomas Ostermeier bringt Shakespeare zum Glitzern: „Maß für Maß“ versprüht unter seiner Regie in der Schaubühne ein Feuerwerk aus Allegorien

In Wien regiert das Chaos &#8211; in Gestalt von Herzog Vincentino. Ein Herzog der „auch an Fastentagen Fleisch genießt“, der die Feier- und Fleischeslust seiner Untertanen toleriert, da er selbst das exzessivste Leben führt. Was daraus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Thomas Ostermeier bringt Shakespeare zum Glitzern: „Maß für Maß“ versprüht unter seiner Regie in der Schaubühne ein Feuerwerk aus Allegorien</em></p>
<p><span id="more-2481"></span></p>
<p>In Wien regiert das Chaos &#8211; in Gestalt von Herzog Vincentino. Ein Herzog der „auch an Fastentagen Fleisch genießt“, der die Feier- und Fleischeslust seiner Untertanen toleriert, da er selbst das exzessivste Leben führt. Was daraus folgt, zeigt das Bühnenbild zu Beginn des Stückes: Ein gewaltiger Kronenleuchter ist zu Boden gekracht und liegt mitten auf der vergoldeten Bühne.</p>
<div id="attachment_2485" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2485" title="Lars Eidinger als Angelo im Golden Cube: smart, moralisch, sündig" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/eidinger-gold-300x199.jpg" alt="Lars Eidinger als Angelo im Golden Cube: smart, moralisch, sündig" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Lars Eidinger als Angelo im Golden Cube: smart, moralisch, sündig</p></div>
<p>Thomas Ostermeiers Inszenierung von Shakespeare‘ s „Maß für Maß“ ist ein Feuerwerk der Symbole, Allegorien und Metaphern: Das goldene Wien ist nur noch Fassade, im Inneren tut sich ein Abgrund aus Korruption, Trieben und Vergnügungssucht aus. Die Bewohner stehen ratlos zwischen den Wänden des Golden Cubes, unterhalten sich leise, hier und da ein Kichern. Versammelt haben sich hier neben dem Herzog &#8211; gespielt von dem wunderbaren Gert Voss, der mit 70 Jahren weder an Spitzbübigkeit, noch an Temperament verloren hat &#8211; der verkommene Adel in der Gestalt des metrosexuellen bunten Vogels Lucio, Anhänger des Klerus, gewöhnliche Bürger und der Mustermensch Angelo. Letzterer ist die letzte Hoffnung des Herzogs, dem bewusst wird, dass ihm die Fäden entglitten sind: Der Thron wird zum Beichtstuhl, in dem er seine eigenen Laster zugibt und in bemerkenswerter Selbstreflexion damit den Zustand der Stadt begründet. Als alle einen gregorianischen Choral anstimmen, gebührt dem Herzog nicht einmal mehr die Rolle des Dirigenten, er steht mit allen in einer Reihe und singt ins Publikum.</p>
<p>Angelo soll ihm dazu verhelfen, wieder den Taktstock in die Hand zu nehmen. Der Plan des Herzogs ist genial: Er verlässt vorübergehend die Stadt und legt sein Amt in Angelos Hände. Angelo, verkörpert von Lars Eidinger, scheint der perfekte Stellvertreter zu sein, denn er hat sein Leben der Moral verschrieben. Doch der Herzog ahnt das Scheitern Angelos in der Machtposition voraus: „Er hat mehr Appetiet auf Brot, als auf Steine“, sagt er hinter vorgehaltener Hand über seinen Schützling.</p>
<div id="attachment_2487" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2487" title="Gert Voss als Herzog Vincentino, hier verkleidet als Mönch: Er will zurück zum Dirigentenpult" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/Voss-300x199.jpg" alt="Gert Voss als Herzog Vincentino, hier verkleidet als Mönch: Er will zurück zum Dirigentenpult" width="300" height="199" /><p class="wp-caption-text">Gert Voss als Herzog Vincentino, hier verkleidet als Mönch: Er will zurück zum Dirigentenpult</p></div>
<p><strong>Gesetzgebung per Spritzpistole</strong></p>
<p>Zunächst stürzt sich sein Stellvertreter mit geschwollener Brust in sein Amt, in die Aufräumarbeiten, die nötig sind, um Wien wieder in Ordnung zu bringen. Alle Zeichen stehen auf Neuanfang: Der  Kronenleuchter leuchtet wieder von hoch oben auf das Geschehen herab, Wien erstrahlt. Mit einem Hochdruckreiniger und starrer Miene reinigt Eidinger – smart im schwarzen Anzug und mit weißen Handschuhen &#8211; den Boden und die Wände. Er richtet Chaos an, denn seine Mitspieler müssen vor ihm flüchten, um nicht nass zu werden &#8211; um nicht Opfer seiner harten Gesetze zu werden. Einem gelingt die Rettung nicht: Claudio begeht eine Straftat, die zur Todesstrafe führt: er hat seine Freundin geschwängert, mit der er noch nicht verheiratet, wohl aber verlobt war. Dennoch zeigt sich an seinem Beispiel die Unerbittlichkeit Angelos, genauso sein Hang zur Tyrannei. Denn sein Motto lautet: Aus dem Gesetz keine Vogelscheuche machen: Das Gesetz soll kein harmloses Monster sein, an dessen Anblick sich mit der Zeit alle gewöhnen und sich bequem darauf niederlassen, wie es Vögel auf Vogelscheuchen tun.  Ein Schweine-Kadaver, der während Claudios Haft am Kronenleuchter aufgehängt wird, macht aus Wien eine Metzgerei, demonstriert gleichsam das Machtgefüge der Stadt: Die Schuld der Sündiger dient als Schmuck der Macht, als Dekorationsartikel. Gleichzeitig ist das tote Schwein aber auch eine Vorausschau auf Angelos eigenes Schicksal: Denn seine Unerbittlichkeit gerät ins Wanken, als die Schwester des Verurteilten, die junge Novizin Isabella, bei ihm vorstellig wird, um die Freilassung Claudios zu erbitten. Bei ihrem Anblick rutscht Angelo in einer Wasserlache aus. Er fällt seinen eigenen Säuberungsmaßnamen zum Opfer, denn er verliebt sich und spürt die Versuchung einer Straftat. Nach Isabellas Zurückweisung macht er ihr einen unmoralischen Vorschlag: Für eine Nacht mit ihr ließe er ihren Bruder frei. „Sünden, zu denen man gezwungen ist, werden bei der Bilanz nicht angerechnet“, haucht er ihr ins Ohr, doch sie verneint, sie will die Kirche nicht verleugnen – auch nicht um das Opfer ihres eigenen Bruders. Angelo, der Schuldige, ist tief verzweifelt und hängt sich neben das tote Schwein ebenfalls kopfüber an den Kronenleuchter. Er droht, als Opfer seiner eigenen Gesetzgebung aufzufliegen.</p>
<div id="attachment_2489" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2489" title="nasskalte Gesetzgebung: Angelo verurteilt Claudio zum Tode" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/eidinger-wasser-300x198.jpg" alt="nasskalte Gesetzgebung: Angelo verurteilt Claudio zum Tode" width="300" height="198" /><p class="wp-caption-text">nasskalte Gesetzgebung: Angelo verurteilt Claudio zum Tode</p></div>
<p>Claudio ist der menschlichste Charakter des Stücks: Als Jesus-Kopie mit wirren dunklen Locken, langem Bart, den dürren Körper in eine weiße Unterhose gehüllt, vegetiert er in einem imaginären Kerker vor sich hin. Dabei schwankt er zwischen Resignation, Zorn und Angst, seine Kommentare sind mal dümmlich, mal voll von todschwarzem Sarkasmus. Das macht aus ihm eher einen Komiker, als eine tragische Gestalt. Genau das ist notwendig, denn sein Schicksal steht nicht im Vordergrund des Stückes. Als Isabella ihm im Gefängnis von dem Angebot Angelos berichtet, schöpft Claudio Hoffnung und versucht sie einschmeichelnd von dem Deal zu überzeugen.  Isabella ist schockiert, dass auch ihr eigener Bruder den Schutz ihrer Jungfräulichkeit nicht anerkennt und verflucht ihn, wird gar zur Cholerikerin, ungewohnt unheilig.</p>
<p><strong>Hochdosierte Allegorien</strong></p>
<p>Als Mönch verkleidet, tritt der Herzog wieder auf. Er überzeugt Isabella von einem Plan, ihren Bruder zu retten: sie soll in Angelos Forderung einwilligen, statt ihrer würde aber eine frühere Verlobte Angelos auftauchen und die Nacht mit ihm verbringen. So geschieht es und Angelo erkennt im Dunkeln nicht, mit welcher Frau er schläft. Als er am nächsten Tage dennoch an dem Todesurteil festhält, gibt sich der Herzog zu erkennen, rettet Claudio und stellt Angelo an den Pranger: Maß für Maß lautet sein Urteilsspruch – Gleiches mit Gleichem. Der einstmalige Thron und Beichtstuhl ist zum Richtstuhl geworden, dieses Mal wird das Todesurteil über Angelo verhängt. Der Herzog darf am Ende wieder dirigieren, durch das Scheitern seines Vertreters ist seine Macht legitimiert worden.</p>
<div id="attachment_2491" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2491" title="der Herzog überzeugt Isabella von seinem Plan. Im Hintergrund: totes Schwein am Kronenleuchter" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/voss-isabella-300x168.jpg" alt="der Herzog überzeugt Isabella von seinem Plan. Im Hintergrund: totes Schwein am Kronenleuchter" width="300" height="168" /><p class="wp-caption-text">der Herzog überzeugt Isabella von seinem Plan. Im Hintergrund: totes Schwein am Kronenleuchter</p></div>
<p>Hochdosiert sind die Allegorien, mit denen Ostermeier sein Stück in Spannung versetzt. Überall drängen sich dem Publikum Deutungsmöglichkeiten auf, überdrüssig wird man ihnen allerdings nicht: Die Allegorien sind spannende Rätsel und fallen erst auf den zweiten Blick auf. Wie auch der Einsatz der drei Live-Musiker auf der Bühne, die immer Teil des Geschehens bleiben, jedoch einzig die Rolle des Volkes spielen und die Handlung mit fast trotzig klerikalen Klängen untermalen. Auch sie müssen vor den Wasserattacken Angelos fliehen, gleichzeitig gehören sie zur Ausstattung: Sie verschmelzen durch vereinzelte goldene Akzente in ihrer Kleidung mit dem Bühnenbild.</p>
<p>Gibt es in diesem Stück überhaupt gute Menschen? Angelo und der Herzog haben beide gesündigt. Und Isabella, die unschuldige Novizin? Sie vergibt zwar die unbedachte Leidenschaft ihres Bruders, nicht aber die des Angelo. Ein Paradoxon. Und sie stellt das Gesetz Gottes über das Leben ihres Bruders, denn sie ist nicht bereit,  für ihn das kirchliche Gebot der Jungfräulichkeit zu brechen. Welches Gesetz wiegt höher: das Gesetz Gottes oder das Gesetz eines menschlichen Machthabers?</p>
<p>Als Eidinger kopfüber vom Kronenleuchter hängend die Arme von sich streckt, wird er zum umgedrehten Kreuz – das Symbol für den Teufel. Es ist das stärkste Bild des Abends, denn es zeigt die Essenz aus Shakespeare&#8217;s Stück und Ostermeiers vollste Zustimmung: Das Teuflische und das Gesetz liegen dicht beieinander. Denn erst das Gesetz definiert den Teufel.</p>
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		<title>Wunderbare Ereignislosigkeit</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Sep 2011 11:09:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Laura Marie Hamdorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Filmstill statt Actionstreifen &#8211; die Ausstellung &#8220;12&#215;12 &#8211; Die IBB-Videolounge in der Berlinischen Galerie&#8221; sensiblisiert die Sinne.

Wir sind hibbelig, eigentlich immer. Wir hassen vergeudete Zeit, wir lieben das Multitasking. Ob wir einkaufen gehen, eine Hausarbeit schreiben oder in den Urlaub fahren &#8211; wir packen uns ein in eine Wattehülle aus Medien. Die Hülle besudelt uns [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Filmstill statt Actionstreifen &#8211; die Ausstellung &#8220;12&#215;12 &#8211; Die IBB-Videolounge in der Berlinischen Galerie&#8221; sensiblisiert die Sinne.</p>
<p><span id="more-2469"></span></p>
<p>Wir sind hibbelig, eigentlich immer. Wir hassen vergeudete Zeit, wir lieben das Multitasking. Ob wir einkaufen gehen, eine Hausarbeit schreiben oder in den Urlaub fahren &#8211; wir packen uns ein in eine Wattehülle aus Medien. Die Hülle besudelt uns ununterbrochen mit Musik aus dem mp3-Player, Facebook leuchtet im Hintergrund marine-blau, dazu läuft das Radio oder der Fernseher. Wenn die Medien-Hülle zu dick wird, wird sie zur Medien-Hölle, denn sie macht uns taub für das richtige Leben.</p>
<p>Im schlimmsten Fall bedeutet das: Unsere Konzentration lässt nach. Ein Buch zu lesen und sich gar darin zu verlieren wird immer schwerer, alles lenkt uns ab, ständig durchkreuzen Gedanken zur nächsten Aufgabe unsere Aufmerksamkeit. Dokumentarfilme erfordern unser gesamtes Durchhaltevermögen, denn wir können auf keine Katastrophe hin fiebern. Bei Hörspielen schlafen wir sofort ein &#8211; weil unser Körper den Status der Entspannung nicht mehr kennt, sondern nur Schlaf oder Hyperaktivität.</p>
<div id="attachment_2470" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2470" title="Die Berlinische Galerie: In zwölf Monaten werden die zwölf besten Videokünstler vorgestellt" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/Berlinische-Galerie-300x300.jpg" alt="Die Berlinische Galerie: In zwölf Monaten werden die zwölf besten Videokünstler vorgestellt" width="300" height="300" /><p class="wp-caption-text">Die Berlinische Galerie: In zwölf Monaten werden die zwölf besten Videokünstler vorgestellt</p></div>
<p>Und nun betreten wir die Berlinische Galerie. Einen dunklen Gang direkt am Eingang des White Cubes, der uns mit Möwengeschrei und Windrauschen anlockt. Und wir finden uns wieder auf einer Tribüne vor einer großen Leinwand. Die Tribüne ist überzogen von rotem Teppich, in der letzten Reihe können wir uns gemütlich anlehnen.</p>
<p><strong>Holzkutter stampfen auf den Wellen</strong></p>
<p>Zum Möwengeschrei und Windrauschen kommt ein Bild, eine einzige Perspektive: ein aufgewühltes graues Meer, das am Horizont mit dem Himmel verschmilzt, der genauso grau ist. Es sind wahrscheinlich drei bis vier Windstärken, denn die Wellen beginnen zu brechen. Regen fällt, oder Graupel, er überdeckt alles mit einem dicken Schnee-ähnlichen Schleier. Im Vordergrund ragen ein paar krumme Holzpfähle aus dem Wasser, einige nur so knapp, dass sie von den Wellen immer wieder verschluckt werden.</p>
<p>Von rechts schieben sich zwei Holzkutter ins Bild. Sie sind an langen Ankerleinen an den Grund des Meeres gekettet, haben aber genügend Spielraum, um vor und zurück zu schaukeln. Und genau das tun sie, eigentlich nur das: Sie schaukeln vor und zurück, manchmal unregelmäßig, sie stampfen auf den Wellen, wenn sie im Wind stehen, und rutschen sanft über den Wellenkamm, wenn sie sich vom Wind wegdrehen.</p>
<p>Was passiert als nächstes? Hat das Windrauschen einen unheilvollen Beigeschmack? Was soll das Kindergeschrei, was sich bei genauem Hinhören deutlich von den Möwen abhebt? Denken wir. Aber es geschieht: nichts.</p>
<p>Zunächst lässt uns die Hoffnung auf Nervenkitzel auf der Tribüne sitzen bleiben – obwohl es uns schon in den Zehen juckt, aufzuspringen. Die Berlinische Galerie ist schließlich groß, es gibt noch viel zu entdecken und wie immer drängt die Zeit. Doch dann merken wir: Es wird nichts mehr passieren. Seit zehn Minuten starren wir auf zwei Kutter. Sehen, wie sie zum Spielzeug von Wind und Meer werden. Wie sie sich aus dem Bild herausschieben und wieder hineingetrieben werden. Und langsam, ganz langsam lassen wir uns auf diese Ereignislosigkeit ein, denn sie erfüllt uns mit einer ungewohnten Ruhe. Details fallen uns auf: Der Rumpf hat rostrote, blaue und weiße Streifen – verblichen und zur Hälfte abgeblättert. Die Holzpinne scheint jeden Moment abzubrechen, so sehr wird sie von den Wellen hin- und her gedrückt.</p>
<div id="attachment_2471" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2471" title="Videokünstler Marcellvs L.: Zufall statt Drehbuch" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/marcellus-l-2-300x200.jpg" alt="Videokünstler Marcellvs L.: Zufall statt Drehbuch" width="300" height="200" /><p class="wp-caption-text">Videokünstler Marcellvs L.: Zufall statt Drehbuch</p></div>
<p>Uns kommen verrückte Ideen in den Kopf, verrückt weil sie so gewöhnlich sind: Wir denken nach über die Kraft der Strömung, wir überlegen uns, wo die Kamera steht, was wohl hinter der Kamera passiert. Wir streichen über den roten Teppich, auf dem wir sitzen und empfinden es als angenehm, hier im Trockenen zu sitzen und nicht auf einem der Schiffe, auf die der Regen so unbarmherzig niederprasselt.</p>
<p><strong>Zufall statt Drehbuch</strong></p>
<p>Kurzum: wir kurbeln langsam unsere Wahrnehmung wieder an. Unsere absichtliche Wahrnehmung, nicht die Wahrnehmung dröhnender Beats, zu der uns der IPod zwingt.</p>
<p>Es sind 15 Minuten der Entspannung in der Ausstellung „12&#215;12 &#8211; die IBB-Videolounge in der Berlinischen Galerie“. Innerhalb eines Jahres werden hier die Arbeiten von zwölf Videokünstlern gezeigt, die sich neue Möglichkeiten des Films erschlossen haben. Sie legen den Fokus auf Bildausschnitt, Fokussierung, das Objekt, die Ästhetik. Das Schiffs-Video stammt von Marcellvs L., der 31jährige Künstler aus Brasilien nennt seine Arbeit VideoRhizome. 28 Filme hat er gedreht, die alle für sich stehen und in denen immer die Kamera von einem festen Standpunkt aus ein willkürliches Geschehen vor der Linse filmt, manchmal so unscharf, dass der Zuschauer nur vermuten kann, was dort gerade passiert. Es gibt kein Drehbuch und keine Schauspieler für die Filme von Marcellvs L., alles geschieht zufällig. Seine Filme basieren auf der Spannung zwischen dem zufälligen Geschehen und der gezielten Aufnahme dieses Geschehens.</p>
<p>Seine Filme sind Ruhe statt auf Spektakel. Aber die Geduld, die sie uns kosten, lohnt sich. Vielleicht schon auf dem Heimweg, auf dem wir lieber dem Wellenrauschen im Kopf lauschen, als den dröhnenden Beats der Kopfhörer.</p>
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		<title>Der Wolkenmacher</title>
		<link>http://kulturen.b3at.de/archives/2450</link>
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		<pubDate>Tue, 13 Sep 2011 12:24:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Laura Marie Hamdorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Installationskünstler Tomás Saraceno macht aus Plastikbällen funkelnde Luftblasen.

Galerien sind unpersönliche Orte. Boden, Wände und Decken sind in sterilem Weiß gehalten &#8211; als makelloser Grund für Gemälde, Skulpturen oder Installationen. Bis auf die Kunst sind die Räume leer, denn jede Requisite würde die Wirkung der Kunst schmälern. Der Purismus schützt aber auch ein Geheimnis: Die Beziehung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Installationskünstler Tomás Saraceno macht aus Plastikbällen funkelnde Luftblasen</em>.</p>
<p><span id="more-2450"></span></p>
<p>Galerien sind unpersönliche Orte. Boden, Wände und Decken sind in sterilem Weiß gehalten &#8211; als makelloser Grund für Gemälde, Skulpturen oder Installationen. Bis auf die Kunst sind die Räume leer, denn jede Requisite würde die Wirkung der Kunst schmälern. Der Purismus schützt aber auch ein Geheimnis: Die Beziehung zwischen Kunst und Künstler. Blicken wir auf das Werk eines Tyrannen, der monatelang in einem Materialwust gehaust hat – mutterseelenallein, denn seine Mitarbeiter sind allesamt entsetzt geflüchtet? Oder war hier ein Esoteriker am Werk, der mit Bedacht, Weltliebe und Räucherstäbchen zu seinem Endprodukt gelangt ist? Einmal dem Künstler bei der Arbeit über die Schulter sehen, das wünschen sich viele ratlose Ausstellungsbesucher, die verstehen möchten, welche Gefühle sich hinter der entstellten Gummipuppe, der verdorrten Blume oder dem Bleistift-Berg verbergen.</p>
<div id="attachment_2451" class="wp-caption alignright" style="width: 209px"><img class="size-medium wp-image-2451" title="Saracenos Wolkenstädte: eine fantastische Reduktion der Realität auf Formen und Farben" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/saraceno2-199x300.jpg" alt="Saracenos Wolkenstädte: eine fantastische Reduktion der Realität auf Formen und Farben" width="199" height="300" /><p class="wp-caption-text">Saracenos Wolkenstädte: eine fantastische Reduktion der Realität auf Formen und Farben</p></div>
<p>Die seltene Gelegenheit, den Aufbau einer Ausstellung mitzuerleben, bietet in diesen Tagen der Hamburger Bahnhof. Tomás Saracenos Installation„Cloud Cities“ eröffnet  zwar erst am 14. September, bis dahin kann jeder Besucher der Dauerausstellung  dem Künstler aber schon mal beim Aufbau über die Schulter schauen.</p>
<p>Der erste Eindruck der Ausstellung ist eine Erinnerung an ein Kinderspielzeug: Beim Blick durch das Kaleidoskop sah man Kreise aus funkelnden Farbmustern, die sich beim behutsamen Drehen des Rohres zu neuen Kreisen zusammensetzten. Saracenos „Cloud Cities“ scheinen dem Kaleidoskop entsprungen – sie funkeln, sie sind symmetrisch, sie sind einander ähnlich und differieren doch in Farbe, Größe und Oberfläche.</p>
<p><strong>Schwebende Luftblasen</strong></p>
<p>Der Hamburger Bahnhof hängt voller transparenter Plastikbälle, in die kontinuierlich Luft gepumpt wird. Einige sind so klein wie Fußbälle, andere reichen vom Boden bis hinauf zu den Eisenträgern an der Decke. Einige lassen Pflanzen in ihrer Mitte schweben, andere sind hohl. Befestigt sind sie mit schwarzen Stricken, die sich netz-ähnlich um die Bälle spannen und dann quer durch den Raum verlaufen. Sie halten die Bälle in der Luft. Eine der Kugeln ist mit einer künstlichen Moosschicht bedeckt, auf der sich lange, ebenso künstliche Blätter kringeln. Die Kugel schwebt im vorderen Teil des Raumes. Genau darunter sitzt ein schmales Mädchen in Rock und Turnschuhen auf einem Holzstuhl und knüpft versunken weitere Blätter zusammen, die kurz danach vorsichtig auf dem Moos befestigt werden. Etwas weiter fehlt die Kugel &#8211; und doch ist sie da: Die schwarzen Schnüre sind so ineinander verknotet, dass sie dreidimensionale, kugelförmige Hohlräume bilden. Einige Schnurenden hängen lose zu Boden.</p>
<p>Die größten Kugeln dürfen ab dem 14. September auch vom Publikum betreten werden. Eine Flugzeugleiter führt zum Einstieg an der Seite. Drinnen ist eine Gummiplane quer durch die Kugel gespannt – ein Trampolin, das den Eindruck erweckt, in der Luft zu springen, mit freiem Blick zum Boden durch viele transparente Kreise, durch viel Luft hindurch.</p>
<div id="attachment_2452" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-2452" title="Künstler Tomás Saraceno: liebevoller Umgang mit seinen Luftschlössern" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/saraceno1-300x225.jpg" alt="Künstler Tomás Saraceno: liebevoller Umgang mit seinen Luftschlössern" width="300" height="225" /><p class="wp-caption-text">Künstler Tomás Saraceno: liebevoller Umgang mit seinen Luftschlössern</p></div>
<p>In der zweitgrößten Kugel turnt der Künstler barfuß über das Trampolin und lässt sich dabei fotografieren. In Jeans und blauem Hemd liegt er auf dem quietschenden, durchsichtigen Untergrund. Die Arme hinterm Kopf verschränkt kämpft er ab und zu mit dem Gleichgewicht, denn auch der Fotograf schlägt Wellen auf dem bewegten Grund. Der Balanceakt scheint beiden Spaß zu machen, es ist kein sehr ernstes Fotoshooting. Saraceno wirkt mit fünf-Tage-Bart und zerwühlten Haaren wie ein großer Junge, der voller Vorfreude seiner Ausstellung entgegensieht, aber es nicht nötig hat, nervös zu sein. Er wirkt relaxt  – auch, als er wenig später wieder festen Boden unter den Füßen hat. Er schlendert zwischen offenen Kisten, Plastikplane und Wasserflaschen hindurch zu einer Mitarbeiterin, nimmt ihr einen monströsen, roten Föhn aus der Hand und beginnt, eine Plastikkugel damit aufzupusten. Behutsam legt er den fertigen Ball auf einen breiten Streifen Knisterfolie am Rand des Ausstellungsfeldes.</p>
<p><strong>Saraceno strahlt und fegt</strong></p>
<p>Insgesamt sind zehn Menschen in der Halle des Hamburger Bahnhofs damit beschäftigt, Knoten zu machen, Luft zu pumpen oder Fellbüschel und Kunstgewächs an den Bällen zu befestigen. Handys werden weitergereicht, Anweisungen gegeben, Kabel ent- und verwirrt. Ein oranger Mini-Kran kurvt durch das Wirrwarr am Boden. Es kommt einem Wunder gleich, dass er in keiner der Schnüre hängen bleibt, die durch die Halle gespannt sind. An fast jeder Kugel wird gearbeitet, emsig und entspannt. Dazwischen: Saraceno, der strahlend umherläuft, anpackt, manchmal nicht sofort eine passende Baustelle findet und hilflos beginnt, zwei Quadratmeter freien Boden in der Hallenmitte zu fegen.</p>
<p>Trotz des Chaos liegt Ruhe über den Arbeiten im Hamburger Bahnhof. Der liebevolle Umgang Saracenos mit seiner Kunst hat sich auf seine Mitarbeiter übertragen. Ihnen beim Aufbau zuzusehen, vermittelt jedem Zuschauer die Begeisterung für die Cloud Cities. Die Wolkenstädte sind eine liebevolle Utopie, eine fantastische Reduktion der Realität auf Farben und Formen, die Spannung erzeugen und glücklich machen.</p>
<div id="attachment_2454" class="wp-caption alignright" style="width: 225px"><img class="size-full wp-image-2454" title="schwebende Pflanzen in schwebenden Luftblasen " src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/09/saraceno3.jpg" alt="schwebende Pflanzen in schwebenden Luftblasen " width="215" height="184" /><p class="wp-caption-text">schwebende Pflanzen in schwebenden Luftblasen </p></div>
<p>Diesen Luftschlössern beim Wachsen zusehen zu können, ist ein Privileg. Der Entstehungsprozess zeigt, dass Kunst immer Technik und Chaos braucht, um zu seiner finalen Form zu gelangen, dass Kunst nicht die reine, umgesetzte Idee ist, sondern mit ihr gerungen werden muss. Gerade im Hamburger Bahnhof sensibilisiert sich das Gespür für die Wechselwirkung zwischen Raum und Kunstwerk – und wirft Fragen auf: Wie wird sich die räumliche Spannung ändern, wenn die Schnüre alle straff, wenn die losen Enden verschwunden, wenn der Boden frei ist?</p>
<p>Eines steht fest: Am 14ten September wird sich auch Tomás Saraceno vor den makellos weißen Wänden des Hamburger Bahnhofs den Fragen der Ausstellungsbesucher stellen. Fragen wie: Und welche Beziehung haben Sie eigentlich zu ihrer Kunst?“</p>
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		<title>High Fashion und Pizza-Service</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Feb 2011 15:59:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Laura Marie Hamdorf</dc:creator>
				<category><![CDATA[Berliner Gesichter]]></category>

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		<description><![CDATA[Man nehme eine große Prise Zeichentalent, null Gramm Erfahrungen an der Nähmaschine und hundert Löffelspitzen Interesse an der Modewelt. Dazu beliebige Mengen an Bier und Zigaretten. Alles wird drei Jahre lang pausenlos gerührt &#8211; fertig ist der Abschluss in Modedesign in Berlin. Michele Beil ist mittendrin.

„Ein Leben außerhalb der Ateliers? Hab ich nicht.“ Michele Beil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Man nehme eine große Prise Zeichentalent, null Gramm Erfahrungen an der Nähmaschine und hundert Löffelspitzen Interesse an der Modewelt. Dazu beliebige Mengen an Bier und Zigaretten. Alles wird drei Jahre lang pausenlos gerührt &#8211; fertig ist der Abschluss in Modedesign in Berlin. Michele Beil ist mittendrin.</strong><span id="more-1951"></span></p>
<p style="text-align: left;">
<div id="attachment_1968" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-1968 " title="Michele 2" src="http://kulturen.b3at.de/wp-content/uploads/2011/02/Michele-2-300x225.jpg" alt="Michele Beil" width="300" height="225" /><p class="wp-caption-text">Jeder Strich muss sitzen - Michele zeichnet Entwürfe </p></div>
<p style="text-align: left;">„Ein Leben außerhalb der Ateliers? Hab ich nicht.“ Michele Beil (23) sitzt auf seiner breiten Couch, durchsucht sein Netbook nach Fotos aus seinem Studium und fährt sich immer wieder bedächtig durch die strubbligen blonden Haare. Während er spricht, wippt die Zigarette lässig im Mundwinkel auf und ab. Michele studiert Modedesign an der internationalen Modeschule ESMOD in Kreuzberg. Gerade ist er dabei, ein Trenchcoat-Dossier vorzubereiten – zum ersten Mal darf er Herrenmode kreieren. Bei Herrenmode soll es auch bleiben. Aus der Frauenmode ist ihm zufolge die Luft raus, da hat es alles schon gegeben. Auf dem massiven Esstisch seiner Wohnung stapeln sich Mode-Zeitschriften und Skizzen. Seine Zeichnungen haben den typischen Designer-Stil, die Figuren sind sehr kantig und eingefallen gemalt. Aber Michele lässt sie nicht verloren in leerer Bildmitte stehen, sondern setzt sie in energischer Pose auf Hocker und Stühle. Seine Entwürfe haben sehr weibliche Formen, werfen viele Falten und haben ungewöhnliche Schnitte.</p>
<p style="text-align: left;">Er schlurft in seine offene Einbauküche, um sich ein Bier zu holen. In enger Jeans und weißem Baumwollshirt. Darüber ein offenes, dunkelblaues Hemd. „Mode hat mich eigentlich schon immer interessiert“, erzählt er mit monotoner Stimme. „Es hätte aber auch genauso gut ein Architekturstudium werden können“, fügt er dann achselzuckend hinzu. Das Zeichnen und basteln war es, das ihn schon immer begeistert hat. Schon als Junge saß er in der Werkstatt seiner Mutter, die Skulptur-Künstlerin ist, und bastelte an Styropor herum, zeichnete präzise seine Umgebung ab.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Der Sprung ins kalte Wasser</strong></p>
<p style="text-align: left;">Während er mir von seinem Studium erzählt, springt er oft auf und kramt aus den Ecken seiner Wohnung Kisten, Schablonen und Stoffe hervor. „Warte, kann ich dir zeigen.&#8221; Dieser Satz fällt immer wieder. Bemerkenswert präzise erklärt er, was eine Nesselprobe, eine Mood-Board-Impression und eine Base ist. Sein erstes, selbstentworfenes Stück war ein Bleistiftrock. Er schüttelt leise lachend den Kopf, während er sich daran erinnert. &#8220;Da war ich fast der einzige, der noch nicht nähen konnte &#8211; und mein Dozent hat überhaupt nichts von mir gehalten.&#8221;</p>
<p style="text-align: left;">Das Modedesign-Studium war ein Sprung ins eiskalte Wasser. Nicht allein, weil sich Michele schnellstmöglich den Umgang mit Nadel und Faden aneingnen musste, sondern vor allem weil es den Verzicht auf seine Freiheitsliebe und die Parties im Heimathafen Hamburg bedeutete. Seine Stadt im Norden fehlt ihm: Die wohlig-faulen Nachmittage an der Alster, aber in erster Linie seine Freunde. Wenn er es zeitlich einrichten kann, fährt er mal am Wochenende nach Hause, um dort die alten Zeiten wiederaufleben zu lassen, denn er weiß: In Berlin regiert die Arbeit. Bis spät in die Nacht fertigt Michele Entwürfe an, sitzt an der Nähmaschine und bereitet sich auf Präsentationen neuester Stücke vor der Dozenten-Jury und dem 70-köpfigen Jahrgang vor. &#8220;Vor meiner letzten Präsentation hab ich ordentlich Baldrian genommen &#8211; ich sterbe immer vor Nervosität&#8221;, gibt er zu. Gut, dass die Jury fast ausschließlich aus Frauen bestehe, da habe man als männlicher Student doch gewisse Vorteile.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>&#8220;An Ausstellungen hab ich auch schon alle durch&#8221;</strong></p>
<p style="text-align: left;">Doch Berlin ist für Michele neben der Arbeit auch Faszination. „Vor 20 Jahren stand hier noch &#8216;ne Mauer &#8211; das ist schon beeindruckend! Hier hast du an jeder Ecke historische Bezüge“, schwärmt er und fügt in lässigem Tonfall hinzu, &#8220;an Ausstellungen hab ich auch schon alle durch.&#8221; Ein ziemlich gewagtes Statement in der Kulturstadt Berlin &#8211; aber Michele blufft nicht. Er erzählt mir vom Neuen Museum, seinem letzten Theaterstück &#8220;Kabale und Liebe&#8221; in einem kleinen Theater in Kreuzberg und berichtet begeistert von der Stasi-Ausstellung am Checkpoint Charly.</p>
<p style="text-align: left;">Die Fashion-Week nutzt er zum Erspähen aktueller Trend-Wellen. &#8220;High Fashion &#8211; ich hasse den Namen wirklich&#8221;, erklärt er nachdrücklich. Berlin sei für Jungdesigner die beste Stadt, aber kein Vergleich zu Mode-Städten wie London oder Mailand. Berlin sei eben nicht High Fashion, sondern ein Laboratorium zum sich-ausprobieren. Die Fashion-Week ist für Michele aber auch eine Verdienstmöglichkeit: Zum zweiten Mal arbeitet er nun schon als Ankleider bei Labels wie Hugo und Joop. &#8220;10 Sekunden hast du für einen Outfit-Wechsel &#8211; das ist enorm stressig! Dann sprinten dir die Models schon panisch entgegen, zerren sich das Shirt vom Leib, während du die Hose bereit hältst. Letztes Jahr haben meine Hände so gezittert, dass ich den Hemdkragen kaum zugekriegt hab.&#8221;</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Sehnsucht nach dem Lernen</strong></p>
<p style="text-align: left;">Und woran mangelt es im Studium? &#8220;Das Lernen fehlt mir&#8221;, erklärt Michele bestimmt. Dann muss er selbst lachen &#8211; solch ein Satz wäre zu Schulzeiten für ihn kaum denkbar gewesen. &#8220;Bei der ganzen handwerklichen und künstlerischen Arbeit, denke ich oft &#8211; du wirst echt dümmer! Das einzige Theorie-Fach ist Marketing und Soziologie &#8211; auf die Klausur habe ich mich richtig gefreut!&#8221;, stellt er fest und scheint sich für dieses Zugeständnis fast ein wenig zu schämen. Jeden Moment müsste es an der Tür klingeln und die Pizza wird geliefert. Das wird sie seit anderthalb Jahren jeden zweiten Tag. &#8220;Zeitmangel&#8221;, grinst Michele.</p>
<p style="text-align: left;">Bis zur Zwischenprüfung im Juli wird das so weitergehen. Dann müssen sechs Teile präsentiert werden. Immerhin endlich Männermode. Zeit, die Baldrian-Dosis langsam wieder zu erhöhen.</p>
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