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	<title>Kulturen &#187; Patrick Schirmer</title>
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	<description>Das Online-Magazin der Kulturjournalisten an der UdK Berlin</description>
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		<title>Für mehr Menschlichkeit</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Jun 2010 23:49:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Patrick Schirmer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Deutschland diskutiert mal wieder über Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit. Leider immer nur unter negativen Gesichtspunkten. Es wird Zeit, endlich mal die Vorteile zu sehen.
Jetzt tun sie wieder so, als  ob es hier Probleme gäbe. Regen sich auf, wenn ein paar 13-jährige  Idioten nach einer schnell ge-exten Flasche Wodka nicht mehr ansprechbar   [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Deutschland diskutiert mal wieder über Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit. Leider immer nur unter negativen Gesichtspunkten. Es wird Zeit, endlich mal die Vorteile zu sehen.</strong></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Jetzt tun sie wieder so, als  ob es hier Probleme gäbe. Regen sich auf, wenn ein paar 13-jährige  Idioten nach einer schnell ge-exten Flasche Wodka nicht mehr ansprechbar   auf der Straße liegen. Tun so, als ob es die Sicherheit gefährden  würde, wenn an der U-Bahn oder im Park die Alkoholiker rumhängen.  Und erfinden die fadenscheinigsten Argumente, um neue Verbote zu  erlassen.  „Müll“, sagen sie? Dann müssen sie auch McDonalds verbieten, oder  Zigaretten, Zeitungen und praktisch jede volkswirtschaftliche Einheit,  die Bons und Quittungen ausstellen.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Die Realität sieht doch ganz  anders aus. In Deutschland ist der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit  konservativer und beschaulicher als der schlimmste Heimatfilm. Es liegt  nicht in unserem Naturell, die Öffentlichkeit als Ort des Suffs zu  erwählen. Wir bevorzugen die Gaststätten. Die sind unser Revier.</span></p>
<p><strong>Trunk und Gesang als deutsches Kulturgut</strong></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Wir lieben Trunk und Gesang.  In dieser Reihenfolge. Hätte Gott gewollt, dass wir das auf der Straße  veranstalten, hätte er uns zu Briten gemacht.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Es gibt kulturhistorische  Belege  für diese These. In „Casablanca“ kommen die Wehrmachtssoldaten  in die Kneipe, besetzen das Klavier und singen deutsches Liedgut.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Nicht unähnlich, wenn eine  deutscher Fußballverein im europäischen Wettbewerb ein anderes Land  bereist. Wir gehen in die Kneipen, saufen und singen unsere  Schlachtlieder.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Das kommt ein bisschen  martialisch  rüber, denn dafür taugt die deutsche Sprache immer noch, die anderen  kriegen Angst und wir gewinnen das Spiel. Man führt sich ein bisschen  wie ein Nazi auf, ist es aber doch nicht und kann beruhigt schlafen  gehen.</span></p>
<p><strong>Zunehmender Werteverfall</strong></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Dass in Deutschland nicht  gemeinsam  auf der Straße getrunken wird, veranschaulicht nur den Werteverfall  und die zunehmende Individualisierung in unserer Gesellschaft. </span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Schaut nach Spanien oder  Frankreich!  Die „botellones“ in Sevilla, die „apéro géant“ in Paris!</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Hier wird Gemeinschaftsgefühl  mit einer kleinen Geste symbolisiert. Statt zuhause zu sitzen und vor  dem Fernseher vor sich hin zu trinken – denn man braucht ja nicht  so zu tun, als ob hier nichts getrunken würde -, trifft man sich da  auf einem ausreichend großen Platz, um das Gelage gemeinsam zu  zelebrieren.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Hier in Deutschland braucht  man schon ein albernes Straßen- oder Volksfest oder ein sportliches  Großereignis, damit sich die Damen und Herren bequemen, mal mit Fremden  eine gemeinsame Zeit zu verbringen.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><strong>Die soziale Schere bremsen</strong><br />
</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Zwar ist es schön und für  die deutsche Wirtschaft und Kultur von Vorteil, dass es eine  Kneipenvielfalt  gibt. Und das soll auch so bleiben. Das Problem ist aber, dass eine  Kneipe auch immer jemanden ausschließt, weil man kein Geld hat, weil  man die falschen Klamotten hat und des Weiteren mehr.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Öffentliche Treffen, bei denen  Alkohol konsumiert wird, könnten diesem Wachstum der sozialen Schere  entgegenwirken. Man teilt miteinander, man lernt Leute kennen und das  alles zu dem Preis und dem Ausmaß, auf das man gerade Lust hat.  Gemeinschaft  würde erzeugt werden und der demographische Wandel könnte in seiner  Kraft erheblich geschwächt werden.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><strong>Deutsche Spontanität</strong><br />
</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Jetzt stellt sich die  berechtigte  Frage, ob das denn in Deutschland überhaupt möglich ist. Sowas, wie  in Spanien und Frankreich. Würden wir nicht leicht dazu tendieren,  es wieder zu reglementieren, zu sagen: Jeden ersten und dritten Freitag  im Monat öffentliches Besäufnis, bei Regen werden Zelte bereitgestellt?  Können wir überhaupt so spontan sein?</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Wir können nicht nur, wir  sollten es auch endlich lernen. Natürlich ist es schwer, wie jeder  Anfang, aber die WM 2006 war ein Beispiel, wo es gelungen ist. Das  sollten  wir fortsetzen.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Es auch mal ohne Großleinwand  probieren. Ein bisschen Gesellschaft üben. Den Einsamen die Möglichkeit  geben, abseits von Wallfahrten nach Taizé und ähnlichem Hokus-Pokus,  wieder Leute kennen zu lernen. Die Behinderten integrieren. Wieder ein  bisschen solidarischer, ein bisschen menschlicher sein.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Und natürlich wird da mal  einer umfallen. Aber würde er es nicht auch sowieso?</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;"><strong>Keine Zwänge, nur Gemeinschaft</strong><br />
</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Wir müssen das öffentliche  Trinken nicht eindämmen, wir müssen es fördern. Sozusagen den Geist  aus dem Jahr 2006, in dem unser Land ein paar Wochen lang Schland hieß,  in neue Dimensionen befördern. Ohne Fußball, denn auch Fußball schließt  aus. Eine öffentliche Anlage tut das nicht. Denn wer keinen Alkohol  mag oder darf, muss ja auch nicht. Abstinenzler und Muslime dürfen  sich auch willkommen fühlen.</span></p>
<p><span style="font-family: Times New Roman; font-size: small;">Wie wäre das schön, was würde  es alles über unser Land aussagen, wenn so was möglich wäre? Wenn  sich die Menschen, abseits von Anlässen und Konsumierpflicht treffen  und ein paar Stunden gemeinsam verbringen? Uns selbst und die Welt  überraschen  könnten. Die Deutschen: entspannt und locker. Wer hätte das gedacht?</span></p>
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		<title>Integriert sein, lächeln, Klappe halten</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Apr 2010 17:26:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Patrick Schirmer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie die neue niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan noch rechtzeitig vor Amtsantritt lernte, was es bedeutet, in der CDU zu sein.
Er hatte es sich so schön zurechtgelegt, der Christian Wulff. Damit würde er den großen Coup landen. Mit einer kleinen Geste würden alle Vorurteile, die gegen die CDU herrschen mögen und die von Roland Koch so [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wie die neue niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan noch rechtzeitig vor Amtsantritt lernte, was es bedeutet, in der CDU zu sein.</strong><span id="more-1242"></span></p>
<p>Er hatte es sich so schön zurechtgelegt, der Christian Wulff. Damit würde er den großen Coup landen. Mit einer kleinen Geste würden alle Vorurteile, die gegen die CDU herrschen mögen und die von Roland Koch so vortrefflich portraitiert werden, wie die Hoffnungen von Hertha BSC nächstes Jahr erstklassig zu spielen, verpuffen.  Verbohrt, stockkonservativ. Das alles würde der Vergangenheit angehören, wie zufriedenstellende Wahlergebnisse für die SPD.</p>
<p>Er hatte seine Talentscouts vorgeschickt und in der Hamburger Bürgerschaft waren sie fündig geworden. Der neue Star. Jung, hübsch, Frau. Und wenn das noch nicht genug wäre auch noch türkischer Abstammung. Und – man wagt es kaum, es auszusprechen &#8211; Muslimin. Ganz hervorragend integriert, das war vorher geprüft worden.  Siegessicher stellte er sie den Medien vor. Aygül Özkan. Eine Sensation.</p>
<p><strong>Ein Tsunami der Euphorie und ein implodierendes Handy</strong></p>
<p>In den nächsten Tagen ergoss sich ein Tsunami der Euphorie über diese Entscheidung. Praktisch jeder, der der Meinung ist, seine Ansichten über Türken, Muslime, Integration oder Politik ganz generell der Allgemeinheit kundtun zu müssen, äußerte sich wohlwollend bis hingerissen von der nahezu wahnwitzigen Idee, dass es gerade die CDU sei, die als erste eine türkischstämmige Muslimin zur Ministerin machte. Die Interviewanfragen und Anrufe auf dem Handy von Frau Özkan waren so zahlreich, dass, so erzählt man es sich, das gute Gerät schließlich implodierte.</p>
<p>Spiegel Online war eines der Medien, die es schaffte, vor dieser physikalischen Unwahrscheinlichkeit, gerade noch ein Interview zu verabreden. Dort erzählte sie gut gelaunt, das C im Parteinamen stehe für Menschlichkeit und Nächstenliebe, das fände sie beides super. Auch erwähnte sie ihre ablehnende Haltung gegen Kopftücher an Schulen. So weit so gut.</p>
<p>Das andere Medium war der Focus. Und dem erzählte sie, dass sie nicht nur Kopftücher an Schulen ablehnte, sondern auch Kruzifixe.</p>
<p>An dem Tag erfuhr Frau Özkan, was es bedeutet, in der CDU zu sein.</p>
<p><strong>Niedersachsen liebt das Kruzifix, auch an Schulen, gefälligst</strong>!</p>
<p>Man hatte als der CDU verbundener Skeptiker mit vielem rechnen können. Dass sie zu unerfahren war, der Aufstieg zu schnell kam, dass sie zu muslimisch war. Bei allen Vorschusslorbeeren, wäre dies für alle nachvollziehbar gewesen und kein Grund für Scham und Trauer. Aber dass sie eine eigene Meinung hat, die auch noch im Widerspruch zu der Parteilinie steht. Wer hätte das voraussehen können?</p>
<p>Unsere christliche Tradition!, polterten die Bayern in der CSU. Niedersachsen liebt das Kruzifix!, erklärte ihr Wulff, der neue Chef. Da liegt sie falsch!, ließ sich auch eine leise Stimme aus dem Saarland vernehmen.</p>
<p>Aygül Özkan tat, was jeder vernünftige Politiker in dieser politischen Landschaft macht, in der eine eigene Meinung und ein fester Standpunkt für ein billiges Accesoire von H&amp;M gehalten wird und das auch nur in wahlfreien Epochen angezogen wird: Sie ruderte zurück. Selbstverständlich seien Kruzifixe toll, gerade an Schulen. Ein Ministerposten ist immer noch besser als ein Funken Standhaftigkeit.</p>
<p>Und so blieb eine Republik zurück, die sich fühlte wie eine Fußballmannschaft, die nach einer 5:0 –Führung in der letzten Minute den Ausgleich einfängt, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat.</p>
<p>Und ein verwirrter Christian Wulff. Er hatte es sich so schön zurechtgelegt.</p>
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		<title>Der Teufel und ich</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Mar 2010 00:13:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Patrick Schirmer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leben]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach langer Schaffenspause veröffentlicht die Soulikone Gil Scott-Heron nun ein neues Album. Ein sehr persönliches Werk, was aber auch Fragen stellen lässt: Ist es das jetzt wert oder will da jemand nur genug Geld verdienen, bevor alles zu spät ist?
Braucht die Welt das noch? Ein weiterer abgehalfterter, ehemals erfolgreicher Musiker macht Jahre nach seinen großen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Nach langer Schaffenspause veröffentlicht die Soulikone Gil Scott-Heron nun ein neues Album. Ein sehr persönliches Werk, was aber auch Fragen stellen lässt: Ist es das jetzt wert oder will da jemand nur genug Geld verdienen, bevor alles zu spät ist?</strong><span id="more-1148"></span></p>
<p>Braucht die Welt das noch? Ein weiterer abgehalfterter, ehemals erfolgreicher Musiker macht Jahre nach seinen großen Erfolgen ein neues Album.  Sein Alter lässt die Kritiker an Weisheit denken, an jemanden, der die Härte des Lebens ebenso wie die guten Seiten in extremer Form erlebt hat. Bei Johnny Cash zumindest hat es funktioniert. Rick Rubin ließ ihn Songs von jüngeren Musikern aufnehmen. Die tiefe, sonore Stimme des alten Meisters, gepaart mit der spärlichen Begleitung seiner Gitarre gab dem Zuhörer das Gefühl, dass die „Amerian Recordings“ mehr als nur der Versuch eines windigen Top-Produzenten waren, mit dem Namen eines verdienten Mannes Geld zu verdienen.</p>
<p>Nun also Gil Scott-Heron. Einer der großen Poeten der „Black Power“- Bewegung oder zumindest jener Zeit. Er, der mit seinem Song „The Revolution will not be televised“ nicht nur den Nerv vieler Bürgerrechtler der Sechziger Jahre traf, sondern gleichzeitig eine Catchphrase für alles Mögliche lieferte. The Revolution will not be televised,  the revelation is now televised, the revolution will not be on Youtube. Und so weiter.</p>
<p><strong>Ein Mann mit einer Botschaft</strong></p>
<p>Erfolg war ihm beschieden. Seine Mischung aus Funk und gesprochenem Wort ließ ihn zu einer Ikone werden, als einen Vorläufer dessen, was wir heute unter HipHop verstehen. Sein Song „The Bottle“, über Alkoholiker, die schon früh morgens vor den Läden mit Lizenz zum Alkoholverkauf stehen, weil sie keine andere Perspektive im Leben sehen, wurde eines seiner größten Hits. Eingängig, sozialkritisch. Es war das, was diese Generation brauchte.</p>
<p>Er schrieb Bücher, das erste, „The Vulture“,  noch bevor er seine erfolgreiche Musikkarriere startete. Erfolg bei den Kritikern, beliebt bei seinen Lesern und Zuhörern, für seine intellektuelle Reife, für seinen Zorn, für seine Fähigkeit, anhand Beispielen aus dem einfachen Leben die Geschichte des großen Ganzen zu erzählen. 1982 nahm er ein Album auf, danach hatte er seine erste große Auszeit. 1994 kam dann noch eins: „Spirits“. Danach wenig. Er veröffentlichte 2001 noch ein Buch mit Gedichten: „Now &amp; Then“.</p>
<p><strong>Der Superheld und das Kokain</strong></p>
<p>In einem Interview mit dem britischen Guardian sagte er jüngst, die Leute hätten vermutet, er hätte sich in Luft aufgelöst. Aber, so fügte er hinzu, das können doch nur Superhelden, oder?</p>
<p>Die Wahrheit lässt an alles, nur nicht an einen Superhelden denken. Er wurde mehrfach festgenommen, hauptsächlich wegen Kokain, saß ein paar Jahre im Gefängnis. Gebrochen, ein einsamer alter Mann, der einmal auf großen Bühnen den Leuten davon erzählt hatte, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Im Interview mit dem Guardian, freilich, sieht er das natürlich ebenfalls im Kontext des großen Ganzen: „Ich hatte schlechte Zeiten, sicherlich, aber wenn man in mein Alter kommt, passiert so eine Scheiße manchmal. Man bekommt Probleme, vielleicht verliert man jemanden, ein Elternteil oder einen Freund. Vielleicht geht deine Ehe kaputt, du verlierst deine Frau oder der Kontakt zu deinen Kindern bricht ab. Aber welches Leben kennt nicht solche Geschichten?“</p>
<p>Die Wende kam, als der britische Musikproduzent Richard Russell ihn im Gefängnis besuchte und davon überzeugen konnte, ein neues Album aufzunehmen. Die alte Geschichte.</p>
<p><strong>Coverversionen gegen das Vergessen</strong></p>
<p>Nun halten wir es also in unseren Händen, das Ergebnis dieser Zusammenarbeit. „I’m new here“, heißt das Ding, 15 Songs, etwa 30 Minuten Musik.  Manch einem Kritiker ist die ironische Konnotation aufgefallen, die der Albumtitel beherbergt, manch anderer hat den Mut bewundert, den Titel einer Coverversion des amerikanischen Singer/Songwriters Bill Callahan mit grünen Lettern fett aufs Albumcover zu drucken.</p>
<p>Und nicht nur das. Auch die erste Single „Me and the devil“, anhand eines grobkörnigen Schwarzweiß-Videos von skatenden, wüst bemalten Jugendlichen auf Youtube publik gemacht, ist natürlich eine Coverversion. Ein Song des großen Bluesmusikers Robert Johnson, der, und daran glauben wir fest, einst dem Teufel seine Seele verkaufte, damit dieser ihm ausreichend das Gitarrenspiel beibringe. Was immerhin geklappt zu haben scheint, wenn man sich seine Musik anhört. Mit Dubkängen unterlegt erzählt nun Gil Scott-Heron, wie er eines frühen Morgens dem Teufel begegnet: „Early this mornin&#8217;, ooh, when you knocked upon my door. And I said, ‘Hello, Satan, I believe it&#8217;s time to go.’&#8221; Der Rest des Albums? Hauptsächlich mit Musik unterlegte Gedichte.</p>
<p><strong>Ein wahrer Poet und ein kaputtes Zuhause</strong></p>
<p>Doch es ist genau diese Mischung, die dieses Album zu großartig, die diese Musik so unwiderstehlich macht.  Diese Verbindung von moderner Musik mit dem Geist einer anderen Zeit, die Kombination zwischen gesprochenem Wort und Gesang. Man hat das Gefühl, einem der letzten wahren Poeten zuzuhören, etwa wenn er, ebenfalls von Dubklängen unterlegt, das Gedicht „Your soul and mine“ zum Besten gibt, das schon in seinem literarischem Erstlingswerk dem Roman voransteht.</p>
<p>Oder wenn er im ersten Song  „On coming from a broken home“ erzählt, wie er von seiner Großmutter groß gezogen wurde, um dann zu dem ironisch-bitteren Schluss zu kommen, dass er lange von zuhause ausgezogen war, bevor er feststellen musste, dass er in kaputten Verhältnissen, „in a broken home“, aufgewachsen war.</p>
<p>Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Welt genau sowas braucht. Vermutlich nicht. Die Welt hat andere Probleme. Aber wenn ein Teil von dem, was die Welt braucht, eine halbe Stunde exzellente Musik und Poesie ist, dann ist „I’m new here“ das Beste, was sie zur Zeit kriegen kann. Von einem alten Mann, der, und auch daran glauben wir fest, die Höhen und Tiefen des Lebens wie wenige andere erlebt hat.</p>
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		<title>Organisierte Kreativität</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Feb 2010 19:34:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Patrick Schirmer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bühne]]></category>
		<category><![CDATA[Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Beim „Kreuzberg Slam“ treffen Profis auf Amateure. Es geht um Worte, Lacher und ein Megaphon. Applaus ist quasi garantiert.

Am Ende gab es dann ein Megaphon als Preis. Auf dass die Worte nicht verstummen mögen, die an dem Abend so zahlreich und in verschiedenster Form erklungen waren. Schreit es hinaus in die Welt, scheint der Preis [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><strong>Beim „Kreuzberg Slam“ treffen Profis auf Amateure. Es geht um Worte, Lacher und ein Megaphon. Applaus ist quasi garantiert.</strong></strong></p>
<p><strong><span id="more-1023"></span></strong></p>
<p>Am Ende gab es dann ein Megaphon als Preis. Auf dass die Worte nicht verstummen mögen, die an dem Abend so zahlreich und in verschiedenster Form erklungen waren. Schreit es hinaus in die Welt, scheint der Preis zu sagen.  Oder etwa nicht?</p>
<p>Ein Abend im Lido in Kreuzberg. Kreuzberg Slam heißt die Veranstaltung, einer von etwa siebzig regelmäßig stattfindenden Poetry Slams in Deutschland. Kreativer Vorleseabend meist junger Dichter. „ Eine Mischung aus Lesung und Rockkonzert“, beschreibt Sebastian Lehmann, einer der Organisatoren des wortreichen Spektakels, die Idee der Slams.</p>
<p><strong>Ein Bier, eine Bühne und ein Haufen Worte</strong></p>
<p>Tatsächlich. Statt wie bei altbackenen Lesungen einen Tisch mit einem Glas Wasser als Bühnendeko, bekommen die Wagemutigen hier allein ein Mikrophon als Waffe. Und fünf Minuten Zeit, um ihre teils lyrischen, teils prosaischen Texte dem Publikum zu präsentieren. Wer etwas trinken will, kann sich an der Bar ein Astra holen. Poesie in Clubatmosphäre. Poesie als Wettbewerb.</p>
<p>Denn ob der inhaltlichen Freiheit, die den Künstlern zusteht, funktioniert der Slam nach strengen Regeln. Drei Runden à fünf Autoren. Nur Selbstgeschriebenes, keine Requisiten. Jeder hat fünf Minuten Zeit für seinen Text, überschreitet er sie, wird er mit Musik unterbrochen. Am Ende jeder Runde wird per Applaus abgestimmt, wer am besten war. Die drei Gruppenersten kommen ins Finale. Dort dürfen sie einen zweiten Text vortragen. Der Applaus wiederum bestimmt den Sieger des Abends.</p>
<p>Und dementsprechend laut geht das Ganze auch vor sich. „Es ist schon so, dass der, der die meisten Lacher drin hat, gewinnt. Melancholische Texte hört man eher selten“, erzählt Paul, Student und regelmäßiger Besucher von Poetry Slams. Wer die worthungrige Meute belustigt, erntet mehr Applaus, hat also mehr Chancen aufs Finale und den Sieg. So die einfache Regel, die die meisten der Vortragenden tunlichst befolgen.</p>
<p><strong>Wirtschaftskrise, Alkoholiker und die Liebe</strong></p>
<p>Dabei kann alles <span style="color: #000000;">herhalten.</span> Ob die Folgen der Wirtschaftskrise oder der Dienstwagenvorfall der Gesundheitsministerin in Spanien. Ob die Erlebnisse als Vegetarier beim Grillen oder die eines Möchtegernpunks bei den Chaostagen in Hannover. Bemerkenswert häufig erscheint das Motiv des Gesprächs mit arbeitslosen Alkoholikern. Und selbstverständlich die Liebe, die analysiert, seziert, angeklagt, angefleht oder einfach nur beschrieben wird.</p>
<p>„Das Tolle am Poetry Slam ist die Prägnanz, die dadurch entsteht, seinen Text in kürzester Zeit vortragen zu müssen“, erklärt Sebastian Lehmann. Seit zwei Jahren organisiert er mit drei Freunden <span style="color: #000000;">der </span>Kreuzberg Slam. „Damals gab es kaum <span style="color: #000000;">einen richtigen Slam i</span>n Berlin.“ Sie entschlossen sich, selbst einen ins Leben zu rufen. Bis vor kurzem fand er im Kato statt, bis der Erfolg der Veranstaltung den Slam ins größere Lido ziehen ließ.</p>
<p><strong>Dichten, Entscheiden und Fahrtkosten teilen</strong></p>
<p>Nachdem die erste Runde mit Philipp einen eindeutigen Sieger hervorgebracht hatte, steht Moderator Kolja nach Ende der zweiten Runde vor einem Problem. Es gibt fünf Autoren, die alle vom Publikum etwa gleich laut und gleich lang beklatscht werden. Er geht die Namen noch einmal einzeln durch, mit einer kurzen Zusammenfassung des vorgetragenen Textes. Keine Chance. Das Publikum applaudiert bei jedem Namen frenetisch.</p>
<p>„Ich gehe zwar gerne hin, aber selbst könnte ich das nicht. Einen Text schreiben vielleicht, aber ich könnte mich nicht da hinstellen und vortragen“, gesteht Paul. Vielen im Publikum dürfte es ähnlich gehen. Damit sich nicht zu wenige Leute für die fünf Minuten Rampenlicht melden, wird etwa die Hälfte der Auftretenden vorher von den Organisatoren eingeladen. So genannte Profi-Slammer, die mit ihrer Kunst auf Tour sind und in der Szene einen Namen haben. „Großes Geld verdienen sie aber nicht damit. Wenn etwas am Ende von den Einnahmen übrig bleibt, versuchen wir, sie bei den Fahrtkosten zu unterstützen, “ sagt Sebastian Lehmann.</p>
<p>Moderator Kolja versucht es noch einmal. Diesmal werden nur die Namen genannt, der Applaus darf zwei Sekunden pro Künstler dauern. Am Ende entscheiden Kolja und sein Co-Moderator Sebastian, dass der lauteste Applaus Bas Böttcher, einem Star der Szene, galt. Eine zweifelhafte Entscheidung. Seinen Text „Alles in allem“, habe er schon beim letzten Slam vorgetragen, wird im Publikum geraunt. Groß protestiert wird aber nicht. Publikum und Künstler erheben sich zur Pause.</p>
<p><strong>Zittern, Routine und &#8220;eigentlich alles schon mal gehört&#8221;<br />
</strong></p>
<p>Kommt es denn häufiger vor, dass sich Texte wiederholen? „ Von den Profi-Slammern, also von denen, die wir im Vorfeld eingeladen haben, habe ich alles eigentlich schon mal gehört“, erzählt Sebastian Lehmann. „ Aber es gibt ja auch immer neue, die ich noch nie gesehen habe, wie zum Beispiel Philipp, der die erste Runde gewonnen hat.“</p>
<p>Am ganzen Körper zitternd hatte der junge Mann seine fünf Minuten auf der Bühne gestanden, und dennoch mit fester Stimme und charmantem Witz sein Können präsentiert. Zunächst, in Anspielung auf Hemingway und Tolstoi, zwei sechs Wörter lange Kurzgeschichten. Daraufhin ein Gedicht über die Lügen der Liebe als Abschluss. Spielend hatte er damit die erste Runde gewonnen, die ausschließlich aus Nicht-Profis bestand.</p>
<p>Denn neben den großen Namen, soll sich dem Ur-Prinzip der Poetry Slams nicht verweigert werden: Dass jeder, der möchte, seine Kunst präsentieren darf. Einfach beim Einlass Bescheid geben. So das Verfahren. <span style="color: #000000;">Nach den ersten Slams in Chicago in den achtziger Jahren hat es die Dichtkunstwettbewerbe im Fernsehen gegeben, es wurden Weltmeisterschaften ausgetragen. </span>Wie alles Gute und Spontane, wurde versucht, es zu kommerzialisieren. Dass in  Kreuzberg nicht an Szenegrößen gespart wird, ist sicherlich symbolisch dafür.</p>
<p><strong>Ein &#8220;Rockstar&#8221;, ein Publikum und keine Buh-Rufe</strong></p>
<p>Auch die dritte Runde hat mit Felix Römer einen bekannten Slammer als Sieger hervorgebracht. In dem Wissen, dass sein Text bereits bekannt war, hatte er das Publikum gebeten, prägnante Zeilen doch bitte mitzusprechen. Er wolle das Gefühl eines Sängers haben, bei dem das Publikum die Lieder mitsingt, hatte er mitgeteilt. Das Publikum hatte brav pariert. Kann es sein, dass Philipp die erste Runde nur gewonnen hatte, weil dort keine Profis  in der Gruppe waren?</p>
<p>Paul erläutert die Bedeutung von Erfahrung bei Poetry Slams. „Ich würde nicht bei so einem großen Slam wie dem hier anfangen. Weil das Publikum hier groß und sehr kritisch ist. Ich würde bei ein paar kleineren Slams beginnen, um zu sehen, was ankommt und was nicht.“ Damit aber keiner verletzt nach Hause geht, ist auch hier vorgesorgt. Der Kreuzberg Slam ist kein Apollo Theatre, wo keine Buh-Rufe schon ein Lob sind. Im schlimmsten Fall gibt es hier wohlwollenden Applaus.</p>
<p><strong>Applaus, Frauen</strong><strong> und ein kühles Getränk </strong></p>
<p>Das Finale zeigt schnell die Differenzen auf. Philipp präsentiert dem vollen Saal eine diffuse Geschichte über ein Gespräch mit einem „Alki am Spreeufer“, woraufhin Felix Römer das Konzept des interaktiven Liebesgedichts gegen die Wand fährt. Bas Böttcher ist als Letzter dran. Er übt sich in gekonnter, wenn auch nicht sonderlich kreativer Wortakrobatik, indem er in zwölf Punkten die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Punkt darlegt.</p>
<p>Ein letztes Mal darf der bis in die letzte Ecke gefüllte Saal des Lido um die Wette applaudieren. Es wird gejohlt, es wird geschrien. Am Ende darf Bas Böttcher das Megaphon entgegennehmen. Umarmungen für die Mitstreiter, dann ein kühles Getränk und sich in weiblicher Gesellschaft in den Pavillon verziehen. Der Routinier<span style="color: #ff0000;"> <span style="color: #000000;">hatte</span> </span>sich durchgesetzt.</p>
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