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	<title>Kulturen &#187; Magdalena Ulrich</title>
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	<description>Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin</description>
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		<title>Lärmen statt Leiden</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Jun 2010 23:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Magdalena Ulrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bühne]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Busch]]></category>
		<category><![CDATA[Hamlet]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegenburg]]></category>
		<category><![CDATA[Quiet is the new loud]]></category>

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		<description><![CDATA[Andreas Kriegenburg und „Ernst Busch“-Studenten inszenieren „Hamlet“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters

„Quiet ist the new loud!“ prophezeiten vor einigen Jahren die Kings of Convenience mit dem Titel ihres Debüt-albums. Regisseur Andreas Kriegenburg und die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zeigen das Gegenteil: In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater steht eine Gesellschaft aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Andreas Kriegenburg und „Ernst Busch“-Studenten inszenieren „Hamlet“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters</p>
<p><span id="more-1384"></span></p>
<p>„Quiet ist the new loud!“ prophezeiten vor einigen Jahren die Kings of Convenience mit dem Titel ihres Debüt-albums. Regisseur Andreas Kriegenburg und die Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ zeigen das Gegenteil: In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater steht eine Gesellschaft aus Krach und Klamauk auf der Bühne, in der kein Raum für die leisen Töne eines melancholischen Hamlets bleibt. Weltschmerz und Trauer werden spaßig übertönt.</p>
<p>Wie ein Setzkasten aus überdimensionierten Weinkisten erscheint der Bühnenboden, jede gerade groß genug für einen Menschen (Bühne: Julia Kurzweg). Nur eine zarte Schnur mit schwarzen Luftballons ragt über den hölzernen Kistenpark.<br />
Zwei Joker-Fratzen schnellen aus ihren Kisten empor und rahmen das Bild am vorderen Bühnenrand: kreidebleiche Clownsbemalung, schwarz verlaufene Augenringe, strähniges Haar und rot verschmiertes Grinsen. Rosencrantz (Aenne Schwarz) und Guildenstern (Marco Portmann) zerren mit nervtötendem Geplärr und irrsinnigem Lachen von Anfang bis Ende der Vorstellung an den Nerven des Publikums. Die Narren sind die Stars des Abends, sie spielen die tragischen Figuren an die Wand.</p>
<p>Nach und nach schlüpft die clownsmaskiert Hofgesellschaft &#8211; ein jeder aus seiner Kiste: Gertrud, Claudius, Laertes, Polonius, Horatio. Man amüsiert sich, lärmt und lacht. Und wirkt dabei verloren.<br />
Ophelia (Maria Wardzinska) ist die Puppe zwischen den Clowns. Sie trägt Tutu, bewegt sich in versteinerter Anmut wie eine Ballerina auf der Spieluhr. Aufgezogen, fremdgesteuert hebt sie die Ärmchen, dreht sich, posiert und funktioniert.<br />
Die Hauptfigur bemerkt man kaum. Hamlet (Thomas Halle) trägt das Bündel schwarzer Luftballons wie eine Regenwolke über seinem Kopf &#8211; ein Ballonverkäufer auf dem Jahrmarkt, der auf der Trauer-Ware sitzen bleibt. Wer sollte daran auch Gefallen finden in einer ausgemachten Spaßgesellschaft?<br />
Gertrud (Natali Seelig), die aufgescheuchte Party-Mutti, hebt Champusgläser statt zu trauern und kokst bis ihr die Nase blutet. Für den sensiblen Sohnemann, den depressiven Zweifler Hamlet &#8211; den Leisen &#8211; fehlt jede Empathie. Claudius Hof ist eine hedonistische Legehennenbatterie. Effekt und Lust anstatt Gefühl. Betäubender Lärm verdeckt das Leiden. „Hey, Denmark, this is very funny!“</p>
<p>„Gott hat euch ein Gesicht gegeben und ihr macht euch ein anderes!“, verflucht Hamlet seine Mitmenschen, deren Masken wie aufgezwungene Fratzen wirken, die stets dem König nach dem Mund reden. Hamlet erkennt die Mitschuld am Mord seines Vaters an ihren rot verschmierten Mündern, die lächeln sollen, doch blutig anmuten &#8211; ein grausames Grinsen. Ein Leben als Maskenspiel. Wo sind ihre Gesichter?</p>
<p>Kriegenburg stellt Hamlet als ungehörten Depressiven dar, verloren in einer tosenden Welt. Er zeigt, dass stille Wasser nicht nur tief gründen, sondern vielleicht tief traurig sind und an Weltschmerz und persönlichem Leid zerbrechen.<br />
Welche Stimmen <em>um</em> uns und <em>in</em> uns übertönt ein Leben mit einem Lautstärkepegel am Anschlag? Nichts scheint schwerer zu ertragen als die Stille. Darin ruht tückisch der eigene Seelenschmerz. Drum lieber pauken und koksen.</p>
<p>In einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft hat die persönliche Tragödie keinen Raum. Das Drama „Hamlet“ dient dabei nicht nur als beliebige Schablone. Vielmehr störte sich Shakespeare selbst an der Vergnügungssucht der elisabethanischen Zeit. Theater diente der Unterhaltung, dem plärrenden Vergnügen. Empfindungen dagegen tönen sanft.</p>
<p>Kriegenburgs Inszenierung klingt nach der Dauerbeschallung unseres Lebens, nach lärmendem Privatfernsehen und Hintergrundmusik als Lebensstrategie. Schneller, lauter, schriller. Und bloß keine Stille aufkommen lassen. „Liebe?! Spinnst du oder was? &#8211; Und jetzt sei lustig!“</p>
<p>Hamlet und Ophelia dagegen erleben im Streit authentische Gefühle, die sonderbar wirken in dem Tumult an Maskenspielen und Verstellung. Die Liebenden schreien die ehrlichen, inneren Stimmen heraus, die sonst verschanzt bleiben und stumm. Zuletzt verzweifelt Ophelia am lärmenden Fake ihrer Umwelt. Sie nimmt ein Mikrofon zur Hilfe und flüstert: „Das ist doch krank! Denen muss man doch helfen!“</p>
<p>Slapstick, Klamauk und akustischer Stress durchziehen die Inszenierung. Sie machen auch vor dem Grab nicht halt. Kriegenburg lässt die Totengräber (Henning Bosse und Sergej Lubic) vor Ophelias Grab ein schändliches Leichen-Medley grölen. „Who wants to live forever?“ Sterben als Show, zum Mitklatschen.</p>
<p>Die hysterische Atmosphäre der Inszenierung nervt gewaltig. Doch sie hält klug den Spiegel vor und fragt nach dem Verbleib der leisen Töne. Sie ermutigt, auch trauerndes Wimmern mal klingen zu lassen und nicht verkrampft drauf los zu lärmen.<br />
Hamlet wirkt wie in einer Glassäule auf der Bühne, er steht blöd rum, als wenn er nicht so recht dazu gehöre. Wie auf einer Party, auf der sich alle zu amüsieren scheinen &#8211; außer man selbst. Die Party übertönt den Schmerz. Doch wer hört Hamlet? „Quiet“ lag wohl noch nie so recht im Trend.</p>
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		<title>Blättern, Lesen, Spüren</title>
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		<pubDate>Wed, 19 May 2010 13:07:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Magdalena Ulrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Magazinladen &#8220;do you read me?!&#8221; in Berlin Mitte verkauft anspruchsvolle Designlektüre.

Musik: Brill
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Magazinladen &#8220;do you read me?!&#8221; in Berlin Mitte verkauft anspruchsvolle Designlektüre.</p>
<p><span id="more-1356"></span></p>

<p>Musik: Brill</p>
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		<title>Fühlt sich nach Klang an</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Mar 2010 00:02:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Magdalena Ulrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[ 
Berührungen und Vibrationen &#8211; beim Hören wird der Mensch zum Resonanzkörper.
Der Mensch hat keine Ohrenlider. Er kann sich Klängen kaum entziehen. Man kann nicht weghören, wie man wegsehen kann. Den Blick abwenden, die Augen verschließen – beim Sehen hat der Mensch meist die Entscheidungsfreiheit und Kontrolle darüber, was er sich ansehen möchte und wann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Berührungen und Vibrationen &#8211; beim Hören wird der Mensch zum Resonanzkörper.</strong></p>
<p><span id="more-1142"></span>Der Mensch hat keine Ohrenlider. Er kann sich Klängen kaum entziehen. Man kann nicht weg<em>hören</em>, wie man weg<em>sehen</em> kann. Den Blick abwenden, die Augen verschließen – beim Sehen hat der Mensch meist die Entscheidungsfreiheit und Kontrolle darüber, was er sich ansehen möchte und wann er lieber wegsieht.<br />
Beim Hören jedoch scheint der Klang das Sagen zu haben. Der Versuch, Tönen zu entkommen, indem man sich die Ohren zuhält, gelingt nur bedingt. Denn wer glaubt, dadurch könne er dem Klang den Weg versperren, ist einem Irrglauben aufgesessen. Klänge sind Schwingungen und Vibrationen. Sie sprechen nicht nur das Ohr an, sondern erfassen alle Organe. Der Körper hört mit.</p>
<p><strong>Touch the sound</strong></p>
<p>„How to listen with your whole body“, ist der Titel eines Vortrags im Internet-Forum <a href="http://www.ted.com/">www.ted.com</a>. Die Perkussionistin Evelyn Glennie erklärt darin, dass Klänge nicht nur hörbar, sondern auch spürbar sind. Sie muss es wissen: die Musikerin ist taub.<br />
Bevor Glennie zu spielen beginnt, zieht sie ihre Schuhe aus. Barfuß spürt sie, wie Töne den Boden vibrieren lassen. Für sie ist Klang wie eine Berührung, die man mit dem ganzen Körper fühlt. „Touch the sound!“, ist Glennies Aufruf an ihre Zuhörer und auch der Titel von Thomas Riedelsheimers poetischem Dokumentarfilm, der die Ausnahme-Perkussionistin porträtiert.</p>
<p><strong>Resonanz-Körper</strong></p>
<p>Klang braucht Resonanzen, um seine Kraft zu entfalten. Die Saite eines Kontrabasses klingt zaghaft. Erst im Zusammenspiel mit dem wuchtigen Bauch des Instruments entsteht der volle, faszinierende Klang.<br />
Wie der Bauch eines Kontrabasses wirkt auch der Mensch als Resonanzkörper. Klänge versetzen uns in Schwingung. Wir spüren sie auf unserer Haut, in unserem Bauch, mit unseren Füßen – sie berühren uns ganzheitlich.</p>
<p><strong>Sinnliches Hören</strong></p>
<p>Das Bewusstsein für dieses multisensorische Erleben von Klang ist vielen Menschen abhanden gekommen. Unser Alltagsleben ist akustisch überladen. Mediale Gewohnheiten überlasten unsere Wahrnehmung und stören das Gefühl dafür, wie bereichernd das bewusste Erleben von sinnlichen Eindrücken sein kann.<br />
Kinder haben oft noch einen natürlichen Zugang zum Akustischen. Sie empfinden Klang intuitiv. So kann man es im „Haus der Musik“ in Wien beobachten. Das Klangmuseum präsentiert in einem Ausstellungsraum Originalklänge aus dem menschlichen Mutterleib. Anders als die erwachsenen Besucher legen sich viele Kinder intuitiv auf den Boden des Ausstellungsraums, um die Klänge ganzkörperlich zu erfahren. Sie nähern sich damit der Wahrnehmungssituation im Mutterleib an, die jeder von uns einmal erlebt hat.</p>
<p><strong>Klang verbindet</strong></p>
<p>Hören nimmt eine prägende Rolle bei der Entwicklung der menschlichen Sinne ein. Denn lange bevor die Welt für den Embryo sichtbar wird, nimmt er hörend an ihr teil. Sprache, Geräusche, Musik aus der Außenwelt dringen zu ihm und vermischen sich mit Körperklängen. Pränatales Hören ist die erste Verbindung zur Außenwelt.<br />
Sehen kann isolierend sein. Wenn das Augenlid geschlossen wird, ist der Betrachter – wenn auch nur für einen kurzen Moment – getrennt von seiner Umgebung. Klang dagegen kennt keine Begrenzung. Töne schlagen Brücken zwischen dem Menschen und seiner Umwelt.<br />
Wer diese Verbundenheit mit der Welt erleben will, muss sich öffnen für bewusstes Hören – und Fühlen von Klang.</p>
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		<title>Twitter lesen – Theater spüren</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Feb 2010 18:12:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Magdalena Ulrich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bühne]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Schwatzbude&#8221; oder zeitgemäßes Marketing? Die ersten deutschen Bühnen nutzen Twitter für ihre Öffentlichkeitsarbeit.


„Felix Knopp erkrankt &#8211; Philipp Hochmair spielt Woyzeck.“ Nina Frankel scrollt weiter nach unten auf ihrer Twitter-Seite, klickt einen Link an und überfliegt die Rezension der Woyzeck-Premiere. Sie schaltet den Computer aus, schnappt sich ihre Handtasche, steckt die Theaterkarte hinein und verlässt das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8220;Schwatzbude&#8221; oder zeitgemäßes Marketing? Die ersten deutschen Bühnen nutzen Twitter für ihre Öffentlichkeitsarbeit.<br />
</strong></p>
<p><strong><span id="more-935"></span></strong></p>
<p><em>„Felix Knopp erkrankt &#8211; Philipp Hochmair spielt Woyzeck.“ </em>Nina Frankel scrollt weiter nach unten auf ihrer Twitter-Seite, klickt einen Link an und überfliegt die Rezension der Woyzeck-Premiere. Sie schaltet den Computer aus, schnappt sich ihre Handtasche, steckt die Theaterkarte hinein und verlässt das Haus. Nina ist auf dem Weg ins Hamburger Thalia Theater. Ihr Mobiltelefon piept. „Lautlos stellen“, denkt sie noch und sieht auf dem Display: Thalia Theater twittert: <em>„Rosenstraße gesperrt wegen Baustelle. Theaterparkhaus belegt.“</em> Nina nimmt die U-Bahn.<strong></strong></p>
<p><strong>Bisher twittern nur einzelne Theater</strong></p>
<p>Theaterinfos via Twitter &#8211; ab kommender Spielzeit kann das Wirklichkeit sein, denn das Thalia Theater hat sich auf www.twitter.com, dem Platzhirsch unter den Mikro-Blogging-Diensten, registriert. Auf der Twitter-Seite des Theaters ist zu lesen: Von August an wird hier gezwitschert. 140 Zeichen passen in einen Tweet (engl. to tweet = zwitschern), wie die Einträge auf Twitter genannt werden, mit denen Links und jegliche Art von Informationen versendet werden. Twitter funktioniert nach dem Abo-Prinzip: Um laufend mit den Twitter-Botschaften eines Benutzers versorgt zu werden, abonniert man diesen und wird damit zum „Follower“.</p>
<p>Wer wie Nina mit einem Internet-Handy mobil online ist, kann immer und überall twittern. Was häufig als digitales Spielzeug benutzt wird, um Freunde in Echtzeit am eigenen Alltagsleben teilhaben zu lassen, wird allmählich auch von den Marketing-Abteilungen der Theater entdeckt.<em><br />
„Wir suchen in Twitter Bühnen (Schauspiel, Musik, Puppen,&#8230;) um uns zu vernetzen und auszutauschen. Bitte melden! 3:23 PM Jun 14th“,</em> schreibt Benutzer „Bühnen Halle“, ein Zusammenschluss von Theater, Oper und Orchester der Stadt Halle. Der Tweet wirkt wie ein einsamer Hilferuf hinein in die Weiten der Twitter-Sphäre, in die sich bisher nur einzelne Enthusiasten der Theater-Szene gewagt haben: Der ZDF Theaterkanal, das Theatertreffen Berlin und: das Theater Dortmund, das Pionierarbeit geleistet hat als erstes twitterndes Theater in Deutschland.<em><br />
„Willkommen beim twitter-Feed des Theater Dortmund. Ab sofort gibt es hier Aktuelles und Infos rund ums Theater. 7:21 AM May 5th“, </em>war Anfang Mai dieses Jahres zu lesen. Seitdem twittert das Theater Dortmund mehrmals wöchentlich. 234 Follower hat der Theater-Tweet derzeit – doch Zahlen sind flüchtig in der Twitter-Welt. Täglich kommen neue Follower dazu.</p>
<p><strong>Junge Menschen fühlen sich im Internet zu Hause</strong></p>
<p>Nina Frankel ist 23, studiert Theaterwissenschaft und besucht das Thalia Theater aus Leidenschaft. Doch Nina ist eher eine Ausnahme. Von ihrem Platz in den letzten Reihen blickt sie auf viele wohlfrisierte graue Hinterköpfe.<br />
„Online-Marketing ist enorm wichtig geworden, um junge Zielgruppen zu erreichen“, sagt Gregor Fraser, Konzeptioner in der Online-Abteilung der Werbeagentur Jung von Matt in Hamburg, „wenn man um junge Kunden wirbt, holt man sie am Besten dort ab, wo sie sich zu Hause fühlen: im Internet.“<br />
Doch fraglich ist, ob das auch für Twitter gilt. Laut dem Medienforschungsunternehmen Nielsen Media machen mit 41 Prozent den Großteil der Twitter-Surfer die 35- bis 49-Jährigen aus. Twitter – ein Schauplatz für die, die sich junggeblieben fühlen wollen?<strong></strong></p>
<p><strong>Dialog als große Chance?</strong><em></em></p>
<p><em>„Was Ihr wollt! Uns interessiert, was Sie interessiert: treten Sie mit uns in Kontakt und sagen Sie uns, was Sie auf Twitter lesen möchten! 8:27 AM Jun 22nd“,</em> twittert das Theater  Dortmund und hofft auf Rückmeldung von Followern, was oft als Potential von Twitter hervorgehoben wird.<br />
Die Marketingberaterin Karin Janner hält den gesamten Bereich des Online-Marketings für Theater „für eine große Chance“. Sie betreibt den Blog www.kulturmarketingblog.de und ist Mitveranstalterin der „start09“, einer Konferenz über „Kultur und Web 2.0“, die im September dieses Jahres in Duisburg stattfindet. „Das Theater kann seine Besucher mittels Web nicht nur einseitig mit Infos vollstopfen,“, sagt sie, „sondern über den direkten Rückkanal eine Beziehung zu den Besuchern aufbauen und diese pflegen.“<br />
Doch muss man dafür twittern? „Für einen ergiebigen Dialog mit Kunden ist ein Blog besser geeignet als Twitter, weil damit ausführlicher kommuniziert werden kann.“, sagt Gregor Fraser. Ein geistreicher Austausch über Theaterthemen passt kaum in 140 Zeichen.</p>
<p><strong>Twitter ist eine „Schwatzbude”</strong></p>
<p>Nina hofft bei Twitter „auch ein paar Insider-Infos von hinter den Kulissen aufzuschnappen.“ Die Twitterer vom Berliner Theatertreffen machen es vor: <em>„Väterlich streichelt jürgen flimm schlingensiefs hinterkopf. 6:03 PM May 1st“ </em>Und: <em>„Die Staubsauger im Festspielhaus sind von Lorito&#8230;Loriot wäre eigentlich passender für die tägliche Putzkomödie hier. 9:20 AM May 6th“.</em><br />
Twitter ist eine „Schwatzbude“, die „Weltzentrale der Plattitüden“, schreibt der Spiegel im März dieses Jahres. Auf der Homepage von Star-Blogger Sascha Lobo heißt es gnadenlos: „Twitter ist der Kommunikationssprühnebel mit der Substanz einer im letzten Sommer verendeten Qualle am Strand.“ Aha. Und hier soll ein Zuhause entstehen für den intellektuellen Dialog zwischen Theater und Zuschauer?</p>
<p>Die Duisburger Philharmoniker twittern stolz als erstes Orchester in Deutschland unter dem Nutzernamen „philharmoniker“. Mit einigen ihrer Tweets sind sie tief in die Plauderfalle der Bedeutungslosigkeit getappt. <em>„bleibts bei 12.30h? 7:37 AM Jul 14th“ </em>fragt „philharmoniker“ den Benutzer „schwarzesgold“. Ja – bei was denn? Wir wissen es nicht. Wie gut, dass wir Folgendes erfahren: <em>„(&#8230;) muss (&#8230;) aufhören zu twittern. Katze hat Hunger 7:17 PM Jul“.</em> Derartig spannende Nachrichten sollten wohl eher als „direct messages“ versendet werden, die diskret unter Twitter-Freunden bleiben.</p>
<p>Von Seiten der Medienkritiker wird Nutzern von sozialen Netzwerken, zu denen Facebook, MySpace oder StudiVZ gehören, oft Wirklichkeitsverlust unterstellt, weil das Alltagsleben in die Online-Welt verlegt wird. Zwei getrennte Welten, so scheint es, Realität und world wide web.<br />
Ninas Freund war bisher nur einmal im Theater. Das ist lange her, zu Schulzeiten. „Theater ist nicht so mein Ding“, sagt er. Er ist fast rund um die Uhr online, er arbeitet in einer Hamburger Werbeagentur und programmiert Webseiten. Auf Twitter ist er bereits Follower vom Thalia Theater. „Das  interessiert mich,“, sagt er, „wie sich das Theater online präsentiert, von dem meine Freundin so oft erzählt.“</p>
<p><strong>Zwei Rollenspiele beschnuppern sich</strong></p>
<p>Vielleicht lässt er sich von den Theater-Tweets anstecken und sitzt zur nächsten Spielzeit gemeinsam mit Nina in einer der hinteren Reihen – auf den günstigen Plätzen im Hamburger Theater. Dann wäre Twitter keine Trennung zwischen digitaler und realer Welt, sondern eine Verbindung. Dann würde Twitter Brücken schlagen zwischen zwei Welten, die sich so unähnlich gar nicht sind. Denn auch Twitter kann eine Bühne sein, für Menschen, die sich eitel zur Schau stellen wollen, aber auch für solche, die wirklich etwas zu sagen haben. Zwei Rollenspiele, die sich beginnen zu beschnuppern. „Twitter und Theater sind beides Maskenspiele“, sagt Nina, „letztendlich interessieren uns doch die echten Menschen – auf der Twitter-Bühne kann ich von ihnen lesen. Im Theater aber, da kann ich sie spüren.“</p>
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